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Die Grenze durch Deutschland: Eine Chronik von 1945 bis 1990
 
 
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Die Grenze durch Deutschland: Eine Chronik von 1945 bis 1990 [Gebundene Ausgabe]

Roman Grafe
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 544 Seiten
  • Verlag: Pantheon Verlag; Auflage: 2 (29. September 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3570550826
  • ISBN-13: 978-3570550823
  • Größe und/oder Gewicht: 22,2 x 15,2 x 3,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Tod in Probstzella

Eine Chronik der DDR-Gewaltherrschaft in Südthüringen

de. In wenigen Gegenden ist der Verlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze so kompliziert und unübersichtlich wie im fränkisch- thüringischen Grenzgebiet. Der Freistaat Bayern reicht an mehreren Stellen weit nach Thüringen hinein, während einzelne thüringische Landzipfel tief nach Süden ausgreifen. Die Grenzlinie überquert Taleinschnitte und steile, dicht bewaldete Hügelkuppen. Doch selbst dieses schwierige Terrain hatte die DDR nicht daran gehindert, den Todesstreifen mit dem ganzen Instrumentarium an Minenfeldern, Patrouillenstrassen und Grenzzäunen über das Land zu ziehen. Noch heute sind die entsprechenden Schneisen deutlich zu sehen. Sie erwecken bis jetzt den Eindruck einer Brandspur, die sich in die Natur gefressen hat.

Ein Volk entzweigeschnitten Besonders eindrücklich ist die einstige Todeszone von der Thüringer Warte aus zu verfolgen, einem 678 Meter hohen Geländepunkt auf bayrischer Seite, nördlich der Burg Lauenstein und nur gerade gut hundert Meter von der Grenze entfernt. Vom Aussichtsturm aus ist noch heute die Bresche zu erkennen, wie sie sich von Westen über die Hügel heranzieht, dann steil ins Tal der Loquitz bei Probstzella abtaucht und weiter im Osten wieder auf die Höhenzüge hinaufsteigt. Nicht nur schnitt sie zu DDR-Zeiten ein Gebiet mit engen Verbindungen entzwei; der Stacheldraht blockierte auch die wichtige Zugstrecke München–Berlin, die durch das Tal der Loquitz von Süden nach Norden verläuft. Probstzella wurde so ungewollt zu einer der berüchtigten Grenzübergangsstellen, an welchen im besten Falle noch ein scharf überwachter, schikanöser Übergang nach der Bundesrepublik möglich war. Das ist heute Vergangenheit. Der Verkehr rollt wieder ungehindert durch Probstzella, der Horror des DDR-Grenzregimes wirkt nur noch wie ein Spuk.

Dass die Untaten, welche an dieser Grenze geschahen, nicht vergessen gehen, ist das Verdienst eines Buches von Roman Grafe. Auf über 500 Seiten beschreibt der Autor minuziös, wie Probstzella und die Nachbargemeinden nach 1945 sukzessive diesem Grenzregime unterworfen wurden, wie sich die Sowjetisierung der ostdeutschen Gesellschaft auf den Mikrokosmos der Bauerndörfer auswirkte, wie sich das Beziehungsnetz von Familien und Freunden in ein solches von Tätern und Opfern, von Mitläufern und Rebellen ausdifferenzierte. Entstanden ist ein monumentales Werk über den Alltag von 40 Jahren Diktatur, deren Schrecken schon heute, nur 13 Jahre nach ihrem Ende, kaum mehr nachzuvollziehen ist. Grafe hat in unendlich fleissiger Sammlerarbeit eine faszinierende Chronologie zusammengefügt, die mit den letzten Kriegstagen beginnt. Schon kurz danach wurde es immer schwieriger, von Probstzella nach Ludwigsstadt in Bayern zu gelangen. Russische Truppen standen an der thüringischen Grenze. Sie entschieden darüber, wer mit wem nach Süden reisen durfte. Aber erst die DDR betrieb dann die hermetische Abriegelung. Nicht nur, dass ein eigentlicher Todesstreifen angelegt wurde. Das SED-Regime begann auch hier mit der Errichtung einer Sperrzone, die die Bewohner unsäglicher Willkür unterwarf.

Die Summe von Einzelschicksalen Eindrücklich sind die Schilderungen der von den Zwangsumsiedlungen Betroffenen und die entsprechenden Anweisungen der Volkspolizei, welche die als «Aktion Ungeziefer» benannten Deportationen durchzuführen hatte. Langsam kam das normale Leben in Probstzella zum Erliegen. Aber ruhig war es an der Grenze nie. Immer wieder wurden Fluchtversuche unternommen. Im Aussichtsturm auf der Thüringer Warte gibt es Informationstafeln hierzu. Aber erst aus Grafes Buch entnimmt man, wie oft und mit welcher Verzweiflung DDR-Angehörige versuchten, gerade in diesem unübersichtlichen Gelände in die Freiheit zu gelangen. Zahlreiche Fälle von Menschen sind registriert, die zu Tode kamen, die angeschossen oder von Minen verstümmelt wurden. Die 21-jährige Sieglinde Bunde zum Beispiel, eine Elektromonteurin aus dem sächsischen Grimma, versuchte im Juni 1973 mit ihrem ungarischen Freund Laszlo Balogh nach Westen zu fliehen. Eine Mine zerfetzte ihr rechtes Bein. Als ihr Freund sie über den letzten Grenzzaun zu hieven versuchte, wurde er von Kugeln eines Grenzpolizisten getroffen. Er starb in den Armen der Schwerverletzten. Ein weiterer «Grenzverletzer», der ins «feindwärtige Gebiet» hatte fliehen wollen, war getreu der DDR-Dienstvorschrift «vernichtet» worden. Sieglinde Bunde kam für über zwei Jahre ins Gefängnis. Wunden nach der Öffnung Grafe ordnet diese Vorkommnisse in Probstzella immer wieder in den Zusammenhang der grossen Politik ein. Er schildert, wie sich der Ostberliner Aufstand vom Juni 1953 auf die Bewohner des Thüringer Grenzgebietes auswirkte oder welches die Folgen des Mauerbaus in Berlin waren. Und er beschreibt natürlich auch, wie im November 1989 just im Grenzgebiet von Probstzella die Sperranlagen niedergerissen wurden. Gerade in jenen dramatischen Tagen zeigte sich, wie wenig es der Diktatur trotz aller Infamie gelungen war, den Geist der Nachbarschaft im thüringisch-bayrischen Grenzgebiet zu vernichten. Genauso wertvoll wie die Chronologie ist der zweite Teil von Grafes Buch, ein langer Epilog mit den Titeln «Öffnungen» und «Prozesse». Hier nimmt der Autor viele der Fäden wieder auf, die durch das Grenzregime zerrissen wurden. Die Opfer kommen zu Wort, die damaligen Täter, nun Bürgerinnen und Bürger desselben Staates, ebenfalls. Grafe findet auch Sieglinde Bunde wieder.

