Aus der Amazon.de-Redaktion
Eine Punk-Band auf dem Bitterfelder Weg, die Bolschewistische Kurkapelle auf Acid? Während sich (im echten Leben) 200 Bundestagsabgeordnete im einstigen DDR-Vorzeigekino International mit feuchten Augen den Kult-Film Good bye, Lenin ansehen und die Renaissance der DDR als Pop-Ikone fröhliche Urständ feiert, zündet André Kubiczek einen literarischen Molotow-Cocktail von erstaunlicher Sprengkraft. Zu einer Zeit, da sich die Generation Golf in der Quarterlive-Crisis befindet und Bekanntschaft mit dem deutschen Kündigungsrecht macht, lässt es Kubiczek krachen -- und das heftig. Sein Berlin-Roman, trashig, grell, bunt, gewalttätig und komisch wie die Underground-Comic-Strips eines Max Andersson, lässt die in der Beschreibung von Nutella-Gläsern, Turnschuh-Marken und Pioniernachmittagen schwelgenden Hervorbringungen der Pubertätsliteratur in Ost und West ziemlich alt aussehen.
Wie schafft er das? Hatte sich der in Potsdam geborene Kubiczek mit seinem von der Kritik gelobten Erstling Junge Talente noch brav und mit konventionellen erzählerischen Mitteln ins Heer der ostdeutschen Jugend-Erinnerungsgeschichten eingereiht, textet er sich nun pulp-fiction-artig durch den Zeitgeist. Die 14 Romanfiguren, allesamt schon durch ihre sprechenden Namen als Karikaturen ausgewiesen, tummeln sich in zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben: Im tiefsten Prenzlauer Berg, im Umfeld einer Anarcho-Spelunke namens Wir-Gefühl, und im operettenhaft-bürgerlichen Charlottenburg, wo es "nicht nach Müll, sondern nach Mülltrennung" riecht. Östliche Underdogs wie der Computer-Hacker Zeus, Kind vietnamesischer Vertragsarbeiter, und sein 120 Kilo schwerer Kumpel Zigmund Fraud treffen auf westliche Medien-Fifis wie den Zeitgeist-Kolumnisten von Stammler, die Boulevard-Redakteurin Bolémia Hetschel oder einen sodomitisch veranlagten Bundestagsabgeordneten namens Kuno Neppes.
Wenn der Textbastler Kubiczek die wirren Geschichten seines Personals verlötet, steht nicht die Creative-Writing-Fibel, sondern das "Anarchistische Kochbuch" Pate. Der Plot ist am Ende ziemlich egal; kunstvoll eingebaute Perspektivwechsel, Vor- und Rückblenden, Anspielungen und Zitate halten den Leser bei der Stange. Kein Effekt ist zu grell, keine Volte zu unglaubwürdig. Ein Kapitel wird gar aus der Sicht des Kanarienvogels Lord Nelson erzählt, während der arbeitslose Frührentner und Privatdetektiv Raymond Schindler ("Meine Füße waren durch den Gin schwer geworden wie ein Drama von Robert Musil") uns als Westentaschen-Chandler zu immer neuen Lachsalven reizt.
Eine schlüssige Antwort auf die Frage, wer in dieser so grandiosen wie bitterbösen Ost-West-Comedy die Guten, wer die Bösen sind, bleibt uns der Autor schuldig. Egal. Klassenkampf war gestern: Lord Nelson stirbt den Kamikaze-Heldentod in der Computerlüftung. Wir haben nichts zu verlieren außer unseren Disketten. "Alle Besiegten", weiß Raymond Schindler, "sind Schweinehunde." --Niklas Feldtkamp
Perlentaucher.de
Iris Radisch ist ganz aus dem Häuschen über diesen Berlin-Roman im "Breitwandformat", den sie den allgegenwärtigen "Pubertätsliteraten aus dem Ost-Ghetto" an Witz und Einbildungskraft genauso überlegen findet wie den Westberliner Stadtteilschreibern. Die Tonlage des Romans ist die "verzweiflungsgrelle Comedy", sein Personal sind westliche Topdogs und östliche Underdogs, die ihren überschüssigen Grips im Alkohol ersaufen, auf Westtussen hereinfallen und Züge wie Lebensläufe entgleisen lassen, jubelt die Rezensentin : Nicht edle Tristesse, sondern Groteske und Klassenkampf. Zugegebenermaßen kann man Radischs atemlosen Parforceritt durch die neudeutsche Literaturlandschaft nicht immer ganz folgen, er gipfelt in einer wunderbaren Bemerkung über die "intelligente Vulgarisierung der literarischen Mittel", die unbedingt festgehalten werden muss: "Abgesehen von den rasierten Eiern, an denen sich der Ostler gerne kratzt, sind es aber gerade die ungebremste Aggression und die irrlichternde soziale Kolportage, die dieser hohen primitiven Kunst Kraft und Farbe verleihen."
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 01.04.2003
Wie lange hat der Rezensent nur Romane von Provinzlern zu lesen bekommen, die in Berlin ihre erste Liebe finden! Und immer nur gute erste Bücher! Nun hat Andre Kubiczek mit "Die Guten und die Bösen" sein zweites Buch vorgelegt. Ein Berlin-Roman? "In Gottes Namen, ja!" jauchzt Gustav Seibt, der seiner Begeisterung kaum Einhalt gebieten kann. Kubiczeks neuer Roman übertrifft in Seibts Augen "Junge Talente" bei weitem, er ist "grell, spannend, böse, komisch". Die Handlung spielt im nördlichen Prenzlauer Berg und Charlottenburg, das Personal umfasst eine dumm-blonde Moderatorin, einen abgehalfterten SPD-Politiker, einen arbeitslosen Privatdetektiv; Karrieren stürzen ab, Bomben fliegen in die Luft und sodomitische Neigungen auf. Der Autor lasse wirklich keinen Namenswitz (Bolemia Hetschel, Zigmund Fraud, Raymond Schindler), keine Geschmacklosigkeit und keine Unwahrscheinlichkeit aus, begeistert sich Seibt. Tinneff? Und was für welcher! Brillanter!
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Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 29.04.2003
Wolfgang Schneider hat diesen "verwilderten Berlin-Roman" als kantiges Gegenstück zum Film "Good Bye, Lenin!" gelesen, von Rührung und Versöhnung könne bei Andre Kubiczek keine Rede sein, hier stehen sich noch die armen und die dekadenten Schweine, die Imbissbuden und Schuhboutiquen, der Müll und die Mülltrennung unversöhnlich gegenüber, feixt Schneider. Geschmackssicher geschmacklos inszeniert, findet er diese Parodie, über weite Strecken sehr vergnüglich und die Figuren treffend überzeichnet. Was ihn allerdings verwundert, ist, dass sich unter all den Chargen, die diesen Roman bevölkern, eine der "zartesten Liebesgeschichten der jüngeren deutschen Literatur" anbahnt. Und machmal will dem Rezensenten sogar scheinen, dass hier einer die bürgerliche Unmoral anprangert, wie es "seit Heinrich Böll" keiner mehr getan hat.
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