"Er verbindet die Binnensicht eines Einheimischen mit der Distanz eines Ausländers - und diese einzigartige Mischung macht seine analytische Reportage 'Die Grenzen der Toleranz' zu einem der interessantesten Bücher, die über die aktuelle Stimmung in den Niederlanden erschienen ist." Ulrike Herrmann, Die Tageszeitung, 22.03.07
"Die Stärke seines Buches besteht in der Mischung aus Recherche und Reflektion." Clemens Wergin, Der Tagesspiegel, 21.03.07
"Buruma verquickt in seinem Buch Portraits, die - wie in einem Kaleidoskop - immer neue, immer andere Sichtweisen vermitteln, die folgerichtig und nachvollziehbar erscheinen, obwohl sie einander oft drastisch widersprechen. Auf diese Weise gelingt es Buruma, die Vielschichtigkeit der Gegenwartssituation zu beleuchten." Barbara Dobrick, SWR 2, 18.03.07
Heiliger Krieg in Amsterdam
1.
Ton (48), Augenzeuge des Mordes an Theo van Gogh am 2. November 2004: »Ich habe gehört, wie Theo van Gogh um Gnade bettelte. »Tu's nicht! Tu's nicht!« schrie er. Ich sah ihn auf den Fahrradweg fallen. Sein Mörder war so unglaublich ruhig. Das schockierte mich am mei sten. Wie kann man jemanden einfach auf der Straße so kaltblütig ermorden? Ich konnte wochenlang nachts nicht schlafen ... Jede Nacht sah ich Theo van Gogh fallen und Mohammed B. in aller Ruhe seinen Job beenden ... Seit damals traue ich kaum noch jemandem. Mohammed B. könnte mein Nachbar sein. Wenn ich »Scheißnigger« zu einem Surinamer sage, bin ich ein Rassist, aber er darf mich als »Weißen« bezeichnen. Heutzutage darf man nicht mehr sagen, was man denkt. Nein, wir sind in unserem eigenen Land zu Fremden geworden.« nrc handelsblad, 30. juli 2005
Seine Kaltblütigkeit, die Gelassenheit einer Person, die genau wußte, was sie tat, beeindruckte sie am meisten, diejenigen, die Zeuge waren, als Mohammed Bouyeri, ein sechsundzwanzig Jahre alter marokkanischer Holländer mit grauem Regenmantel und schwarzem Hut, den Regisseur Theo van Gogh an einem trüben Amsterdamer Morgen von seinem Fahrrad stieß. Er schoß ihm in aller Ruhe in den Bauch, und nachdem sein Opfer auf die andere Straßenseite getaumelt war, schoß er noch ein paarmal auf ihn, zog eine gekrümmte Machete heraus und schnitt ihm die Kehle durch - »als ob er einen Reifen aufschlitzte«, so ein Zeuge. Er pflanzte die Machete fest in van Goghs Brustkorb, zog dann aus einer Tüte ein kleineres Messer, kritzelte etwas auf einen Zettel, faltete den Brief sorgfältig und heftete ihn mit dem zweiten Messer an den Körper. Van Gogh, ein kleiner dicker Mann mit blonden Locken, trug wie immer ein T-Shirt und Hosenträger. Die meisten Holländer kannten diese Person, die überall gleichzeitig zu sein schien, aus dem Fernsehen oder aus Zeitungen; er war weniger durch seine Filme bekannt als durch seine provokanten Äußerungen im Radio und im Fernsehen, in Zeitungs- und Internetkolumnen und vor verschiedenen Gerichtshöfen, Äußerungen zu allem möglichen, von der angeblichen Ausnutzung des Holocaust durch prominente Juden bis hin zur gefährlichen Präsenz einer muslimischen »fünften Kolonne«, die in der holländischen Gesellschaft operierte. Er lag auf dem Rücken, hingeschlachtet wie ein Opfertier, seine Hände über den Kopf gestreckt, aus seiner Brust ragten zwei Messer. Bouyeri trat ein paarmal kräftig gegen die Leiche und ging dann weg, ohne Eile, ganz gelassen, als habe er nichts Dramatischeres getan als einen Fisch zu filetieren. Immer noch war er ganz ruhig und machte keine ernsthaften Anstalten zu fliehen. Während er sein Gewehr nachlud, schrie eine zufällig vorbeikommende Frau: »Das können Sie doch nicht tun!« »Doch, kann ich«, war Bouyeris Antwort, ehe er sich in den nahegelegenen Park aufmachte, während gleichzeitig ein paar Streifenwagen am Schauplatz eintrafen, »und nun wißt ihr, was ihr in Zukunft zu erwarten habt.