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Die Zeiten sind hart in der Mandschurei des Jahres 1937: Die Japaner haben das Land besetzt, Aufstände werden brutal im Keim erstickt, Mitläufer beherrschen die politische Szene, Peking steht kurz vor dem Fall. In dieser Situation kommt ein Mandarin auf den Platz der Tausend Winde und fordert die Chinesin immer wieder zum Spiel heraus. Erst später erfährt das Mädchen, dass dies einer der verhassten japanischen Militärs gewesen ist. Auf dem jahrhundertealten Spielfeld des Go werden die Strategien von Angriff und Verteidigung wie in den Schützengräben neu erprobt -- und auf dem Schlachtfeld der Liebe ebenso. Am Ende stehen sich die beiden auf tragische Weise zum letzten Mal gegenüber und müssen erkennen, dass sie Spielbälle einer viel größeren Macht gewesen sind: "Ich weiß, dass das Spiel da oben weitergeht", erkennt der Japaner, der zweite Icherzähler dieses bezaubernden Buchs.
Als Die Go-Spielerin, der dritte Roman der 1989 nach dem Massaker auf dem Tianmen-Platz nach Paris emigrierten 30-jährigen Chinesin Shan Sa, in Frankreich erschien, wurde er sofort zum Sensationserfolg. Man kann das gut verstehen. Denn so einfach, klar und zart (und mit so viel exotischem Lokalkolorit) hat man selten von der Liebe in Zeiten des Krieges gelesen. --Thomas Köster
Die Charakterisierung des Go-Spiels wirkt an manchen stellen übertrieben, mystifizierend: SIE vergleicht die Go-Steine mit Soldaten, die "gelenkig umher wirbeln, sich ihre Fallen in kreisenden Spiralen stellen" (S. 113), SIE "tauch[t] ein in die Abgründe der Mathematik" (S. 139) beim Zählen der Steine auf dem Spielbrett und kommt zu der Erkenntnis: "Go pfeift auf die Berechnung, brüskiert die Phantasie. ... Go ist das Spiel der Lüge. Man umzingelt den Feind mit Trugbildern, man zielt auf die einzig echte Wahrheit, den Tod" (S. 223) - während für IHN "eine Partie Go ausschließlich der Elite vorbehalten ist, eine Zeremonie, die mit allerhöchstem Respekt zelebriert wird" (S. 116). Diese philosophische Überfrachtung des Go-Spiels mag noch mit "dichterischer Freiheit" zu entschuldigen sein, einige Merkwürdigkeiten bei der Beschreibung der Go-Partie hätten aber - bei genauerer Kenntnis der Autorin des Go-Spiels bzw. bei etwas sorgfältigerer schriftstellerischer Ausarbeitung - vermieden werden können: nicht nur SIE, sondern auch ER - ein Japaner - bezeichnen die Ecken, Ränder und "Gegenden" des Go-Bretts mit Himmelsrichtungen, z.B. "Süden" für den unteren Rand. Im Japanischen (oder Deutschen) werden solche "geographischen" Bezeichnungen jedenfalls nicht verwendet, vermutlich auch nicht im Französischen (ob im Chinesischen, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis). Die ersten sieben Züge der Partie ist von krassestem Anfänger-Niveau (S. 113), trotzdem zieht sich die Partie über Tage und Wochen hin, über manche Züge brüten die Kontrahenten stundenlang, und hoch im Endspiel (jenseits von Zug 200, der auf S. 196 gesetzt wird) denkt ER: "Ihre Züge werden schneller und schneller. Sie wird immer listiger" (S. 223). Das ganze hört sich nicht an nach einer Go-Partie zwischen einigermaßen starken Spielern. Ein Roman, in dem Schach eine ähnlich prominente Rolle spielt wie hier das Go, in dem das Spiel jedoch so unrealistisch und exotisch überspannt beschrieben wird, wäre an der Hürde des Lektorats eines Verlages, der weiß was er publiziert, gescheitert.
Trotzdem ein interessantes Buch und unbedingt lesenswert, auch wenn die Euphorie der "Pariser Literaturszene" nicht ganz nachzuvollziehen ist. Es bleibt zu hoffen, dass wir nicht wieder über 30 Jahre auf das Erscheinen eines weiteren Go-Romanes warten müssen, die seit "The Master of Go" vergangen sind, der Übersetzung des Meisterwerkes "Meijin" des japanischen Nobelpreisträgers Kawabata Yasunari.
Die Story ist weit mehr als nur eine tragische Liebesgeschichte, auch wenn diese eine zentrale Rolle einnimmt. Sie ist eine Reise in fremde Mentalitäten, geprägt von harten gesellschaftlichen Regeln, die auf jahrhunderte alten Traditionen fußen; eine Reise in eine Zeit politischen Chaos, des Umbruchs, des Zusammensturzes. Sie erzählt vom Versuch, alldem zu entfliehen, und der Tragik, von der Wirklichkeit immer wieder eingeholt zu werden. Man begleitet die Protagonisten bei einem unumkehrbaren Verwandlungsprozess, der mit kühnen Träumen beginnt und sich zu einer Gratwanderung am Rand der Hölle entwickelt.
Die Geschichte entfaltet eine Tragik, die in ihrer Kraft an Shakespeares "Romeo und Julia" heranreicht, ohne diese jedoch wie dort zu romantisieren. Vielmehr wird die Wirklichkeit von Kapitel zu Kapitel immer mehr entzaubert, und so sehr die beiden Protagonisten den Leser in das Innere ihrer Seele entführen und sie zu Mitwissern ihrer geheimsten Gefühle und Träume machen, verfällt man nicht in die Rührseligkeit, mit ihnen tauschen zu wollen. Diese Liebesgeschichte ist nicht schön, nicht romantisch, ihre Poesie ist eher eine Poesie der Grausamkeit als eine der Verzauberung. Und weil die ausgelösten Gefühle dieser Geschichte so vielschichtig sind, zum einen verträumt, zum anderen schonungslos brutal, erreichen sie eine Tiefe und Realität, der man als Leser nicht entfliehen kann - gleich den Protagonisten. Der Sog dieses emotionalen Strudels reißt Figuren wie Leser in einen gurgelnden Abgrund, in dem Hoffnungen, Zwänge, Träume, Ausweglosigkeit, brutale Gewalt und Bilder von großer Ästhetik sich zu einem alles verschlingenden Schlund vereinen.
Was den Roman ebenfalls zu etwas besonderem macht, ist seine untypische Erzählweise: Von Kapitel zu Kapitel wechseln sich die beiden Ich-Erzähler ab, so dass man als Leser ständig die Perspektive wechseln muss. Bei der großen Unterschiedlichkeit der beiden Charaktere wird man als Leser emotional förmlich in zwei Hälften gerissen. Die in der Gegenwartsform geschriebene Erzählung macht dieses Elebnis noch intensiver.
Nach der Lektüre der "Go-Spielerin" bin ich gespannt auf die anderen Veröffentlichungen Shan Sas, denn die Intensität ihres erzählerischen Talents macht süchtig nach mehr. Zu schade, dass "Die Go-Spielerin" bislang als einziges Werk der Autorin ins Deutsche übertragen wurde, so werde ich wohl nicht umhin kommen, auf anderssprachige Ausgaben zurückzugreifen. Ich hoffe nur, dass "Die Go-Spielerin" dieser begnadeten Autorin das Tor zu einer großen deutschen Leserschaft aufstößt. Shan Sa ist, meiner Meinung nach, eine große Bereicherung für die zeitgenössische Literatur.
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