Von der hübschen Frau von einst ist ein menschliches Wrack geblieben, von einer Rente lebend. Der damalige Todesschütze lebt nicht mehr. Andere Opfer haben die Täter wieder aufgespürt und ihnen Fragen zu stellen versucht, Gerichte haben Schützen und Befehlshaber abgeurteilt, andere freigesprochen. Schuld und Sühne, Reue und Renitenz durchziehen die zahllosen Biographien, mit deren Durchleuchtung Grafe sein eindrückliches Werk abrundet. Das Buch ist eine eminent wichtige Hilfe beim Versuch, das innerdeutsche Drama zu verstehen und sich darüber klar zu werden, dass sich diese Geschichte nie wiederholen darf. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

»Ein Geschichtsbuch, das den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in Bann hält. Dem Autor ist etwas Großartiges gelungen.« (Südwestrundfunk )

»Eine faszinierende Chronologie.« (NZZ )

»Lest dieses Buch!« (Frankfurter Allgemeine Zeitung )

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Kundenrezensionen

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Herr Grafe legt mit dieser Dokumentation ein sehr umfangreiches, sehr detailgenaues und zudem noch unterhaltsam zu lesendes Werk vor. Wer - wie ich - den Alltag in der 5-KM-Sperrzone selbst kennengelernt hat, findet hier viel Bekanntes wieder. Wer damals ausserhalb der Sperrzone wohnte, kann hier Informationen finden, wie es dort "zuging", man erfährt z. B., warum es in der Nähe schon riskant sein konnte, zu fragen, wo denn die Grenze nun genau sei. Der Befragte konnte Grenzpolizeihelfer sein und die Bevölkerung allgemein war zur Wachsamkeit aufgerufen.
Mir selbst gelang es, 1963 aus der DDR - aus Probstzella - in die Bundesrepublik zu flüchten. Bücher wie die des Herrn Grafe helfen dabei, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen bzw. zu verstehen, warum Manches damals eben so war, wie es leider war. Wichtig finde ich, daß nichts vergessen wird, deswegen meine uneingeschränkte Hochachtung vor der Arbeit, die in diesem Buch steckt.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Im Osten doch etwas Neues 23. November 2006
Format:Taschenbuch
Roman Grafe, selbst DDR-Flüchtlinbg, gibt ein äußerst genaues Bild von der deutschen Teilung an einem bestimmten Grenzabschnitt (Thüringen-Bayern). Das Besondere an dem Buch ist, dass Grafe eine Vielzahl von Einzelschicksalen schildert. Dabei geraten auch relativ ungekannte Opfer in sein Blickfeld, nämlich die zahlreichen Familien, die wegen der Grenznähe zwangsumgesiedelt wurden. Äußerst beeindruckend sind die lebensgeschichtlichen Interviews mit Menschen, die die Flucht wagten. Aber Grafe widmet sich auch den Tätern. Die Lektüre dieser Rechtfertigungsversuche bringt den Leser auch 16 Jahre nach Öffnung der Grenze noch in fassungslose Wut. Das Gleiche gilt für die Richtersprüche, die weit von einem allgemeinen Rechtsverständis entfernt sind. Dass ehemalige DDR-Ankläger heute als Rechtsanwälte tätig sind, ist wenig bekannt. Für die Aufdeckung solcher Skandale gebührt Roman Grafe ein aufrichtiger Dank. Besonders die Lebensgeschichten im "Anhang" sollten zur Pflichtlektüre in den Schulen gehören, damit die ehemalige DDR nicht so schnell als "Geschichte" abgelegt wird.
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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Sehr spannend & bedrückend 30. Oktober 2002
Format:Gebundene Ausgabe
Das Buch ist wie ein Film, die gleichen Personen kommen über die Jahre hinweg zur Sprache. Der Autor schichtet die Aussagen der verschiedenen Akteure ohne Wertung aneinander. Der Film wird dabei immer dichter - es ist athmosphärisch spürbar, wie es enger und enger wird an der Grenze und im Land DDR. Manchmal braucht man eine Pause, um den Überblick zu behalten bei all den Verdrehungen und dem Zynismus der offiziellen Verlautbarungen - Vorsicht an dieser Stelle: das Buch eignet sich hervorragend als Hassableiter. Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, dass mich so bewegt hat und empfehle es weiter, besonders denen, die wie ich in der Nähe der ehemaligen Grenze lebten und leben.
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