Kurzbeschreibung
Bamberg 1626. Der alte Weihbischof versetzt die einst friedliebenden Bürger der Stadt mit seinem Hexenwahn in Angst und Schrecken. Als Marie Sternens Ehe kinderlos bleibt, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an Ava, eine geheimnisvolle, schöne Frau, von der man sagt, sie verwandle sich in klaren Mondnächten in ein Otterweibchen. Doch Ava kann nicht helfen, denn auch sie liebt Maries Mann, heimlich und verzweifelt. Noch ahnt niemand in Bamberg, dass das kommende Unheil seinen Anfang nahm in Avas Haus.
Klappentext
Neue Osnabrücker Zeitung
"Wer für den Urlaub noch einen Schmöker mit Niveau sucht, hier ist er."
Augsburger Allgemeine
Über den Autor
Auszug aus Die Hüterin der Quelle von Brigitte Riebe. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Bekas Fiepen drang in ihren Schlaf und ließ sie unruhig werden. Als es immer durchdringender wurde, erwachte sie.
Im Traum war Ava mit ihm zusammen gewesen, wieder einmal. Sie hatte das Aroma von frischem Holz wahrgenommen, das von seinen Kleidern ausging, die Hitze seiner Haut. Ohne Forderung oder Ungeduld hatte er sich ihr genähert, mit wissenden Händen und einem schmerzlichen Zug um den Mund, den sie nicht zu enträtseln wusste, bis sie in seiner Umarmung verschwunden war. Ob der Krippenschnitzer heute auf den Wochenmarkt kommen würde?
Reka war verstummt. Stattdessen stupste er nun mit seiner Schnauze so lange gegen die Decke, bis sie die Hand ausstreckte und ihn streichelte.
»Du weißt genau, dass du nicht ins Bett darfst«, sagte sie, da war er schon neben ihr. Über den Winter war er mager geworden. Sie spürte die Rippen unter der Haut, als sie ihn berührte, betastete die dünnen Flanken, den eingefallenen Bauch. Sein Fell war feucht und verströmte einen unverwechselbaren Geruch. Er war ein Raubtier mit messerscharfen Zähnen, wenngleich er ihr gehorsamer folgte als ein Hündchen. Als Welpen hatte sie ihn gefunden, in einem verlassenen Fuchsbau, unten am Fluss, mit trübem Blick, halbtot vor Hunger. Sie hatte gewartet, ob die Fähe nicht doch zurückkam, aber als die Zeit verstrich und nichts geschah, nahm sie den Winzling an sich und trug ihn nach Hause.
Sie hatte richtig gehandelt, das wusste sie spätestens am nächsten Morgen, als sie beim Kräutersammeln im Wald entdeckte, was zwei unter Laub versteckte Ottereisen aus seiner Mutter gemacht hatten. Sie gab ihm einen Namen aus ihrer alten Heimat und sorgte dafür, dass er groß und stark wurde.
Die Leute aus der Stadt verstanden nicht, was sie verband. Sie wandten sich ab, wenn sie sie zusammen erblickten, manche voller Scheu, andere mit unverhülltem Widerwillen. Ava machte sich nichts daraus.
Egal, was sie tat, sie bot ohnehin Anlass zu vielerlei Spekulationen. Man munkelte, in mondhellen Nächten steige sie als Menschenfrau in die Regnitz, um anschließend als Otterweibchen das gegenüberliegende Ufer zu erklimmen. Sie trage ein Fellkleid, das sie abstreifen könne, sobald es Tag werde, verstünde sich auf die Sprache der Tiere. Mühelos wandere sie zwischen den Welten. Kein Kraut sei ihr unbekannt, sogar gegen Impotenz und Unfruchtbarkeit wisse sie den richtigen Trank. »Die Otterfrau« nannten sie die Leute in Bamberg, und sie war stolz darauf, betrachtete es als Auszeichnung, nicht als Beschimpfung, auch wenn es sie einsam machte.
