Die gerahmte Welt Die Wahrnehmung des Fremden im Zeitalter globaler Medien
Ferne Länder sind wie Erzählungen. Es ist schwer, aus einer solchen Erzählung auszubrechen, wenn sie sich erst einmal festgesetzt hat, wenn sie durch vielfaches Wiederholen rund geschliffen worden ist zu einem handlichen Stück Gebrauchs-Wahrheit. Will ein Korrespondent die Erzählung eigenmächtig ändern, dann reagieren die Redakteure in der Zentrale so entrüstet wie Kinder, denen plötzlich eine veränderte Fassung ihres Lieblingsmärchens erzählt wird. Indonesien hatte lange Zeit nur eine Pointe: Wann zerbricht das Inselreich? Die Annahme, es zerbräche nicht, verriet Leichtfertigkeit, oder schlimmer: Unkenntnis. Die Pointe konnte nur verdrängt werden durch eine andere, noch stärkere Pointe: Wird Indonesien islamistisch? Falls der Terrorismus je aufhören sollte, die Perspektive unserer Weltsicht zu bestimmen, wird gewiss das Zerbrechen des Inselreichs erneut ein drängendes Thema. Framing nennen Medienwissenschaftler diesen Mechanismus: Journalisten beschreiben die Realität innerhalb eines Rahmens, der sich im Laufe der Zeit eher unbewußt etabliert hat. Das Bild innerhalb des Rahmens ist nicht falsch im engen Sinn des Wortes, auch nicht gefälscht, aber es wirkt verfälschend, weil es nur eine sehr verengte Perspektive auf die Realität erlaubt. Und das Fatale ist: Wir, die Mediennutzer, bemerken es nicht. Auch wenn wir uns für gebildet und kritisch halten. Der ständigen Wiederholung und der Macht der Bilder kann sich niemand entziehen. Ein Fernsehzuschauer, der aus Pakistan nur Fäuste schüttelnde, bärtige Männer zu sehen bekommt, hält dieses Land naturgemäß für intolerant und bedrohlich. Er weiß nicht, dass jedem Trupp bärtiger Männer ein Trupp Kameramänner auf den Fersen ist. Als die Amerikaner im Irak Saddam Hussein in seinem Erdloch gefangen nahmen, brach in Bagdad helle Begeisterung aus, wer eine Waffe hatte, schoss in die Luft vor Freude. So sah es jedenfalls bei BBC aus; stundenlang, in jedem Nachrichtenblock, wurde gefeiert und geschossen. Eine deutsche Kollegin vor Ort fuhr mit dem Wagen durch Bagdad, suchte die Feiernden und fand so gut wie niemanden. Die BBC-Bilder zeigten nur die Reaktion eines kleinen Segments der irakischen Gesellschaft. Islamische Internate werden immer wieder als Brutstätten von Hass und Intoleranz portraitiert, die Bilder dazu zeigen stets junge Männer. Als ich in Indonesien und Malaysia solche Schulen besuchte, war ich überrascht, dort auch Mädchen anzutreffen, und zwar recht selbstbewußte Mädchen. Jene zu Recht schlecht beleumundeten Schulen sind wieder nur ein Segment der Wirklichkeit. Oft sind sich die Journalisten des Framing selbst gar nicht bewußt. Im Kreislauf der sich selbst bestätigenden Gebrauchswahrheiten sind sie sowohl Treiber als auch Getriebene, Täter wie Opfer. Aufgrund der Umsatzgeschwindigkeit und des Umsatzvolumens von Nachrichten ist auch der Korrespondent vor Ort in großem Maße ein Medienkonsument auf dem Gebiet, wo er oder sie eigentlich Produzent ist. Die Reportagen in diesem Buch entstanden unter Bedingungen, die vergleichsweise luxuriös waren. Als freiberufliche Autorin konnte ich mich von kurzatmiger Aktualität freihalten, hatte Zeit, vor Ort zu recherchieren, im kürzesten Fall drei Tage, im längsten drei Wochen. Ein altmodischer Journalismus, der zu Fuß geht, in übertragenem Sinn, manchmal auch in wörtlichem. Wer fremde Wirklichkeit auf diese Weise