"Die Go-Spielerin" zählt für mich zu den besten Romanen, die ich nicht nur in den letzten Jahren, sondern in meinem Leben gelesen habe. Nur selten vermag ein Buch, auch wenn es mich fesselt, mich so stark in seinen Bann zu ziehen, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen kann. Ich bin ein recht langsamer Leser. "Die Go-Spielerin" jedoch habe ich in einem Zug verschlungen.
Die Story ist weit mehr als nur eine tragische Liebesgeschichte, auch wenn diese eine zentrale Rolle einnimmt. Sie ist eine Reise in fremde Mentalitäten, geprägt von harten gesellschaftlichen Regeln, die auf jahrhunderte alten Traditionen fußen; eine Reise in eine Zeit politischen Chaos, des Umbruchs, des Zusammensturzes. Sie erzählt vom Versuch, alldem zu entfliehen, und der Tragik, von der Wirklichkeit immer wieder eingeholt zu werden. Man begleitet die Protagonisten bei einem unumkehrbaren Verwandlungsprozess, der mit kühnen Träumen beginnt und sich zu einer Gratwanderung am Rand der Hölle entwickelt.
Die Geschichte entfaltet eine Tragik, die in ihrer Kraft an Shakespeares "Romeo und Julia" heranreicht, ohne diese jedoch wie dort zu romantisieren. Vielmehr wird die Wirklichkeit von Kapitel zu Kapitel immer mehr entzaubert, und so sehr die beiden Protagonisten den Leser in das Innere ihrer Seele entführen und sie zu Mitwissern ihrer geheimsten Gefühle und Träume machen, verfällt man nicht in die Rührseligkeit, mit ihnen tauschen zu wollen. Diese Liebesgeschichte ist nicht schön, nicht romantisch, ihre Poesie ist eher eine Poesie der Grausamkeit als eine der Verzauberung. Und weil die ausgelösten Gefühle dieser Geschichte so vielschichtig sind, zum einen verträumt, zum anderen schonungslos brutal, erreichen sie eine Tiefe und Realität, der man als Leser nicht entfliehen kann - gleich den Protagonisten. Der Sog dieses emotionalen Strudels reißt Figuren wie Leser in einen gurgelnden Abgrund, in dem Hoffnungen, Zwänge, Träume, Ausweglosigkeit, brutale Gewalt und Bilder von großer Ästhetik sich zu einem alles verschlingenden Schlund vereinen.
Was den Roman ebenfalls zu etwas besonderem macht, ist seine untypische Erzählweise: Von Kapitel zu Kapitel wechseln sich die beiden Ich-Erzähler ab, so dass man als Leser ständig die Perspektive wechseln muss. Bei der großen Unterschiedlichkeit der beiden Charaktere wird man als Leser emotional förmlich in zwei Hälften gerissen. Die in der Gegenwartsform geschriebene Erzählung macht dieses Elebnis noch intensiver.
Nach der Lektüre der "Go-Spielerin" bin ich gespannt auf die anderen Veröffentlichungen Shan Sas, denn die Intensität ihres erzählerischen Talents macht süchtig nach mehr. Zu schade, dass "Die Go-Spielerin" bislang als einziges Werk der Autorin ins Deutsche übertragen wurde, so werde ich wohl nicht umhin kommen, auf anderssprachige Ausgaben zurückzugreifen. Ich hoffe nur, dass "Die Go-Spielerin" dieser begnadeten Autorin das Tor zu einer großen deutschen Leserschaft aufstößt. Shan Sa ist, meiner Meinung nach, eine große Bereicherung für die zeitgenössische Literatur.