Sie hatte aufgehört zu widersprechen, lange schon. Im Wald und am Fluss war sie zu Hause. Geschlossene Häuser mit engen, dumpfen Zimmern bereiteten ihr Unbehagen. Und sie liebte diese Tiere, ihre kraftvollen, gedrungenen Körper, die im Wasser heimisch waren, aber sich ebenso schnell an Land bewegen konnten.
Rekas Augen waren schwarz und lagen weit auseinander. Er legte eine Pfote auf ihren Arm, eine auffordernde Geste, die sie jedes Mal rührte.
»Das heißt, ich soll aus dem Bett, um endlich nach den Fischen zu sehen.« Er bekam einen liebevollen Klaps. »Und Recht hast du, ich bin die langweilige Grütze ebenso leid wie du!«
Sie schob ihn zur Seite und stand auf. Ein Windstoß fegte durch die Ritzen des Hauses, heulte durch Küche und Kammer. Ava fröstelte, als die überraschende Kälte mit kleinen Nadelstichen ihre Haut traf. Gestern Abend noch war es so mild gewesen, dass sie nackt unter die Decke geschlüpft war, und jetzt konnte es ihr gar nicht schnell genug gehen, das Winterkleid überzustreifen. Zitternd schlang sie zusätzlich ein Tuch um die Schultern.
Reka zwängte sich vor ihr durch die angelehnte Türe. Sie lief ihm nach und blieb nach ein paar Schritten stehen.
Ihre Lungenflügel füllten sich mit kalter Luft. Dabei war es schon Ende Mai, einige Tage nach Christi Himmelfahrt. Gestern noch hatte alles geblüht, war prall, voller Verheißung gewesen. Jetzt hatte Frost das Laub geschwärzt, mit weißen Linien die Konturen nachgezeichnet. Reif bedeckte das Gras, ließ ihre bloßen Füße taub werden.
Überall Zeichen der Zerstörung, abgestorbene Blumen, geknickte Zweige, winzige Schwarzdrosseln, die viel zu früh aus dem Nest gefallen waren und nun leblos am Boden lagen, verkrümmte, dunkle Federknäuel auf dem körnigen Eis.
Sie erreichten den Hollerbaum. Nackt reckten sich die Äste in den bleiernen Himmel; all die frischen grünen Blätter waren abgefallen, lagen nun schwarz und tot am Boden. Ava lehnte ihre Wange an den Stamm. In seinen Zweigen wohnen die Vorfahren, das hatte sie schon als Kind gelernt. Der Lebensbaum, der stets in Menschennähe wächst und zu kümmern beginnt, wenn ein Haus brennt oder eine Kapelle abgerissen wird. Mehr als alles andere war er für sie die Erinnerung an ein verlorenes Zuhause, an einen anderen Garten, in dem sie gespielt und gelacht hatten, unter den dunklen Dolden des Holunders.
Das war lange vorbei.
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann tasteten ihre kräftigen Finger den Zweig entlang. Sie spürte erste Knospenansätze. Kraftvoll fühlten sie sich an, lebendig. Der Holler war ein Baum voller Wunder. Wenn sie Glück hatte, würde er sich erholen, und sie konnte den Kindern im Herbst Saft und Marmelade vorsetzen.
Der Gedanke an die fünf, stets zusammen und doch so unterschiedlich, brachte sie in Bewegung. Kuni, die drei Jungen und vor allem die Kleine, die sich ihnen als Letzte angeschlossen hatte, brauchten ein warmes Quartier, jetzt, wo die Kälte den Frühling so jäh in die Flucht geschlagen hatte, und sie würden hungrig sein.