erkundet, macht die Erfahrung aller Ethnologen: Es ist mühselig und zeitaufwendig, selbst schlichte Fakten zu erheben. In einem Dorf gab es Streit zwischen zwei ethnischen Gruppen, am Ende lag ein Toter auf der Straße, was war geschehen? Ich verbrachte einen Tag damit, Zeugen zu befragen, die sich auf so groteske Weise widersprachen, dass ich aufgab. Wie gelingt es manchen Medien, bei viel größeren derartigen Konflikten binnen kürzester Zeit ein Bild zu präsentieren, in dem Schuld und Unschuld klar sortiert sind? Zeit ist ein seltener Luxus in der Auslandsberichterstattung und ein Luxus ist auch, so seltsam es klingt, das Reisen. Viele Korres- pondenten verbringen die meiste Zeit am Computer ihres Büros, sie müssen sich ständig bereithalten, sich ständig auf dem Laufenden halten, so erfordert es die globale Hetzjagd der Nachrichten rund um den Globus. Die sekündlich aktualisierte, weltweit abrufbare Berichterstattung ist wie ein reißender Fluß, in dessen Mitte der Korrespondent auf einem winzigen Floß exklusiven Wissens hockt und kämpft, nicht unterzugehen. Die Region, für die ein Korrespondent zuständig ist, einst niedlich »Beritt« genannt, wird zugleich immer größer, eine Folge des Zwangs zum Sparen in vielen Redaktionen weshalb auch der Etat für Recherche-Reisen schrumpft. Zusammengefasst: Es wird immer schneller über immer mehr berichtet, was immer weniger Berichterstatter mit eigenen Augen gesehen haben. Von Bangkok aus die Geschehnisse in Afghanistan vermelden, von Delhi aus die Motive der Freischärler in den südlichen Philippinen analysieren, das ist kein längst Notbehelf mehr, sondern oftmals Alltag. Wenn indes an den Schauplätzen jener Krisen und Kriege, die als vorrangig gelten, tatsächlich Hunderte oder Tausende Berichterstatter vor Ort sind, geschieht etwas Erstaunliches: Die Konkurrenz führt in der Regel nicht zur Vielfalt, sondern im Gegenteil zur Einfalt. Beim Kampf der Vielen um die knappen Bildmotive und die kargen Informationen wird framing zum Überlebensprinzip. Wer will den zögerlichen Zeugen interviewen, die friedlichen Demonstranten filmen, wenn die Kollegen daheim in der Zentrale schon den Brandgeruch in der Nase haben? Bloß einen Konflikt nicht verharmlosen, im Zweifelsfall lieber dramatisieren, damit ist man auf der sicheren Seite. So treibt die Konkurrenz das Worstcase- Denken voran, schürt später Paranoia beim Zuschauer. Jeder muß die Fäuste schüttelnden Bärtigen im Kasten haben und die genießen das natürlich. Die Machos aller Länder straffen sich vor den Augen der Kameras zu echten Kriegshelden. Die Vermutung, Gewalt sei das beste Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen, hat sich seit dem berühmten 11. September zur Gewissheit verdichtet. Eine Bombe garantiert den schnellsten Zugang zur Weltöffentlichkeit. Es ist kaum übertrieben zu sagen, dass wir nur jene Regionen und Konflikte wahrnehmen, die in unser Bewusstsein gebombt werden. Die Bombenleger überschätzen allerdings die Dauer der so errungenen Aufmerksamkeit. Die Macht der europäischen und amerikanischen Medien und Networks wird als überwältigend empfunden, und wer sich in ihrem Weltbild nicht wiederfindet wie gegenwärtig viele Muslime , mag hassen allein aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus. Ins Überdimensionale kann indes auch die Erwartung schießen, der Ohnmacht könne abgeholfen werden. In unserer medienübersättigten Gesellschaft machen wir uns keine