Unter den großen Dynastien, die die Geschichte Europas in den letzten achthundert Jahren prägten, erreicht keine der einzigartigen historischen Rang des Hauses Habsburg. Aus dem bedeutungslosen Grafengeschlecht der Habichtsburger, die im 11. Jhdt. erstmalig im Elsass urkundlich erwähnt wurden, erwuchs eine Familie, die auf ihrem Zenit in der Epoche Kaiser Karls V(1519-1556) und König Philipps II von Spanien (1556-1598) nur eine Handbreit von der Weltherrschaft entfernt war. In insgesamt 28 Lebensbildern entwirft Richard Reifenscheid in dem vorliegenden Buch die Geschichte dieses Herrscherhauses von Rudolf I, dem ersten Habsburger, der im Jahre 1273 die deutsche Königskrone errang, bis Kaiser Karl von Österreich, der nach dem Untergang seines Reiches im Jahre 1918 Land und Besitz verlassen und ins Exil gehen musste.
Wie war ein solcher Aufstieg möglich? An Ehrgeiz fehlte es nicht, wie das privilegium maius zeigt, die große Fälschung aus der Kanzlei des Habsburgers Rudolf IV (1356-1365) das dem Hause Habsburg, das bei der Auswahl zum Kurkolleg durch die Goldene Bulle von 1356 übergangen worden war, alle Rechte eines selbstständigen Staates zusprach. Aber Ehrgeiz allein reicht natürlich nicht, Glück und Geschick müssen hinzukommen, und davon besaßen die Habsburger in ihrer Heiratspolitik mehr als genug.
Eigentlich begann alles damit, dass der Herzog Albrecht V von Österreich, Elisabeth von Böhmen heiratete, die Erbin Kaiser Sigismunds, der 1437 ohne männlichen Nachfolger starb, so dass er seinem Schwiegersohn Albrecht Kaisertitel und Besitzungen vererbte. Albrechts Nachfolger, der Habsburger Friedrich III (1440-1493) gelang ein noch größerer Coup: er verheiratete seinen Sohn Maximilian mit Maria von Burgund, der Erbin des unermesslich reichen Herzogtums Burgunds, das dann nach dem Tod des Schwiegervaters und einigen Irrungen und Wirrungen auch tatsächlich an das Haus Habsburg fiel. Aber damit nicht genug. Kaiser Maximilian I ( 1493-1519) verheiratete seinerseits seinen Sohn Philipp den Schönen, den Erben Burgunds, mit Juana von Spanien, der Erbin des spanischen Thrones, so dass deren Sohn Karl V (1519-1556) als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, als Herzog von Burgund und als spanischer König in der Epoche der großen Entdeckungen zum mächtigsten Herrscher der Welt aufstieg.
In der Epochenscheide der Reformation hat es aber auch Kaiser Karl V ebenso wenig wie sein Sohn König Philipp II von Spanien vermocht, die konfessionelle Spaltung Europas aufzuhalten. Mit dem Untergang der spanischen Armada 1588 scheiterte der habsburgische Weltmachtanspruch dann endgültig.
Doch damit war die Geschichte des Hauses Habsburg noch lange nicht zu Ende. Nur der Schwerpunkt verlagerte sich nach Deutschland, wo Karls Bruder Ferdinand I (1556-1564) und seine Nachfolger von nun an die deutsche Kaiserkrone trugen. Wirkliche Macht war damit nur in den Hauslanden der Habsburger, in Ostereich, Böhmen, Mähren, Ungarn und Oberitalien verbunden, doch diese Macht reichte aus, um zwei historische Missionen zu erfüllen: im Verein mit England gelang die Abwehr der französischen Vorherrschaft, und im Bündnis mit Ungarn bildete die Habsburgermonarchie seit der letzten Belagerung von Wien im Jahre 1683 das Bollwerk des Abendlandes gegen den Türkensturm. Mit der Schrittweisen Befreiung der christlichen Balkanvölker vom türkischen Joch endet die Glanzzeit des Hauses Habsburg.
Mit Kaiser Karl VI stirbt im Jahre 1740 der letzte Habsburger ohne männlichen Nachkommen, und wie die Geier stürzen sich ungeachtet aller vertraglichen Verpflichtungen die europäischen Fürsten (unter ihnen auch die aufstrebenden Hohenzollern aus Brandenburg-Preußen ) auf das herrenlose Imperium, das unter Kaiserin Maria Theresia (1740-1780) als neue Dynastie Habsburg-Lothringen nur mit Mühe überlebt.
Der Rest ist stilvoller Untergang. Seit der Französischen Revolution bildet die Habsburgermonarchie zuerst den Eckstein der monarchistischen Ordnung, seit dem Erwachen des Nationalismus schließlich das immer unzeitgemäßere Relikt eines vornationalen Imperiums, das schließlich im Völkerchaos des Ersten Weltkrieges untergeht.
Fürwahr eine gloriose Geschichte. Wie wird sie im vorliegenden Buch beschrieben? Um der Wahrheit die Ehre zu geben: ein wenig bieder, um nicht zu sagen: recht spröde werden die Herrschergestalten abgehandelt, Kaiser und Könige kommen und gehen, doch größere Zusammenhänge werden nur selten aufgezeigt. Gut geeignet also für Leser, die sich über einzelne Herrschergestalten schnell informieren wollen - als zusammenfassende Schau eines der ganz großen Herrscherhäuser der europäischen Geschichte noch erheblich ausbaufähig.