Ina Henkel, eine Kommissarin der Mordkommission, sucht nach einer aus dem Gefängnis geflohenen Mörderin. Im Verlauf der Geschichte kommt noch die Suche nach einem Kind hinzu, die Suche nach Halt und Orientierung, nach einem neuen Job, nach Nähe ohne Einengung und die Suche nach sich selbst sowie einem Lebenssinn Auch die Entflohene sucht: nach Ruhe, nach einer Identität, dem Abschluss ihrer Vergangenheit, einer sicheren Zukunft in Freiheit. Die Liste der Suchenden in dieser Geschichte könnte man noch eine Weile fortsetzen. Manche kommen am Ende ihrem Ziel ein Stück näher, die anderen müssen den Weg weitergehen, weil das Erreichte erstmal nur einen Zwischenhalt darstellt, um Kraft zu tanken für den Rest der Strecke.
"Die Höhle der Löwin" ist, betrachtet man die gesamte Bandbreite des Krimi-Genres, bezüglich Struktur und Erzählweise am äußeren Gattungsrand angesiedelt und hat ein Bein schon zur Hälfte in der Erzählung. Die Geschehnisse, die Action, treten deutlich hinter die Perspektive und Wahrnehmung der Protagonisten zurück. Das Hauptaugenmerk des Lesers wird auf die Begegnungen der einzelnen Personen und ihre Beziehungsfähigkeit und -unfähigkeit gelenkt. Wer bin ich? Wer bist Du? Wie gehen wir miteinander um? Das sind die stets wiederkehrenden Fragen bei jeder Begegnung. Hinzu kommt, dass jede Person ein Päckchen aus der eigenen Vergangenheit mitschleppt und dass diese persönliche Vergangenheit immer auch entscheidend die aktuelle Beziehung zum jeweils anderen belastet.
Die Story biedert sich zu keinem Zeitpunkt dem Leser an. Der rote (Krimi)Faden führt zwar stringent bis zum Ende den Leser hindurch, überlässt ihn dabei aber sich selbst und seinem Good Will, an der Geschichte dranzubleiben. Diese Selbstständigkeit bei völligem Fehlen humoristischer oder romantischer Pausen ist anstrengend. Die Geschichte an sich ist eine sehr traurige, deprimierende. Frau Paprotta hat es unterlassen, dem Leser hin und wieder eine Pause bzgl. dieser dunklen Stimmung zu gönnen. Und man muss schon aufpassen, um am Ende nicht zurückzubleiben mit dem Gefühl, dass die Welt zwar gut, alle Menschen darin aber schlecht und abgründig sind.
"Die Höhle der Löwin" ist eine gute, ernsthafte, sprachlich und stilistisch herausragende Geschichte und alles andere als Krimi-Fast-Food. Wer sich auf 300 Seiten Ernsthaftigkeit und Sinnsuche einlassen kann und will, wird mit diesem Buch bestens bedient werden.