Aus der Amazon.de-Redaktion
Natürlich kommt kein ernst zu nehmendes Lehrbuch ohne anatomisch-physiologische Grundlagen aus, die also auch hier den Anfang bilden. Aber sofort beweist sich die Klasse des Werkes, denn es verschont den Leser mit Allgemeinplätzen und Erstsemesterstoff. Stattdessen finden sich penible Beschreibungen der Blutgefäße, Faszien und Muskelzüge, die im weiteren Verlauf (z. B. bei den gynäkologischen Operationen, etwa Wertheim-Meigs) Bedeutung bekommen. Angenehm fällt auf, dass dieses Buch keineswegs im Sinne vorgeblicher Seriosität auf Illustrationen verzichtet. Vielmehr gilt die Regel: "Gedruckt wird, was am meisten Information vermittelt." Apropos OP: Die auf den ersten Blick knappen Beschreibungen der Verfahren haben es in sich und zeugen von der großen Erfahrung der Autoren. Hier wurden nicht einfach Schnittführungsschemata hineinkopiert. Die ganz eigene Sprache des Werkes zeigt sich in diesen originellen und informativen Schilderungen wohl am deutlichsten.
Weniger erfreulich ist, dass beim Thema Hormonsubstitution die gewichtigen Gegenargumente völlig unter den Tisch fallen. Auch wenn das Kapitel "Endokrinologie" zum Zeitpunkt des HERS-II-Studienabbruchs schon beendet gewesen wäre, so dürften angesichts der ansonsten exzellenten fachlichen Qualität die schon seit 1998 bekannten Zwischenresultate nicht fehlen. Das ist aber auch schon der einzige Patzer dieses richtungsweisenden Bandes.
Äußerst empfehlenswert sind die Kapitel zur Reproduktionsmedizin und zum Qualitätsmanagement. Ersteres hat einen Tiefgang, den man von Gynäkologie-Lehrbüchern bisher nicht gewohnt ist, Letzteres führt spielerisch in die Evidence-based Medicine ein und garniert dies vor allem mit sinnfälligen Überlegungen zum Praxisalltag (sowie wiederum mit hübschen Illustrationen).
Es hat noch nie so viel Spaß gemacht, sich der Gynäkologie zu nähern. Trotz des Verweises des Herausgebers auf die Bände von Pfleiderer kann man wohl sagen, dass dessen Standardwerke nun einen würdigen Nachfolger gefunden haben. Zudem gibt das Buch die Richtung vor, in die sich neue deutsche Medizinliteratur entwickeln könnte, ohne dabei die alten Stärken zugunsten amerikanischer Didaktik-Rezepte über Bord zu werfen. --Philipp-R. Schulz -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.