Sie überschlug die Fischmenge, die sie für den heutigen Markttag vorgesehen hatte, und zog ein gutes Drittel davon ab. Lenz und Toni konnten mühelos für vier essen, und selbst Kaspar, der Jüngste, war in letzter Zeit kaum satt zu bekommen. Einer der Gründe, warum sie mit Bastians Hilfe bereits im Herbst den Räucherofen vergrößert hatte. Jetzt war er so stattlich, dass er die Rückseite des Schuppens füllte.
Bastian Mendel hätte gern noch mehr für sie getan, alles für sie getan, aber das konnte er sich aus dem Kopf schlagen. Denn da gab es auch noch Mathis, den sie lieber niemals zu genau fragte, woher er seinen Fang hatte. Sie war nicht zu kaufen, weder mit Fischen noch mit Schmeicheleien, und der wortkarge Fischermeister hatte diese Lektion ebenso lernen müssen wie der Wilderer, der nie um eine Ausrede verlegen schien.
Gestern war sie zu müde gewesen, um die Forellen und Schleien herauszunehmen und die Zander und Hechte abzuhängen. Jetzt holte sie das Versäumte nach, legte die Fische in zwei Körbe und freute sich, als sie noch eine Reihe fast vergessener Äschen entdeckte. Thymianduft erfüllte den ganzen Schuppen. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen.
Rekas Stupsen wurde dringlicher. Sie warf ihm den kleinsten Fisch zu. Hungrig stürzte er sich darauf.
»Ich werde mich beeilen müssen«, sagte sie und ließ einen zweiten folgen, den er ebenso gierig verschlang, schließlich einen dritten. »Heute dauert ohnehin alles länger, darauf kannst du wetten. Auf dem Markt werden sie viel zu reden haben, jetzt, wo die Welt aus den Fugen geraten ist.«
Aufmerksam schaute Reka zu ihr hinauf. Ava war überzeugt, dass er jedes Wort verstand.
»Ja, ich möchte, dass er kommt«, sagte sie. »Ich wünsche es mir, mehr als alles andere. Obwohl ich ihn kaum kenne und so gut wie nichts über ihn weiß. Aber ich will sein Lächeln wieder in meinem Rücken spüren. Und sehen, wie seine Hände meine Fische anfassen, wenn sie schon nicht meine Haut streicheln.«
Unwillkürlich hatte sie sich bewegt, stieß sich dabei mit der Schulter am gemauerten Ofen und unterdrückte einen Schmerzenslaut.
»Natürlich wird Bastian eifersüchtig sein. Und Mathis könnte einen seiner Wutanfälle bekommen. Aber ich gehöre ihnen nicht. Und schließlich müssen sie es ja nicht einmal erfahren. Der Krippenschnitzer ist und bleibt mein Geheimnis. Mein wunderschönes, kostbares Geheimnis, Reka.«
Das Jungbier war verdorben. Pankraz Haller roch es, als er seinen Felsenkeller auf dem obersten Stephansberg betrat. Vier riesige Bottiche, und allen entströmte der gleiche Gestank. Betreten stand Georg Schneider, sein dienstältester Braugeselle, daneben.
Haller zog seinen Rock aus, krempelte die Hemdsärmel hoch. Jetzt störte ihn, dass das brokatbesetzte Wams so eng saß. An feiner Kleidung lag ihm nichts. Er trug sie nur, weil später eine Sitzung im Rathaus stattfand, an der er teilnehmen musste.
»Wie konnte das passieren?« Schimmel hatte sich abgesetzt, trieb träge im flackernden Licht der Öllampen auf der Oberfläche. »Am Brunnenwasser kann es nicht liegen. Das Quantum Malzschrot ist richtig bemessen, die Siedezeit stimmt. Die Würze war in Ordnung, als du sie bei mir geholt hast. Das habe ich selber überprüft. Woran liegt es also?«
»Drutenwerk!« Georg Schneiders mageres Gesicht wurde finster. »Habt Ihr nicht gesehen, was sie draußen alles angerichtet haben? Man sagt, der ganze Wein sei schwarz, am Stock verdorrt. In einer einzigen Nacht. Das ganze Korn erfroren -weit und breit.«
Der Braumeister schien ihn nicht zu hören. Der Gerstenvorrat war ausreichend. Eine Teuerung konnte ihn nicht schlimm treffen. Aber was war mit dem Hopfen? Seit Jahren schon bezog er ihn vor allem aus dem böhmischen Saaz; er hatte die stabile Qualität der gelblich grünen Dolden zu schätzen gelernt. Doch seitdem er darauf hoffen konnte, in absehbarer Zeit Hoflieferant zu werden, hatte er aus taktischen Gründen auch bei Bamberger Hopfenbauern gekauft. Und sie mussten ebenso von dem Kälteeinbruch betroffen sein.
