Die Glasglocke, von Sylvia Plath (1963 unter dem Pseudonym Viktoria Lucas erschienen) schildert den Verlauf einer Depression, die durch die Möglichkeiten zu leben entsteht, eine Krise, die ja und nein zugleich zum Leben sagt. Sicher geht es in dem Roman auch um das Thema der Emanzipation, darum, dass die Heldin des Romans Esther Greenwood nicht von einem Mann unterjocht sein will, kein Baby angehängt bekommen will, entsprechend drückend und schlimm schildert Plath die Entjungferung Esthers von einem gefühlskalt wirkenden Mathematikprofessor. Die anschließende Blutung bedarf einer Notoperation, die Esther auch noch 20 Dollar kostet, welche Irwin, der Mathematikprofessor erst nicht bezahlen will. Eine Beinahe-Vergewaltigung auf einer Party in New York dokumentiert weiter Esthers Schutzlosigkeit und Ausgeliefertsein an die Männerwelt. Dass ihr Doktor Gordon, ein Mann, nicht helfen kann und sie auf üble Weise einer Elektroschockbehandlung unterzieht ohne sie vorher zu sedieren, tut sein Übriges dazu. Erst auf der privaten Station unter der ruhigen Führung der unprätentiösen Frau Doktor Norton, gelingt ihr der Weg zu sich selbst. Das alles ist ein Aspekt des Romans, ein weiterer Aspekt ist die präzise Schilderung der depressiven Gefühle Esthers, eigentlich keine Gefühle mehr, sondern erstarrte Gefühlskälte. Das Gefühl der Gefühllosigkeit, ein typisches Symptom der Depression wird von Sylvia Plath auf hoher literarischer Ebene geschildert. Mehr und mehr versinkt Esther Greenwood in den Gesten und Handlungen der Menschen um sie herum. Sie wehrt sich scheinbar nicht mehr, hat nur noch den Rückzug als einzige Waffe gegen eine sie überfordernder Gesellschaft, einer Gesellschaft die ständig Erwartungen an sie heran trägt, sie still darum bittet irgendwelche sozialen Rollen zu erfüllen, die sie nicht erfüllen will, weil sie schließlich eine eigene Identität hat. Dies ist die erschreckende Modernität des Romans: dass wir uns gegenseitig durch Banalität abtöten. Lauter Zwänge: berufliche Zwänge, soziale Zwänge, moralische Zwänge. Sei dankbar Esther, ruft stets ihre Mutter. Sei tüchtig Esther, ruft Jay Cee, die Chefin der Modezeitung in New York, wo Esther ihr Stipendium absitzt, sei eine gute Frau, ruft Buddy Willard und dessen Mutter, die sie sich als Ehefrau und Schwiegertochter wünschen, sei eine brillante Schriftstellerin, Professorin oder Forscherin, ruft es in Esther selbst. Die erdrückende Glasglocke entsteht durch diesen alles in Esther Greenwood erstickenden, nichts als drohend fragenden Schrei "Wer bist du eigentlich?".
"Warum kann ich nicht verschiedene Leben anprobieren wie Kleider, um zu sehen, was mir am besten steht und zu mir passt?" schreibt Sylvia Plath einmal in ihrem Tagebuch. Das kennzeichnet schlicht die Tragödie von uns Menschen, festgelegt auf nur ein einziges Leben, mit unendlich vielen Möglichkeiten.
In dem Roman "Die Glasglocke" vergleicht sie die Lebensmöglichkeiten mit Feigen an einem Feigenbaum. Esther möchte nicht nur eine einzige Feige und so werden am Ende alle Feigen schwarz und fallen vom Baum. Esther bleibt nichts, weil sie sich nicht entscheiden kann.
Dass Sylvia Plath mit 31 den Freitod wählte, schwebt über der Lektüre. Ich habe mich über mich selbst geärgert, dass dieses Wissen über dieses Detail aus Sylvia Plaths Biografie dem Roman wie eine weitere Lesart anhaftet. Doch gleichzeitig entstand dadurch dieser merkwürdige Effekt des authentischen Schauers. Dazu kam noch der Film "Sylvia" mit einer großartigen Gwyneth Paltrow als Sylvia Plath. Sylvia Plath - man möge mir diesen Vergleich verzeihen - ist die Marilyn Monroe der ernsten Literatur. Und das leicht verblichene Schwarz-Weiß-Foto der vor mir liegenden Suhrkampausgabe macht aus ihr einen modernen Mythos im besten Sinne Roland Barthes. Eine Literaturgöttin, in die man sich verlieben muß. Auch wenn man sich dadurch als Schwarmgeist outet.