Dieses Buch wurde mir von einer lieben Bekannten empfohlen mit den Worten "Versuche erst gar nicht, eine Hauptfigur oder einen durchgängigen Handlungsstrang zu entdecken, die Hauptfigur ist der Haarteppich und das große Rätsel löst sich erst ganz am Ende". Wer das Buch mit diesem Vorabhinweis genießt, läuft auch nicht Gefahr, seine Aufmerksamkeit an den falschen Stellen zu vergeuden oder eben nach etwas zu forschen, dass dieses Buch nicht enthält.
Das Buch steigt mitten im Leben eines Haarteppichknüpfers ein. Die Haarteppichknüpfer gehören einer Handwerksgilde an, die den Grundstein einer ungeheuren, planetenübergreifenden Infrastruktur bilden und deren Leben(sweise) streng reglementiert ist. So darf jeder Haarteppichknüpfer nur einen Sohn haben, jedoch beliebig viele Frauen und Töchter. Die weiblichen Mitglieder einer Familie stellen ihr Haar zur Verfügung, aus denen das Familienoberhaupt im Laufe seines Lebens genau einen Teppich fertigt, dessen Maße und Beschaffenheit ebenfalls genau festgelegt sind. In einem feierlichen Zeremoniell übergibt ein Haarteppichknüpfer am Ende seines Lebens den vollendeten Teppich an einen Händler, erhält eine beträchtliche Summe Geldes, die für die Zeitspanne eines ganzen Knüpferlebens bemessen ist, und sein Sohn beginnt schließlich den nächsten Zyklus. Ein religionsähnlicher Kult um einen unsterblichen Kaiser, der auf einem entfernten Planeten die Teppiche (angeblich) zum Schmuck seines Palastes verwendet, sichert die Demut und Loyalität des gesamten Apparates aus Knüpfern, Händlern und Raumfahrern.
Dieser beschriebene Rahmen stellt den atomaren Grundbaustein einer Geschichte dar, deren Ausmaß (und auch Unerhörtheit) tatsächlich neue Maßstäbe setzt. Die Geschichte erweitert mit jedem Kapitel die Perspektive und den Blickwinkel und fügt immer neue Handlungsstränge ein, die zunächst zusammenhangslos erscheinen oder nur vage mit den bereits bekannten verknüpft sind. Man beginnt sozusagen mit dem Blickwinkel und Kenntnisstand einer Ameise, um zum Ende hin die gesamte Tragweite einer Geschichte zu begreifen, die Begriffe wie Eitelkeit, Rache und Buße neu definiert.
Um als Leser dieses Buch vollendet geniessen und verinnerlichen zu können, muss man zwei Voraussetzungen erfüllen:
1.) Man muss damit leben können, auch mal über 150 Seiten in der Luft zu hängen, weil man die Handlungsfäden im Kopf partout nicht verknüpft bekommt und
2.) man darf das Buch nicht nebenbei, unaufmerksam oder halbherzig lesen, weil man sonst die vielen (relevanten) Details nicht richtig aufnehmen kann.
Wer diese Voraussetzungen erfüllt, dem wird am Ende des Buches ein richtiger Knaller geboten. Ich zumindest bekam - nachdem sich die letzten Schleier gelüftet hatten - eine ganze Weile die Kinnlade nicht wieder geschlossen. Zur allgemeinen Beruhigung darf gesagt sein, dass sich wirklich alles zum Ende hin auf- und erklärt. Das sich daraus ergebende Gesamtbild läßt sich dann in einem Wort folgendermaßen zusammenfassen:
BOAH!
Volle fünf Sterne ***** von mir ohne wenn und aber.