Vorstellung, welche Hoffnung das Auftauchen einer westlichen Journalistin auslöst bei Menschen, die in irgendeinem gottverlassenen Winkel für ihre Interessen kämpfen. Frauen weinten vor Freude, nur weil ich mir ihre Sorgen anhörte; der Bauer, den ich besuchte, würde nicht mehr fürchten müssen, von seinem Land vertrieben zu werden, und die Kinder, deren Namen ich notierte, würden zweifellos eine gesicherte Zukunft haben. Dass mein Bericht über ihre drängenden Nöte in einer Redaktion warten würde, bis diese Nöte in die sogenannte »Blattmischung« passen, und sie hernach ein Nanopartikelchen im globalen Strom des rasch Konsumierten und rasch Vergessenen sein würden wie sollte ich das vermitteln, wo doch meine Hautfarbe, meine guten Schuhe und die Länge meiner Anreise unbestreitbare Indizien von Macht und Einfluß waren? Internet und Satellitenfernsehen haben die Bedeutung geografischer Entfernung von Grund auf verändert aber ist unser Wissen von der Welt deshalb größer? Zunächst fällt auf: Distanzen schrumpfen asymmetrisch. Ein Korrespondent »draußen« soll einen ganzen Kontinent im Griff haben, während sich daheim die Abmessungen der Kleingärten keineswegs ändern: Wehe, wenn der Hessen-Reporter in Thüringen wildert! In der Zone der geschrumpften Distanzen wird man hingegen gefährlich schnell zur Expertin. Ich hatte eine einzige Reportage über Vietnam veröffentlicht, als man mich in einer deutschen Hörfunksendung als Vietnam-Kennerin befragte. Die Kollegin, die mich zu einem vorbereitenden Gespräch anrief, ging davon aus, Vietnam sei noch geteilt, an der Grenze stünden sich Soldaten gegenüber. Sie hatte Vietnam vermutlich mit Korea oder Kaschmir verwechselt. Ein Ethnologe, den ich in Papua traf, berichtete, wie er einer angesehenen deutschen Fernseh-Auslandsredaktion einen Bericht über diese Region auf Neu-Guinea anbot. Die Leiterin der Sendung lehnte bedauernd ab: Da habe man doch den Korrespondenten in Nairobi. Sie dachte wohl, was schwarz ist, muss in der Nähe Afrikas sein. Mithilfe von Internet und Satellitenfernsehen kann ein schreibender Korrespondent, der in Jordanien sitzt, die Folgen eines Erdbebens im Iran so farbig schildern, als wäre er vor Ort. Weinende Angehörige und die Trümmer einer Stadt lassen sich auch vom Fernsehschirm weg beschreiben. Nur: Es sind Informationen aus zweiter Hand, Framing ist unvermeidbar. Eine englischsprachige indische Zeitung zitiert in ihrer Online-Ausgabe einen namenlosen Mann von der Straße zum Kaschmir-Konflikt; es ist ein Rikschafahrer aus Neu-Delhi, willkürlich herausgegriffen. Binnen Stunden radelt unser Rikschafahrer durch die Weltpresse, nun das indische Volksempfinden repräsentierend. Es ist in Mode gekommen, Berichten derart eine Als-ob-Authentizität zu verleihen. Die Nähe zum Geschehen muss simuliert werden, das Erkennenlassen der realen Distanz wäre verdächtig. Aber das Internet legt so auch neue Schienen für die Interpretation fremder Kulturen. Wenn sie online verfügbar ist, kann eine einzige englischsprachige Zeitung das internationale Bild dieses Landes mehr prägen als alle Medien in der Landessprache zusammen genommen. Wer möchte nicht gern die Meinung einer irakischen Zeitung zitieren? Ob sie von Relevanz ist im Land oder vielleicht nur die Ansicht einer verwestlichten Minderheit wiedergibt, das bleibt dem Leser solcher Zitate allerdings verborgen. Damit kein Missverständnis aufkommt: Das Internet hat die Möglichkeiten, sich über andere