Die Geschichte der Religionen, an faszinierenden Erscheinungen nicht arm, hat mit der antiken Gnosis eine hochinteressante Bewegung hervorgebracht, die heute wieder sehr attraktiv wirkt, nicht nur auf esoterische Kreise, auch für Philosophen und Psychologen. Und vor allem historisch ist sie durch Quellenfunde in ein ganz neues Licht getreten.
Christoph Markschies stellt die Gnosis der Antike umfassend, gründlich und eindrücklich dar. So weit das möglich ist. Denn wichtig ist das Vorwort, das Rechenschaft über Methode und Position ablegt und die Grenzen des Buches aufzeigt:
1. Der Begriff Gnosis ist unklar und wird sehr unterschiedlich gebraucht, ja, es ist sogar umstritten, ob es eine Gnosis als Bewegung im engeren Sinne überhaupt gegeben habe.
2. Das Buch kann in der Beck-Wissens-Reihe nur eine kurz gefasste Gesamtübersicht sein, eine ausführliche Darstellung ist in Aussicht gestellt.
3. Viele Thesen müssen daher noch ohne ausführliche Begründung und Diskussion verbleiben (Markschies nennt das selber "waghalsig").
4. Die Quellenlage ist durch erhebliche Datierungsprobleme schwer belastet, die Entstehung der Schriften ein hoch komplizierter Vorgang, der noch völlig im Unklaren liege.
5. Daher bezeichnet Markschies seine Darstellung ausdrücklich als einen Versuch, und er will die hypothetischen Züge dieses Entwurfs nicht verbergen.
6. Methodisch hat das etwa die Konsequenz, dass griechische und semitische Fachwörter der Quellen in der Regel ins Deutsche übertragen werden, um nicht Bezeichnungen vorzutäuschen, wo in Wahrheit keine sind. Am deutlichsten wird das daran, dass das Wort Gnosis meist schlicht mit Erkenntnis wiedergegeben wird.
7. Andere Sichten auf das Phänomen Gnosis werden zugestanden, allerdings mit der meines Erachtens berechtigten Aufforderung, lieb gewonnene Hypothesen der Vergangenheit kritisch aus den Quellen heraus zu überprüfen.
8. Insgesamt kann das Buch folglich nur eine Orientierungshilfe sein in Bezug auf einen unklaren Begriff und auf ein dunkles Phänomen.
Diese Vorbemerkungen im Hintergrund erweist sich Markschies denn auch als seriöser, kritischer Wissenschaftler, der im Rahmen der Möglichkeiten stets nur vorsichtig und quellennah begründete Hypothesen formuliert, der seine eigene kulturelle Position nicht verleugnet, sondern kritisch reflektiert (vorbildlich auf Seite 117: "Dies ist aber die Sicht eines christlichen Theologen").
Eine gewissenhafte Einführung klärt erstens über den Begriff Gnosis, Erkenntnis auf, angefangen bei der Wichtigkeit von Erkenntnis in der Antike, bis hin zu seiner geschichtlichen Entwicklung bis zur Gegenwart (Rudolf Steiner, Esoterik, New Age). Sie zeigt zweitens, wie sehr der Begriff wissenschaftliches Konstrukt ist und inwieweit er als solches Konstrukt trotz Mängeln doch hilfreich ist, um schließlich drittens ein typologisches Modell zu bevorzugen, das ich sehr einleuchtend finde (wen das interessiert, lese zuerst Seite 25f). Die Einführung schließt mit einem Überblick über die Hauptprobleme der neueren Diskussion, der vor allem die Grenzen der Forschung deutlich macht.
Der zweite Hauptteil widmet sich ausführlich den Quellen. Hierin beweist Markschies noch einmal die Qualität seiner Herangehensweise, die ich von einem modernen Historiker erwarte, der seine Darstellung konsequent aus dem reflektierten Umgang mit den Quellen heraus erarbeitet.
Die inhaltliche Darstellung erfolgt in den Hauptteilen III (früher Formen der Gnosis in der Antike), IV (große Systementwürfe der antiken Gnosis wie die des Marcion oder Valentin) und V (Manichäismus als Gipfel- und Endpunkt der Entwicklung). Ein Teil VI erörtert die strittige Frage nach gnostischen Gemeinden in der Antike, mit interessanten sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Fragestellungen.
Ein knappes Resümee (VII) beendet das Buch, die Erkenntnisse zusammenfassend und bewertend: das zweite Jahrhundert als Laboratorium für Experimente, wie man zu einer auf dem weltanschaulichen Markt der Antike konkurrenzfähigen christlichen Theologie kommen könne, wobei die Gnosis gescheitert sei.
Und kurz greift Marschies zu gegenwärtigen Fragen in Philosophie (Peter Koslowski) und Psychologie (C.G. Jung) aus.
Bedenkenswert der Schlusssatz: "Vielleicht liegt die ungebrochene Faszination ja nicht zuletzt daran, dass die großen Fragen, auf die diese Systeme auf eine sehr spezifische Weise zu antworten versuchten, trotz aller gegenteiligen Behauptungen die Menschen immer noch so bedrängen wie vor vielen hundert Jahren. Wenn dem so wäre, müsste die These einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft in der Neuzeit einmal sehr gründlich überprüft werden."
Im Anhang finden sich neben Abkürzungsverzeichnissen vor allem sehr ausführliche, kurz erläuterte Literaturhinweise und eine nützliche Zeittafel. Leider kein Register und kein Glossar.
Das ausgesprochen gut lesbare Buch setzt wirklich Maßstäbe in der Darstellung dessen, was aktuell über die Gnosis gesagt werden kann.