Ich kann mich den Meinungen meiner Vorrezensenten überhaupt nicht anschließen. Von mir gibt es 5 Sterne, denn Redmond hat mit seinem vierten Roman wieder einmal bewiesen, dass er zur ersten Liga der Schriftsteller gehört. Mit Instinkt, Feingefühl und psychologischer Raffinesse trifft Redmond genau den Nerv des Lesers und der Zeit.
Zum Inhalt:
Die achtjährige Tina wird von ihrem Vater, den sie abgöttisch liebt, verlassen. Von der Mutter ungeliebt, missverstanden, gedemütigt und in der Schule gehänselt, beschließt sie eines Tages nicht mehr das Opfer zu sein und verwandelt sich vom kleinen verängstigsten Mädchen zur begehrenswerten Frau, die sowohl von Männern wie von Frauen bewundert und geachtet wird.
Die Verletzungen, die Tina - später Chrissie - erleiden muss, brennen sich in ihre Seele wie Brandwunden ein. Sie baut eine Fassade um sich auf und beschließt, dass niemand sie mehr so verletzt, wie sie es in ihrer Kindheit erfahren musste. Beziehungen zu Männern beendet sie, sie bestimmt die Regeln und sie ist diejenige, die verlässt. Doch eines Tages lernt sie Jack kennen, in den sie sich verliebt, die Beziehung aber zerstört, weil sie keine Gefühle zulassen will und Angst hat, wieder so verletzt zu werden, wie in ihrer Kindheit. Um Jack zu vergessen, geht sie eine Beziehung mit dem reichen Alec ein, der ebenso wie sie in seiner Kindheit viele Demütigungen erfahren musste.... Doch Chrissie kann Jack nicht vergessen und als Alec dies erfährt, wird die Wut in ihm geweckt....
Redmond zeichnet die Charaktere sehr präzise und realistischen: Z. B. Die achtjährige Tina. Ich konnte die Verletzungen sehr gut nachempfinden, die sie als Kind erleiden musste. Aber sie beschließt nicht mehr das Opfer zu sein, sondern entwickelt sich zum Teenager, der sich zu wehren weiß und später zur jungen Frau, die sich Chrissie nennt, und zum schönen Schwan wird.
Oder der Losertyp Jack, der aber gar kein Loser ist, sondern einfach eine andere Lebenseinstellung hat, lässig und cool das Leben genießt und die Fassade von Chrissie schnell durchschaut und bemerkt, dass sich hinter der toughen Fame Fatale eine verängstigte junge Frau befindet, die im Grunde genommen nur die Liebe ihres Vaters braucht.
Und Alec: Der Millionär, der sich alles leisten kann. Der mit den Schönen und Reichen verkehrt, der aber ebenfalls wie Chrissie nur geliebt werden will, das, was ihm als Kind verwehrt wurde.
Die Geschichte ist zu keinem Zeitpunkt reißerisch oder blutrünstig. Redmond baut die Story von Seite zu Seite mehr mit Spannung auf; lässt die Personen spielen, wobei er wunderbar die Chrissie darstellt, die so gar nichts mehr gemein hat mit der gehänselten Tina. Der Leser ahnt, dass sich Böses zusammenbraut, schleichend wie ein herannahendes Gewitter und dann kommt der Knall.
Redmond ist für mich einer der besten Schriftsteller der Zeit. Er schreibt geradlinig, ohne viele Schnick-Schnack, aber dafür nicht minder spannend. Er trifft den Puls der Zeit: Auch ein Seitenhieb auf die Glamour-Welt, das Leben der Stars und Sternchen, die Jagd der Paparazzis auf Promis darf nicht fehlen.
Schlussendlich will Redmond uns aber auch - ebenso wie in seinen Büchern zuvor - zeigen, was eine schlimme Kindheit und fehlende bzw. nicht gezeigte Liebe für Kinder bedeuten und was sie auslösen bzw. verursachen kann. Das hat er an den Personen Tina/Chrissie und Alec sehr beeindruckend gezeigt.
Wer Redmonds Vorgänger "Das Wunschspiel", "Der Musterknabe" oder "Der Schützling" mag, wird auch "Die Gottesanbeterin" lieben.
Absolute Kaufempfehlung!