»Braumeister?« Schneiders Stimme klang besorgt. »Ist etwas mit dir?«
»Nein. Nichts. Gar nichts.« Alles würde sich fügen. Wer so umsichtig zu wirtschaften wusste wie er, fand immer eine Lösung. »Du hast doch die Hefe verwendet, die ich dir angeschafft habe?«
Plötzlich vermisste er Marie. Alles hatte er mit ihr besprochen und beraten; manchmal hatte es schon geholfen, wenn er seiner Tochter einfach nur sagen konnte, was ihn bedrückte. Keine zweihundert Schritte trennten die Lange Gasse, wo sie mit ihrem Mann wohnte, vom Oberen Sand, wo sein Brauhaus stand. Und dennoch kam es ihm vor, als lebten sie in zwei verschiedenen Welten, seitdem aus seinem Mädchen die Frau von Veit Sternen geworden war.
»Ja. Natürlich. Ich habe ganz genau abgemessen. Fünfzehn Maß auf ein Gebräu von dreißig Eimern.«
Pankraz Haller war schon beim nächsten Punkt.
»War jemand außer dir hier? Jemand, der sich vielleicht unbemerkt Eintritt verschafft haben könnte?«
»Niemand. Zumindest kein menschliches Wesen«, verteidigte sich Schneider. »Der Schlüssel hängt an meiner Schürze. Immer.« Er dämpfte seine Stimme. »Aber du weißt ja, dass ich nicht gerne hier unten bin. Diese langen unterirdischen Gänge...«
»Was soll das Gerede? Wir Brauer profitieren am meisten von den Kellern unter der Stadt. Also hör auf damit. Irgendetwas muss den Gärvorgang gestört haben. Aber was könnte das sein?«
Haller tauchte einen Becher hinein, schöpfte ihn halb voll und hielt ihn seinem Gesellen unter die Nase.
»Es könnte am Transport liegen, an Temperaturschwankungen, an der Lagerung - an irgendetwas, was wir noch nicht wissen. Es gibt eine logische Erklärung dafür. Davon bin ich überzeugt. Wir müssen sie nur finden.«
Schneider wich zurück.
»Die Druten. Ich sag es dir doch. Und sie haben uns auch die Kälte beschert, dieses elende Hexenpack!«
»Mein Namensvetter Pankratius ist ein strenger Herr. Vielleicht hat er sich mit seinen eisigen Brüdern dieses Jahr einfach nur um ein paar Tage verspätet. Nein, unser Bier .«
»Lebendige Kröten werfen sie heimlich in den Sud«, fiel Schneider ihm ins Wort. »In Würzburg hat man sie dafür ins Feuer geschickt. Hast du nicht die Predigt am letzten Sonntag in Sankt Martin gehört? Dagegen kann nicht einmal der heilige Laurentius etwas ausrichten«, seine Hand fuhr zum Amulett, das er um den Hals trug, »geschweige denn ein Stück geweihte Kreide im Kessel .«
Pankraz Hallers Gesicht färbte sich rot.
»Davon wirst du schön die Finger lassen! Im Storchenbräu ist kein Platz für solchen Aberglauben. Sauberkeit, Genauigkeit und Fingerspitzengefühl, das sind meine Zauberworte.
