Aus der Amazon.de-Redaktion
Jürgen Ritter (Fotos) und Peter Joachim Lapp (Text) wollen mit ihrem Buch Die Grenze. Ein deutsches Bauwerk dem Vergessen entgegenwirken. Kenntnisreich und mit sicherem Blick für wesentliche Details skizziert Lapp die politische Geschichte dieser Grenze. Er beschreibt den Auf- und Ausbau der Sperranlagen und ihre Perfektionierung in den achtziger Jahren. Ritter gelingt es, den historischen Fakten Leben einzuhauchen. Seine Fotos dokumentieren den Alltag der Grenzbevölkerung in Ost und West und zeigen, wie ganze Landschaften von Sperranlagen zerschnitten, Dörfer und Familien geteilt wurden.
Mit den stärksten Eindruck hinterlassen aber die Tabellen und Statistiken im Anhang des Buches. Die Berliner Mauer und die hermetisch abgeschlossene innerdeutsche Grenze waren mehr als 1550 km Betonplattenwand und Metallgitterzaun mit Signaldrähten, Todesstreifen und Hundelaufanlagen, mit Lichtsperren, Wachtürmen, Unterständen und Sperrgräben und zeitweise mit Minenfeldern und Selbstschußanlagen. Über 500 Todesopfer des Grenzregimes haben die Strafverfolgungsbehörden ermittelt, andere Schätzungen liegen höher.
Die nackten Zahlen vermögen einen ungefähren Eindruck zu vermitteln von dem enormen volkswirtschaftlichen Aufwand der notwendig war, um ein ganzes Volk einzusperren. Und sie dokumentieren den Irrglauben eines Regimes, das seine fehlende nationale Legitimation durch Stacheldraht und lückenlose Überwachung kompensieren wollte. --Stephan Fingerle -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Die Grenze. Ein deutsches Bauwerk von Jürgen Ritter, Peter J. Lapp, Ulrich Schacht. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Vorwort der Autoren. Mehr als anderthalb Jahrzehnte nach der Wende in der
DDR verblaßt die Erinnerung an die Berliner Mauer und
die innerdeutsche Grenze. Was früher eine milliardenschwere
Dauerbaustelle der DDR war, ist heute weitgehend
in Vergessenheit geraten, die Sperranlagen sind
geschleift und verschwunden.
Historiker, Regional- und Heimatforscher sowie viele
Landes- und Kommunalpolitiker bemühen sich inzwischen
darum, die Restbestände der Anlagen des DDR-Grenzregimes
zu erhalten und zu sichern, nachdem sie
zunächst - aus durchaus verständlichen Gründen -
einer gewissen Zerstörungswut ausgesetzt waren. Nach
Jahrzehnten der Teilung wollte man von den Überbleibseln
dieser Grenze nichts mehr wissen. Inzwischen setzte
ein Umdenken ein, auch wenn die finanziellen Mittel
diesbezüglich nur bescheiden fließen. Zum Glück retteten
Privatinitiativen manche Anlage und viele Gegenstände.
Erinnerung muß sich festmachen an Dinglichkeiten,
ohne diese Materialität wird sie bekanntlich unmöglich.
Der vorliegende Bild-Text-Band will mithelfen, derartige
Erinnerungen zu ermöglichen. Nicht vergessen
werden soll, daß an dieser Grenze bis 1989 Menschen
starben. Hunderte. Zehntausende Soldaten bewachten
die Menschen auf DDR-Seite und wurden dazu angehalten,
notfalls auf sie zu schießen. Mitten in Deutschland,
mitten im Frieden.
Die Fotos zeigen, wie ganze Landschaften von Sperranlagen
zerschnitten, Dörfer und Familien geteilt wurden.
Dabei war 1945 zunächst nur eine Verwaltungsgrenze
zwischen Besatzungszonen vorgesehen, keine
Staatsgrenze, schon gar nicht eine »Weltengrenze«, zu
der sie schließlich im Kalten Krieg wurde. Bürger in
Deutschland, in West und Ost, haben dieses Bauwerk
nie angenommen, sahen in ihm mehrheitlich ein Gebilde,
das im Ergebnis des II. Weltkrieges von den Besatzungsmächten
installiert worden ist, eine »Grenze
besonderer Art« zwischen zwei Staaten in Deutschland,
die nicht allein aufgrund eigenen Willens neben- und gegeneinander
geschaffen wurden. Optimisten sahen in
ihr eine »Grenze auf Zeit«, Realisten brachten uns bei,
mit ihr zu leben und sie durchlässig zu machen, Pessimisten
wollten uns überzeugen, sie als unabänderlich
hinzunehmen, denn sie sei nur durch Krieg zu verändern
oder abzuschaffen.
