Dem beeindruckenden kleinen Buch der französischen Autorin Emmanuelle Pagano wurde gerade der Europäische Literaturpreis für aufstrebende Talente verliehen. Darin verarbeitet sie Erinnerungen an ihre eigene Jugend, an ihre damalige Nachbarin, eine sehr junge Mutter, die mit 15 ihr erstes - ein behindertes - Kind bekommt.
Paganos Protagonistin lebt in der Gendarmeriekaserne eines südfranzösischen Dorfes, in der ihr Vater seinen Dienst versieht. Die Welt ist eng in dieser kleinen Gemeinde und klar strukturiert. Pünktlichkeit und Sauberkeit sind die einzigen Lebensregeln, die Meinung der Nachbarn, das Maß der Dinge. Aus Sicht der namenlos bleibenden Ich-Erzählerin erfährt der Leser wie es zu diesem "Missgeschick" kommen konnte, von dem die Eltern des Mädchens erst in Kenntnis gesetzt werden, als es um die Zustimmung zum Kaiserschnitt geht. Ihre Schwangerschaft bewältigt sie vollkommen auf sich allein gestellt. Medizinische geschweige denn seelische Unterstützung erfährt sie nicht. Die Chance auf ein normales Leben ist fortan passé für sie. Ein gewaltsamer Ausbruchversuch aus der seelenlosen Monotonie ihres Lebens endet in einer erneuten Schwangerschaft.
Emmanuelle Pagano, die sich als gelegentlich freundlich zulächelnde, aber ansonsten stumme, immer mit einem Buch in der Hand auf den Treppenstufen sitzende Nachbarin, selbst in das Buch hineingeschrieben hat, thematisiert damit auch ihr Bedauern, diese junge Mutter, die nur ein paar Haustüren weiter wohnte, nie unterstützt zu haben. Doch das junge Mädchen stellt sich ihrem "verpfuschten" Leben. Sie beginnt als Hilfskraft in einem Frisiersalon, nimmt sich eine kleine Wohnung und zieht ihre zwei Söhne allein auf. Als ihre Mutter einen Heimplatz für den mittlerweile fünfjährigen behinderten Pierre organisiert hat, gilt es eine persönliche Entscheidung zu treffen.
"Die Haarschublade", so scheint es auf den ersten Blick, ist ein resignativer und höchst beklemmender Roman. Paganos direkte Sprache, die übrigens wunderbar von Nathalie Mälzer-Semlinger ins Deutsche übertragen wurde, tut ein Übriges dazu. Die kurzen, einfachen Sätze der Ich-Erzählerin kumulieren geradezu die Einsamkeit und Malaise, in der sie sich befindet und offenbaren auf geradezu erschreckende Art und Weise die Einschränkung ihres sozialen und persönlichen Horizontes durch das "Gefängnis ihrer Jugend". Doch weit gefehlt. An und mit ihren Kindern wächst und reift die junge Frau und erkennt langsam, dass es so etwas wie ein liebevolles und wohlwollendes Verhältnis zur Umwelt geben kann. Der Leser schließt dieses Mädchen, das nie gelernt hat, sich zu artikulieren, unwillkürlich in sein Herz. Und ihr Haartick wird umso verständlicher, wenn man den Erklärungen der Autorin in einem Interview folgt: "Für mich war das Haare schneiden eine Möglichkeit, ihre Gefühle und ihr Verhältnis zur Außenwelt zu beschreiben, wie ich es sonst nicht geschafft hätte. Ich beschreibe oft Gefühle über Gesten und Handlungen." Der dritte Roman der französischen Autorin ist also keineswegs eine fatalistische Erzählung, sondern ein durch und durch optimistischer und höchst menschlicher Glücksfall.
Fazit:
"Schreiben heißt zu versuchen, die Narben zu öffnen, sie aufzukratzen, auch wenn das ein wenig schmerzt", sagt Pagano. Diese Selbstkasteiung ist der französischen Autorin auf beeindruckende Weise gelungen. Die einfache, minimalistische und präzise kleine Erzählung einer jungen, alleinerziehenden Mutter, ihres alltäglichen, aber keineswegs gewöhnlichen Lebens und ihres ebenso kleinen, aber dadurch wiederum großen Glücks geht tief unter die Haut.