Und wer sich nicht daran hält, hat in meinen Diensten nichts verloren. Hast du das endlich kapiert?«
»Ja. Natürlich.« Er klang jämmerlich. »Aber was soll nun damit geschehen?«
»Wir fangen noch einmal an. Aber wir werden uns beeilen müssen. Wenn wir das Sommerbier nicht bald in die Eiskeller schaffen, haben wir nichts mehr zu verkaufen, wenn es warm ist.« Haller wirkte gelassen, auch wenn er es nicht war. »Ich muss zu einer Sitzung ins Ratshaus. Du lässt inzwischen beim Müller das Malz mahlen und bereitest einen neuen Sud vor. Sobald ich zurück bin, übernehme ich die Aufsicht.«
»Um dort den Druten für alle Zeiten das Handwerk zu legen?« Schneiders Tonfall war erwartungsvoll.
»Unsinn! Die Stadt braucht Geld. Und der Rat muss sehen, wo er es herbekommt. Die auswärtigen Schiffer werden es sich künftig mehr kosten lassen müssen, unseren Hafen anzulaufen. Unser Fürstbischof kommt uns teuer. Seine Treue zur Katholischen Liga lässt er sich am liebsten mit blankem Gold aufwiegen.«
»Warte. Geh noch nicht!« Schneider hatte ihn am Ärmel gepackt. »Mir ist gerade etwas Wichtiges eingefallen.« »Ausgerechnet jetzt?«
»Hannerl vom Seelengässchen«, stieß er hervor. »Die Tochter der alten Hümlin. Natürlich, warum bin ich nicht gleich darauf gekommen?«
»Was ist mit der Frau?«, fragte Pankraz Haller.
»Tag für Tag kam sie, ihr Krüglein abzuholen«, sagte Schneider verlegen. »Sie hat mich gedauert, mit ihrem lahmen Bein. Weil sie doch ganz allein auf der Welt ist, seitdem man ihre Mutter damals .«
»Du hast ihr Bier geschenkt?«
Zaghaftes Nicken.
»Nur Reste. Das, was wir sonst weggeschüttet hätten. Aber irgendwann ist sie übermütig geworden und hat es regelrecht verlangt. Als stünde es ihr zu. Und als sie mich vor zwei Tagen wieder so dreist angegangen ist, da hab ich sie zum Teufel gejagt. Sie hat gekeift und gezetert und zum Schluss .« Er schluckte. »Sie hat uns verflucht. Den ganzen Storchenbräu mit Mann und Maus. Ihr haben wir dieses Schimmelgebräu zu verdanken, Braumeister. Sie ist schuld!«
»Es ist immer einfacher, Fehler bei anderen zu suchen, nicht wahr?« Pankraz Haller nahm seinen Rock und zog ihn an. »Da kann man sich das eigene Nachdenken sparen. Du weißt, was ich davon halte - gar nichts! Kümmere dich also lieber um das Malz. Und sei achtsam bei jedem Handgriff! Noch mehr verdorbene Sude können wir uns nicht leisten.«
Er hörte nicht mehr, was der Geselle hinter ihm murmelte. Er konnte auch nicht sehen, dass jener vor eine Wand trat, die im Halbdunkel lag. Vom Untergrund hoben sich rote Farbreste ab, Überbleibsel von Zeichen, die eine menschliche Hand vor langer Zeit auf den groben Fels aufgetragen hatte. Schon bei seinen ersten Einsätzen als Lehrling im dunklen Felsenkeller, wo er vor Angst zunächst wie gelähmt gewesen war, hatte er sie entdeckt.
Georg Schneider streckte die Hand aus und berührte das magische Buchstabenquadrat, das kaum noch zu lesen war. Für einen Augenblick glaubte er die Kraft des Bannspruchs zu spüren und konnte wieder freier atmen.
Aber wie lange würde der Gegenzauber noch wirken?