Es ist zum Glück anders gekommen.
Bilder und Text dieses Buches machen noch einmal
deutlich, welchen Aufwand die DDR getrieben hat, Bürger
des eigenen Landes an der Flucht in den Westen zu
hindern. Denn diese Grenze, in Berlin auch als »Antifaschistischer
Schutzwall« bezeichnet, richtete sich primär
nie nach außen, gegen den »Klassenfeind«, sondern
vorwiegend »freundwärts«, gegen die eigenen Leute.
Waffen und Grenztechnik waren ganz darauf abgestellt,
Grenzübertritte von Ost nach West zu vereiteln.
Diese Grenze war in ihrer Monstrosität immer ein
häßliches Bauwerk, auch wenn die DDR-Offiziellen teilweise
stolz waren auf ihr perfektionistisches Abschottungssystem
und ihre »modernen« Anlagen. Doch auch
vielen Kommunisten war die Mauer unangenehm. Selbst
Nikita Chruschtschow räumte einst ein, daß die Mauer
eine häßliche Sache sei.
Letztlich hat diese Art der Grenzsicherung der DDR
politisch eher geschadet, auch wenn sie ihr zeitweise
das Überleben garantiert haben mag. Nach Abschluß
des Grundlagenvertrages mit der Bundesrepublik und
der Unterzeichnung der KSZE-Schlußakte in Helsinki
Mitte der 70er Jahre wäre die Chance gegeben gewesen,
die alte Sicherheitsdoktrin zu überdenken und die
Zustände an der innerdeutschen Grenze und in Berlin zu
ändern. Berechenbare Reise- und Ausreisemöglichkeiten
für alle DDR-Bürger hätten dieses Grenzregime überflüssig
gemacht und nicht zum späteren Massenexodus
über Drittstaaten geführt, womöglich wäre sogar das
Ende der DDR nicht derart schnell eingetreten.
Die vorliegende 5., aktualisierte und erweiterte Auflage
des Bandes stellt das System der DDR-Grenzsicherung,
zumal das der letzten zwei Jahrzehnte, in den
Mittelpunkt. Anhand von Bildern, Texten und Dokumenten
soll deutlich werden, wie mit deutscher Gründlichkeit
versucht wurde, jedwedes ungenehmigte Verlassen
der DDR in Richtung Westen zu verhindern. Fallbeispiele
erläutern einzelne Schicksale, die mit dieser Grenze verbunden
sind. Darüber hinaus hat Jürgen Ritter in dieser
Auflage die Veränderungen bestimmter Grenzgebiete
und -orte seit der Wiedervereinigung fotografiert und
die aktuellen Aufnahmen manchen seiner alten Bilder
vor 1989/90 gegenübergestellt. Der Wandel, den diese
Bilder zeigen, konnte größer kaum sein. Schließlich wird
die Frage diskutiert, wie die Grenzvergangenheit angemessen
aufgearbeitet werden kann. Es wird von den
Verfahren gegen leitende Partei- und Staatsfunktionäre
sowie Grenzoffiziere der DDR berichtet, und es werden
neu entstandene Grenzmuseen und private Initiativen
vorgestellt.
Dieser Bild-Text-Band ist keine komplette Geschichte
der innerdeutschen Grenze, der Grenzbevölkerung und
der Menschen, die sie bewachten. Ein solch umfassendes
Werk ist erst noch zu schreiben. Es ist vielmehr eine
rückblickende und zum Teil aktuelle Bestandsaufnahme,
erarbeitet von zwei Westdeutschen, die über Jahrzehnte
mit dieser Grenze befaßt waren. Jürgen Ritter hat die
DDR-Grenzanlagen zehntausendfach fotografiert und
Ausstellungen darüber organisiert sowie ehemaligen
DDR-Bürgern geholfen, die über die Grenze in den Westen
gelangten. Das MfS setzte gegen ihn West-Spitzel
(IM) ein und versuchte, seine Arbeit zu behindern. Peter
Joachim Lapp hat als Deutschlandfunk-Redakteur in
den Westen übergetretene Grenzsoldaten und -offiziere
interviewt und über die Grenztruppen der DDR publiziert.
Bleibt zu hoffen, daß es eine derartige Grenze in
Deutschland nie wieder geben wird.
Barum bei Uelzen,
Ölsen bei Altenkirchen,
Juni 2006