"Denn tatsächlich: Ein Fremdling und ein Gast ist in seinem Leben ein jeder, der eine Stadt bewohnt, aber alles in ihr, was von anderen bewundert wird, verachtet und in der Stadt wohnt, als wäre es eine Wüste, damit nicht der Ort über ihn Gewalt habe." (Titus Flavius Clemens, auch: Klemens von Alexandrien; 140/150-210/215) Ein hoch gebildeter Mann, der in Athen platonische Philosophie studiert hatte, in der antiken Bildungsmetropole Alexandria lebte, fühlte sich in eben dieser Stadt ohne Heimat. Er schreibt mitten in Alexandria sieben Bücher "Stromateis" (Teppiche), in denen er nachzuweisen versucht, dass das Christentum die einzige Denk- und Lebensform ist, benutzt die Bibliotheken der Stadt, um ausführlich griechische Klassiker und Philosophen zu zitieren - und verachtet gleichzeitig "alles in ihr, was von anderen bewundert wird" und wohnt in der Stadt, "als wäre es eine Wüste". Mit der spannenden Begründung: "damit nicht der Ort über ihn Gewalt habe". Es wird nun plötzlich deutlich, dass es hier um das geschäftige Treiben einer Metropole geht, das ihn in den Grundlagen seine Existenz gefährden könnte. Georg Simmel (1858-1918), deutscher Philosoph und Soziologe, Freund von Max Weber, Neukantianer mit großem Einfluss auf Georg Lukács, Martin Buber, Karl Mannheim und später der Frankfurter Schule hat sich der Soziologie der Stadt gestellt. Seinem Hauptwerk >Philosophie des Geldes< folgte dieser kleine Aufsatz im Jahre 1903. Einfluss gewann er dadurch vor allem in den USA, er wird als Begründer der Stadtsoziologie genannt. Ausgehend von der Überlegung des 2. JH führt nun der Weg in 20. JH.
"Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren - die letzterreichte Umgestaltung des Kampfes mit der Natur, den der primitive Mensch um seine leibliche Existenz zu führen hat."
So beginnt Simmel sein Essay und führt fort, dass das 18. Jahrhundert zur ungehemmten Entwicklung der Natur in jedem Menschen ungehindert beitrug und das 19. Jahrhundert die Freiheit und die Arbeitsteilung und deren Leistung postulierte. Der Einzelne wurde damit unvergleichlich und möglichst unentbehrlich. Jedoch machte ihn die Arbeitsteilung abhängig bezüglich der Ergänzung durch alle anderen. Die volle Entwicklung laut Nietzsche konnte damit nur in der Unterdrückung, im Niederhalten der Konkurrenz liegen. Es zeigt sich eine Motivation - der Widerstand gegen die Nivellierung des Einzelnen in der Gesellschaft. Oder anders: die Anpassung der Persönlichkeit durch äußere Mächte gefordert ist notwendige Größe für die Teilhabe am Ganzen. In diesem Widerspruch in einer Großstadt aufzuwachsen ist gleichzeitig die "Steigerung des Nervenlebens". Der Mensch ist Unterschiedswesen, die Vereinsamung in der Masse ist nicht im Bewusstsein, doch fördert die Großstadt durch die schnellen Sequenzen des Lebens die Erfahrung zusammengedrängter, wechselnder Bilder und mit deren Deutung im Seelenleben wie im Bewusstsein einen erhöhten intellektuellen Charakter. Gegenüber dem Kleinstädter, der im Gemüt auf gefühlsmäßige Beziehungen ausgerichtet ist, gilt für den Großstädter eben eine entwurzelte, eher sachliche Beziehung, die letztendlich erklärt, dass Geldgeschäfte, Handel genau dort betrieben wird, wo die Anonymität Schutz vor gefühlsmäßiger Entscheidung bietet. Die Menge der Menschen in Großstädten sichert demgemäß als Schutzorgan den Menschen vor der seelischen Entgleisung, stärkt dagegen den notwendigen Verstand, um in dieser Strömung lebensfähig zu bleiben. Diese Verstandesmäßigkeit scheint als "Präservativ des subjektiven Lebens gegenüber den Vergewaltigungen der Großstadt" ein notwendiges Mittel. So wie Geld als "Generalnenner aller Werte" Mittel des Tausches ist, so wird der Mensch in diesem Sinne Mittel in dieser Gesellschaft, rein dem Verstand gehorchend erdrückt er das Individuelle in sich. Er rechnet mit seinesgleichen wie mit Zahlen, persönliche Beziehungen gelten dem objektiven Abwägen von Leistung und Gegenleistung, der klare Rhythmus einer Uhr sichert die "Unzweideutigkeit in Verabredungen". Das Landleben jedoch orientiert sich am Rhythmus der Natur, der Mensch ist eingebettet und individuell. Seine Gemeinschaft ist eine erlebte, Anonymität eine Unbekannte. "Die geistige Haltung der Großstädter zu einander wird man in formaler Hinsicht als Reserviertheit bezeichnen dürfen".