Sie hasste es, wenn Veit sie aufforderte, das Hemd auszuziehen, so wie er es erst gestern wieder getan hatte. Unter dem Schutz des steifen Leinens fühlte Marie sich stark, und sie genoss es, wenn ihre Brustspitzen den Stoff streiften. Kaum jedoch war sie nackt, überfiel sie Scheu. Dann ging etwas in ihr zu, und je fordernder seine Hände, je drängender seine Berührungen wurden, desto mehr verkrampfte sie sich.
Von Anfang an hatte sie vermieden, bei ihm zu liegen, solange es hell war, aber inzwischen schützte nicht einmal die tiefste Dunkelheit sie vor diesen unangenehmen Gefühlen. Sie verabscheute ihren Körper, der schmal und mädchenhaft geblieben war. Die Zeit lief ihr davon, verhöhnte sie, dreister von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Andere in ihrem Alter wurden bereits Großmutter - und sie hatte noch kein einziges Mal geboren.
Veit machte sich nichts daraus, ja, er schien es nicht einmal zu bemerken. Er freute sich an ihrer hellen Haut, küsste ihre kleinen Brüste, vergrub sein Gesicht in ihren rotblonden Haaren. Für ihn war sie schön, und er sagte es ihr, wieder und wieder. Liebchen nannte er sie, Herzensschatz, Bettfüchslein und konnte nicht genug davon bekommen, Marie in immer neuen Varianten zu beschlafen. Manchmal ging er dabei so hemmungslos vor, so selbstvergessen, dass sie beim Gedanken daran noch am anderen Morgen erröten musste. Ihre Zweifel aber hielten sich und wuchsen sogar, je länger sie zusammenlebten. Am meisten quälten sie Marie nach solchen Nächten. Meinte er wirklich sie? Oder verlor er sich nur, sobald er eine Frau berührte?
Als er sie vor sechs Jahren Abend für Abend in der Gaststube des Storchenbräus angestarrt hatte, hatte sie sich in ihn verliebt. Damals hatte es nur vereinzelte Silberfäden in seinen Locken gegeben, die er sich immer wieder mit einer ungeduldigen Geste aus den Augen strich. Dass es jetzt fast ergraut war, stand ihm ebenso gut wie die schwerer gewordenen Lider, die seinem Blick etwas Schläfriges verliehen, von dem man sich allerdings nicht täuschen lassen durfte. Überhaupt waren seine Augen das, was sie als Erstes in Bann gezogen hatte: von einem hellen, zornigen Grün, das ein Kranz dunkler Wimpern noch leuchtender machte. Ich bin da, schienen sie zu sagen. Worauf wartest du noch?
Auch der Rest gefiel ihr, damals wie heute. Veit war ein stattlicher Mann mit breiten Schultern; seine Ausstrahlung schien jeden Raum heller zu machen. Seine tiefe Stimme passte dazu, weicher geworden durch eine fremdartige Färbung, die er wohl seinem langen Aufenthalt im Süden verdankte. Wie gemacht schien sie zum Werben, zum Schmeicheln und Kosen. Aber er konnte auch fluchen und losbrüllen, wenn ihm etwas nicht passte, und das tat er nicht weniger selbstbewusst.
Keiner hatte je solche Empfindungen bei ihr ausgelöst -nicht mehr, seit Adam nach Italien geflohen war.
Marie hatte sich einzurichten gewusst, nachdem ihr Jugendtraum ein so jähes Ende gefunden hatte. Schließlich gab es als Tochter des Braumeisters und Ratsherrn Pankraz Haller genug zu tun. Und je mehr Zeit verstrich, desto deutlicher zeigte sich, dass der Vater alles andere als unglücklich über diese Entwicklung war. Sie war sein einziges Kind, das nach dem frühen Tod der Mutter alles für ihn wurde. Halb Bamberg zerriss sich das Maul darüber, dass er Marie beinahe wie einen Sohn behandelte.