Rajaa Alsanea schreibt in ihrem Buch "Die Girls von Riad" offen über das, über was sonst geschwiegen werden muss: den Lebenshunger und die Sehnsucht nach Liebe der jungen Frauen aus der Oberschicht Riads. Selbst dieser zugehörig als Tochter einer wohlhabenden Familie vermischt sie reale Begebenheiten mit fiktiven Personen, hebt die Schleier an, die die Gedanken verstecken sollen.
Es ist die Geschichte von Kamra, Lamis, Mischail- Michelle genannt - und Sadim. Alle sind sie der Autorin und ihren Freundinnen nachempfunden und vertreten doch so viele Mädchen mehr.
Viele Kleinigkeiten machen den Roman so detailreich. Immer neue Sachen erfährt der Leser über die Mädchen aus Riad. Zum Beispiel, dass Handys ein übliches Geschenk der jungen Männer an ihre Angebeteten sind, damit man auch fernab von Sittenwächtern in Kontakt treten kann, oder, dass junge Frauen sich als Männer verkleiden, um Auto zu fahren und ein bisschen Spaß zu haben. Auch auf den abendlichen Chat mit Unbekannten, in denen die Frauen so wenig wie möglich von sich preisgeben, wird eingegangen. Doch was den größten Aufschrei verursacht hat, ist wohl die vergleichsweise offene Erwähnung von Sex oder sogar Homosexualität, zweier riesiger Tabus in Saudi Arabien.
Rajaa Alsanea studiert Zahnmedizin, im Moment lebt sie in Chicago. Sie hat also keinerlei literarische Vorbildung, dennoch liest sich ihr Roman wunderschön und kraftvoll. Immer wieder eingebunden sind Gedichte oder Zitate von arabischen Dichtern oder Gelehrten, auch die Briefe, die vor allem Sadim schreibt, bestechen durch poetische Anmut. Dennoch wirkt dies nie aufgesetzt, sondern immer natürlich und leicht. Allein schon wegen der natürlichen und doch berührenden Sprache ist es ein Genuss, dieses Buch zu lesen.
Aber der Hauptgrund, das Buch zu kaufen, ist Neugier. Neugier auf eine andere Kultur, auf ein Land, das immer wie das unbekannte Märchenland aus 1001 Nacht wirkt, in dem doch so viel nicht zu stimmen scheint. Doch Alsanea macht klar: Sie liebt ihr Land, nur manche Sachen müssten reformiert werden, damit auch die Frauen glücklich werden können. Auch die Männer wären glücklicher, wenn sie nicht mehr in der bigotten Wertevorstellung gefangen wären, die sie seit Generationen und auch momentan haben. Vor allem diese Männer kommen in kaum einer Geschichte gut weg, denn immer sind sie es, die sich selbst oder anderen im Weg stehen und Ärger und Leid bringen. Dabei betont die Autorin aber, dass dieses reformierte Land nicht nach westlichen Vorstellungen entstehen soll, da der Islam doch wichtig ist und mit dem Leben verwurzelt bleiben soll. Doch so viele Traditionen, die noch aus uralten Tagen stammen, beherrschen heute immer noch das tägliche Leben, obwohl sie schon so lange überholt sind und nichts mit dem islamischen Glauben zu tun haben.
Natürlich ist dies ein Buch der Oberschicht, die Mädchen haben allesamt keine Geldprobleme, können sich leisten, was immer sie wollen, zumindest in finanzieller Hinsicht. Die saudi-arabische Unterschicht lebt wohl wieder ganz anders, auf dies wird aber gar nicht eingegangen. Doch das muss es auch nicht, schließlich ist es die authentische Geschichte des durchschnittlichen arabischen Mädchens, das zwar zumeist glücklich ist, aber um jedes bisschen Freiheit kämpfen muss.
Wenn man das Buch gelesen hat, ist einem klar, warum Rajaa Alsanea mittlerweile eine Berühmtheit in ihrem Land ist. Zunächst im Libanon veröffentlicht, wurde das Buch in Saudi-Arabien nur auf dem Schwarzmarkt zu exorbitanten Preisen gehandelt. Nach der Veröffentlichung in Saudi Arabien brach ein wahrer Sturm über die junge Autorin los: landesweite Kontroversen, E-Mail-Fluten - manche mit Heiratsanträgen, manche mit Morddrohungen. Auch die Gefahr, durch dieses Buch nie wieder so geachtet zu werden und keinen Mann zu finden, droht ihr. Allerdings: Rajaa Alsanea scheint keine Frau zu sein, die verheiratet werden muss oder will, um ihr Glück zu finden