Länder zu informieren, enorm verbessert. Ich habe vier Jahre in Malaysia gelebt, keine vernünftige Zeitung, keine große Bibliothek nahebei; ich hing am Internet wie am Tropf, erkundete die Länder der Region erst online, dann offline. Ich war erstaunt, wie blendend man sich vorbereiten kann mithilfe des Internet und wie sehr sich die virtuelle von der wirklichen Realität jedesmal unterschied. Im virtuellen Kambodscha ist ein Internationales Tribunal gegen die verbliebenen Anführer der Roten Khmer längst überfällig. Das Internet überträgt nicht das große traumatisierte Schweigen, das zu diesem Thema im Lande herrscht, jenseits einer kleinen Schar von Aktivisten. Man kann sich online mit den Ansichten hochinteressanter Leute vertraut machen, sie werden immer wieder zitiert im Land angekommen, stellt man fest: Kaum jemand kennt sie. Es handelt sich um eine virtuelle Prominenz. In den meisten Ländern Südostasiens markiert der Digital Divide eine innere Spaltung, eine Spaltung im Denken, in der Wahrnehmung, eine soziale ohnehin. Nur mit ihren virtuellen, geruchslosen Seiten scheint die Welt zusammenzurücken, kleiner zu werden, nicht mit ihren staubigen. In Malaysia ist die politische Opposition im Internet so stark wie sonst nirgends. Manche ethnische Minderheit demonstriert online einen Zusammenhalt, den sie offline längst verloren hat. Separatisten, die im Dschungel aussichtslos kämpfen, präsentieren sich triumphal auf der virtuellen Bühne. Individuen, Gruppen, ganze Völker dürfen sich im Internet eine Traum-Identität schaffen. Was also gilt? Was wissen wir? Eine Mittelklasse-Gegend in den Philippinen mag für unsere Augen aussehen wie ein Armutsviertel. Wir sind Blinde, sobald wir unseren vertrauten Kulturkreis verlassen, die Zone der uns vertrauten Zeichen. Simpler und zugleich schwerer als die Deutung eines tibetanischen Rollbildes ist: Alltag entziffern. Zäune, Feldgröße, Straßenbreite interpretieren. Dächer lesen. Was ist arm? Woran erkennt man unter den Armen den Besserverdienenden? Wieviele Kochtöpfe verraten gesellschaftlichen Aufstieg? Wie riecht gutes Leben im Schlechten? Die Maßstäbe dafür kommen nur »zu Fuß« in unsere Köpfe, durch Beobachten, Vergleichen. Wieviele unserer journalistischen Urteile entstehen aufgrund falscher Wahrnehmung, falscher Maßstäbe? »Und plötzlich eine andere Welt«, so lautet eine beliebte journalistische Wendung, die sich leider auch in meine Berichte einschleicht, wenn es gilt, die Überraschung darüber zu vermitteln, welche Unterschiede, gar Gegensätze sich innerhalb eines Landes, einer Stadt, einer Kultur auftun. Hier das Hochhaus, dort die Hütte; hier die Disko, dort der Schleier. Wie banal! In der fantasiearmen Formulierung von den zwei Welten verbirgt sich eine unnötige Entschuldigung: Wir belästigen den Leser oder Zuschauer mit Schattierungen, wir verweigern jene Eindeutigkeit, die zu liefern von unserem Berufsstand doch erwartet wird. So dumm die Floskel sein mag, sie dementiert eine noch dümmere, die von der »einen Welt«. Die eine Welt mag es als ökologische Verantwortungsge- meinschaft geben oder als Schöpfungsidee, aber in der sozialen und politischen Wirklichkeit gibt es sie im Zeitalter der globalen Bilder genauso wenig wie zuvor. Wofür ich plädiere: den Rahmen weit machen, Entfernungen wieder anerkennen, Zweifel honorieren. Nichts ist so dumm und so lächerlich wie der Glaube, durch unser kleines Guckloch würden wir die Welt erkennen.