"Die Grönland-Saga" hat einen Platz unter den Top Ten meiner Ewigen Bestenliste - für mich ein wirklich großer historischer Roman!
Ort der Handlung ist Grönland, die Zeit das ausgehende 14. und beginnende 15. Jahrhundert, Hauptpersonen die norwegischen Siedler dort, quasi die Nachfahren der Wikinger, die die Insel einige Jahrhunderte vorher entdeckten und kolonisierten.
Die Lebensbedingungen am Rande des Eises sind hart und verschlechtern sich während der im Roman dargestellten Jahrzehnte zusehends. Die regelmäßige Schiffsverbindung zum norwegischen Mutterland reißt ab, der König entsendet keine Beamten mehr, die Kirche keinen Bischof. Die Siedler bleiben zunehmend auf sich gestellt, was den Erhalt ihrer Gemeinschaft angeht. Da der Nachschub an wichtigen Gütern ausbleibt und sich das Klima zunehmend verschlechtert, wird es immer schwieriger zu überleben, zumal die an die Umwelt besser angepassten Inuit weiter in den Süden der Insel vordringen. Auch den Übergriffen von Piraten sind die Siedler weitgehend schutzlos ausgeliefert, auf Grund von Holzmangel können sie keine großen Schiffe bauen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen...
Jane Smiley hat vor der Abfassung des Romans in Island intensive Quellenstudien betrieben und schildert das Alltagsleben sehr eindringlich. Über weite Strecken liest sich das Buch in der Tat wie eine Chronik oder Saga - was gewiss einige Leser(innen) auch abschrecken kann. Die Kritik, dass man keinen roten Faden findet, weil die vermeintlichen Hauptpersonen immer wieder abtauchen, ist berechtigt, wenn man so etwas von einem Roman erwartet. Jane Smiley trifft aber auch mit diesem Stilmittel m.E. gut das Lebensgefühl der erzählten Zeit: Individualismus spielt keine Rolle, das Schicksal der Gemeinschaft steht im Mittelpunkt.
Wer sich darauf einlassen kann, wird so schnell nicht davon loskommen und evtl. nach Beendigung der Lektüre nach weiteren Quellen über das Schicksal der ersten christlichen Kultur auf Grönland suchen.