« Ein Schußwechsel begann. Eine Kugel traf die kugelsichere Weste eines Polizisten. Eine andere verletzte einen Passanten am Bein. Doch dann wurde Bouyeri von einer Polizeikugel ins Bein getroffen und verhaftet. Das gehörte nicht zum Plan. Bouyeri hatte als Märtyrer seines Glaubens sterben wollen. Wir wissen das aus späteren Äußerungen von ihm und aus dem Brief auf van Goghs Brust. Der Inhalt von Bouyeris Brief wurde mehrere Tage lang nicht für die Öffentlichkeit freigegeben. Man hielt ihn wohl für zu schockierend und befürchtete, er würde weitere Gewalttaten provozieren. Tatsächlich handelte es sich dabei um eine weitschweifige Abhandlung in holländischer Sprache mit einigen wenigen arabischen Zitaten, die zum Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen aufrief und den Tod einer Reihe namentlich genannter Personen forderte. Der Ton war der Ton eines Totenkults, die Sprache troff vom imaginären Blut Ungläubiger und heiliger Märtyrer. Das Holländisch war korrekt, aber gestelzt, vielleicht ein Hinweis auf mangelnde literarische Fertigkeiten des Autors, vielleicht aber auch ein Hinweis auf mehrere unbeholfene Übersetzungsversuche. Ein Großteil von Bouyeris Kenntnissen radikal-islamistischer Rhetorik stammte aus englischen Übersetzungen arabischer Texte, die er aus dem Internet heruntergeladen hatte. Auch seine Vorgehensweise bei van Goghs Ermordung scheint durch Bilder von Erschießungen angeregt worden zu sein, die überall in der Welt auf Webseiten zu finden sind. In Bouyeris Wohnung entdeckte man eine CD-ROM mit einem Video, das mehr als dreiundzwanzig Morde an »Feinden Allahs«, unter anderem an dem amerikanischen Reporter Daniel Pearl, zeigt. Sie stammten von einer saudi-arabischen, in London edierten Webseite. Abgesehen von detaillierten Bildern, auf denen man die Enthauptung von Männern verschiedener Nationalitäten sieht, enthielt die CD-ROM Bilder einer holländischen Pornoseite, wo man verfolgen kann, wie ei nem sich sträubenden Mann langsam der Kopf abgesägt wird. Bouyeris »offener Brief« war eigentlich nicht an Theo van Gogh selbst gerichtet, sondern an Ayaan Hirsi Ali, die in Somalia geborene holländische Politikerin, die mit van Gogh einen kurzen Film unter dem Titel Submission gedreht hatte. Sie stellte dort den Mißbrauch von Frauen durch den Islam aus ihrer Sicht dar, indem sie Koranzitate auf die nackten Körper verschiedener junger Frauen projizierte. Das erstemal wurde der Film in einer Fernsehsendung gezeigt, für die bekannte Holländer Szenen aus ihren Lieblingsfilmen oder ?-fernsehsendungen auswählen dürfen. Hirsi Ali entschied sich für Submission. Es war ungewöhnlich, vielleicht noch nie vorgekommen, daß jemand seine eigene Arbeit vorschlug, aber Hirsi Ali war keine durchschnittliche Berühmtheit. Im Jahr vor van Goghs Ermordung hatte sie sich zur prominentesten Kritikerin des Islam in den Niederlanden entwickelt; sie trat auf Konferenzen mit muslimischen Frauen, auf Parteitagen und in Talkshows auf, wo sie ihre Botschaft, der Koran selbst sei die Quelle für Gewalt und Mißhandlungen, immer wieder vortrug. Mit ihrer Eloquenz und der Überzeugungskraft ihrer öffentlichen Warnungen vor einer Religion, die bereits in einem unheilvollen Ruf stand, nahm die zierliche afrikanische Schönheit Hirsi Ali die Vorstellungskraft der Öffentlichkeit gefangen. Hier gab es eine Muslimin oder Exmuslimin aus Afrika, die den Europäern mitteilte, daß der Islam eine ernsthafte Bedrohung darstellte. Für eine Gesellschaft, die daran gewöhnt war, daß prominente Persönlichkeiten multikulturelle Toleranz predigten, war das eine verstörende Botschaft, aber auch etwas, was viele gerne hören wollten, manchmal dieselben Leute, die sich später gegen sie wandten. Bouyeris Brief war an Hirsi Ali, die Ketzerin, gerichtet, die sich gegen den Glauben ihrer Kindheit aufgelehnt habe und ein williges Werkzeug von »Zionisten und Kreuzfahrern« geworden sei. Sie wurde als »Soldat des Bösen« bezeichnet, der der »Wahrheit den Rücken gekehrt« habe. Sie sei eine »Lügnerin«, die »am Islam zuschanden werden« würde. Zusammen mit den Vereinigten Staaten, Europa und Holland wer de sie untergehen. Denn der Tod werde »die Lügen von der Wahrheit scheiden« und der Islam werde am Ende »durch das Blut der Märtyrer siegen«. Ayaan Hirsi Ali war zwar das prominenteste Ziel dieses heiligen Zorns, aber nicht das einzige. Als ihre »Herren« bezeichnete der Brief eine jüdische Clique, die die Niederlande beherrschte. Zu dieser Clique gehörte angeblich auch der Amsterdamer Bürgermeister, Job Cohen, ein freidenkerischer Mann, der eigentlich sein Bestes tat, um zu einer gewissen Verständigung mit den muslimischen Gemeinschaften seiner Stadt zu finden (»die Dinge zusammenzuhalten«, wie er es ausdrückte). In einer Wendung von schrecklicher Ironie hatte Theo van Gogh Cohen unter anderem auch als Erfüllungspolitiker gegenüber dem islamischen Extremismus ziemlich heftig attackiert. Wenn es in Holland eine Krise gibt, dann sind die Schatten des Zweiten...