Dieses Erleben der Großstadt fördert den Gedanken der Freiheit, welche auf dem Lande in diesem Sinne nicht existiert. Simmel begründet dies mit dem sozialen Kreis. Früheste Bindungen bestehen aus einem relativ kleinen Kreis, worin die Mitglieder peinlichst auf Konformität ihrer Mitglieder achten. Dies zeigt sich bei Parteien, Religionen, welche im Anfangsstadium so ihre Existenz gegen außen (Feindbilder) sichern. Diese Beengung lockert sich je größer die Gruppe. Weiter zeigt sich die Arbeitsteilung auch im Charakter des Individuums. Um auf dem Markt bestehen zu können, ist das Individuum gezwungen, sich immer mehr zu spezialisieren. Diese Tatsache führt gemäß Simmel dazu, dass im großstädtischen Leben die eigene Persönlichkeit und Aussehen viel mehr zur Geltung gebracht werden will. Dies rechtfertigt die vielen Stadtoriginale, auch die Kaprice einiger Zeitgenossen. Weil die Begegnungen auch immer so kurz sind, will sich der einzelne speziell pointiert geben.
Nun ist dieses ein reines Vergleichen von Land und Stadt bzgl. eines Menschen. Um wie viel mehr würde sich der Vergleich pointieren, wenn man Staat und Welt in Bezug auf Unternehmen und deren Mitarbeiter nähme, denn die Globalisierung verstärkt diesen Kreislauf. Damit wird wie bei Simmel nicht mehr der "allgemeine Mensch" (resp. das allgemeine Untenehmen) sondern der gerade qualitativ Einzigartige, der Unverwechselbare Träger eines Wertes. Streit und Einigungsversuch liegen im selben Ort (die Großstadt für den Menschen, der Globus für die Unternehmen), ein fruchtbarer Platz für die Entwicklung des seelischen Daseins. Also bleibt weder Anklage noch Verzeihung, einzig Verständnis, resümiert Simmel schlussendlich.
1903 verfasst, durchaus aktuell auch durch die Kombination von Natur, Kultur und Individuum in der Gemeinschaft. Siebenundzwanzig Jahre später hat Sigmund Freud vom >Unbehagen in der Kultur< (siehe Rezension) berichtet. Es mutet an wie eine Fortsetzung Simmelscher Denkweisen. Rilke, scheint mir, hat seinen Malte Laurid Brigge (1910) genau diese Ambivalenz von Land und Stadt erleben lassen. (siehe Rezension). Insgesamt ein sehr interessantes Bedenken des Georg Simmel. Daher zu empfehlen.
104 Jahre nach Veröffentlichung schreiben wir das Jahr 2007, erstmals leben mehr Menschen in der Stadt als auf dem Lande (Rifkin in SZ, 4,2007). Im Jahre 2042 wird die Bevölkerung auf 9 Milliarden geschätzt bei weiterer Urbanisierung. Der Mensch beschneidet sich von der Natur und damit vom Wert der Natur, die aber als einziger Überlebenfaktor einen menschengerchten Lebensstil fördern kann.