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Es ist offensichtlich, dass ein solcher, sehr umfassend formulierter Begriff von Gnosis auch wesentliche Aspekte der nationalsozialistischen Ideologie unter sich begreifen kann, und man weiß auch, dass in sie Elemente der historischen Gnosis des ausgehenden Altertums, des Mittelalters und neuzeitlicher "okkulter" Bewegungen eingeflossen sind, zum Teil auch bewusst propagandistisch aufgenommen wurden. Weniger offensichtlich ist, dass auch zentrale Lehren des Christentums unter diesen Begriff fallen; der Autor hält diese Implikation mehr im Hintergrund, bestimmt den Ausgangspunkt seiner Kritik jedoch konsequent als denjenigen der "Religionen, die die Finsternis heiligen" (33-34), d.h. religiöser und weltanschaulicher Haltungen, die auf eine Versöhnung mit Erde, Weiblichkeit, Endlichkeit abzielen, und auch auf eine Subjektivitätskonzeption "ohne Subjekt" (25), ohne zu rettenden göttlichen Funken. Denn entscheidender Träger der gnostischen "Angst-Software" ist die traditionelle Konzeption des Subjekts selbst, eines Subjekts, das als ein Fremdling in Welt geworfen ist, Angst haben muss (denn es herrscht ja ein fortwährender Krieg zwischen den Mächten des Lichts und der Finsternis), das aber auf einen Wiederaufstieg zum Licht hoffen darf, wenn es sich in sich rein erhält. (Sei es als Erleuchtung, als individuelles Schicksal nach dem Tode oder im Zusammenhang von Weltende und Gericht.) So kann es auch nicht überraschen, dass sich unter den therapeutischen Ansätzen, die Strohm abschließend beschreibt, Strategien der Subjektentwöhnung im Anschluss an die Spätphilosophie Wittgensteins deutlich herausheben.
In einem ersten, "Mythologie" überschriebenen Hauptteil werden nationalsozialistische und gnostische Mythen knapp kontrastiv beschrieben. Als Demonstrationsobjekt, "Sezierleiche" (79) der Gnosis dient Strohm dabei der Manichäismus, einerseits wegen seiner herausgehobenen historischen Bedeutung als einer antiken Weltreligion mit massenhafter Verbreitung, andererseits gerade wegen seiner an heutigen Vorstellungen gemessen oberflächlichen Fremdheit, ja Absurdität - "niemand wird einen manichäistischen Kindergarten gründen wollen" (81); ein bei einem solchen Thema nicht unerheblicher Gesichtspunkt. Auch wenn in diesem Teil viel Bekanntes referiert werden muss, so enthält er doch auch eine ganze Reihe beeindruckender und wissenswerter Details, die die Lektüre informativ und gewinnbringend machen.
Stärker problematisch wird der zweite Hauptteil: Wenn gnostisches Denken unlösbar mit der Subjektkonstitution verknüpft ist, dann soll es sich auch in individualpsychologischer Konsequenz demonstrieren lassen. Zu diesem Zweck werden an Hand biographischer Zeugnisse Manis und Hitlers (aber auch Rudolf Steiners als einem zeitgenössischen Gnostiker und anderer) Gemeinsamkeiten gesucht und Parallelen gezogen. In der Tat kann Strohm deutliche Übereinstimmungen auch auf der Ebene von Erfahrungsverarbeitung und Persönlichkeitsmerkmalen plausibel machen; wobei mir freilich auch methodische Bedenken kamen und Fragen nach der historischen und politischen Relevanz dieses psychologischen Vorgehens nahe liegen. Beantwortet werden sie zum Teil in den abschließenden Überlegungen zu "therapeutischen Ansätzen", die neben vorhersehbaren Stichworten wie Pluralismus als Dezentralisierung und Begrenzung auch ökonomischer Machtkonzentration auch schätzenswerte Einsichten bieten wie die Absage an rationalistisch konzipierte politische Bildung - "Die "Weltanschauungen" des Rechtsradikalismus und anderer gnostischer Sekten sind nicht nur heiliger Idiotie verschrieben und gegen empirische Richtigstellungen immunisiert. Sie sind vor allem auch Ausdruck verzweifelten Gedemütigtseins. Weiteres Aufklären, d.h. Zurechtweisen, droht diese Stimmung nur zu verhärten." (231) Strohms Überlegungen gipfeln in den oben genannten Strategien der Abwertung und Auflösung eines substanziellen Subjektbegriffs; da alles, was Subjektivität aufweicht und abwertet, in dieser Perspektive willkommen scheinen muss, kann er letztlich zu einem relativ optimistischen Fazit kommen - es gibt reale und deutliche Tendenzen zu dem hin, was ihm als geistige Gesundheit erscheinen muss. Da mag man nicht so ohne Weiteres zustimmen, denn erstens eröffnet eine "schwache" Subjektivität auch Möglichkeiten von Gleichschaltung und Gesinnungsepidemien, zweitens kann die gesamte Diagnose einer Entdramatisierung des individuellen Lebens usw. ja nur für die entwickelten Länder gelten.
Insgesamt ein zum Thema der Gnosis instruktiver und nützlicher Diskussionsbeitrag, zu dessen Kenntnisnahme man allerdings vorteilhafterweise Vorkenntnisse mitbringen sollte - es gibt auf seinem allgemein gut verständlichen und gangbaren Argumentationsweg auch einige recht merkwürdige Schlaglöcher, auf die man vorbereitet sein sollte. - Wenn man jedoch Strohms Weg einer (mehr oder weniger) Totalentrümpelung der religiösen und philosophischen abendländischen, d.h. christlichen Tradition überhaupt nicht mitgehen will, dann muss man sich eingestehen, dass zumindest Teile dessen, was er uns hier als widerwärtig und katastrophal folgenreich vorführt, zum eigenen ideologischen Arsenal zählen und einen formativen Bestandteil auch der eigenen Persönlichkeitsentwicklung darstellen. Wem Gnosis unverzichtbar ist, dem stellt sich die Frage nach ihrer Einhegung, nicht zufällig analog der Frage nach einer Einhegung und Begrenzung von tatsächlichen kriegerischen Auseinandersetzungen. Dabei müssten gerade auch die im Christentum immer wieder auf dieses Ziel hin unternommenen Versuche stärker ins Blickfeld rücken, mit individuellen Watschen an Exponenten der Tradition wie Calvin (167ff.) und Bengel, bei denen gnostisches Erbe besonders deutlich zum Vorschein kommt, ist allein noch wenig geholfen. Immerhin wäre Strohms Konzept einer solchen Erörterung gegenüber zumindest nicht gänzlich verschlossen: "Mir liegt nicht daran, die Lichtmythen zu verdammen ... Gefährlich war und ist allein ihre - aus Angst resultierende - Verabsolutierung." (174)
Der Autor wagt sich zudem in Gebiete, die er nicht wirklich versteht, so bezeichnet er beispielsweise den Magier A. C. oberflächlich als Satanisten, verwechselt die rechtsdrehende Swastika mit der linksdrehenden und umgekehrt.
Es gibt sicherlich bessere Bücher. Auch der Begriff der „Gnosis" wird meiner Meinung nach zu einseitig und deshalb irreführend behandelt
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