9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Älter, aber in vielerlei Hinsicht besser als sein Nachfolger., 13. Oktober 2009
= Spaßfaktor:4.0 von 5 Sternen
Rezension bezieht sich auf: Die Gilde - Gold Edition [Green Pepper] (Computerspiel)
Dass Nachfolger oft enttäuschen, kennen wir aus dem Kino. Bei PC-Spielen ist das ein eher selteneres Phänomen. Ich möchte diese Rezension gerne mit Vergleich zu Gilde 2 angehen - nicht weil ich das Spiel kritisieren möchte, da könnte ich ja auch über Gilde 2 eine Rezension schreiben. Nein, ich möchte nur Menschen ermutigen den ersten Teil zu spielen. Aber bevor ich das näher erläutere, komme ich zunächst auf die Gilde Gold im Allgemeinen zu sprechen.
In Gilde Gold spielt man das Leben eines Menschen im Mittelalter. Man wählt die Stadt und den Beruf (z.B. Wirt, Prediger, Schmied, Dieb, Schneider, Totengräber, Zigeuner usw.) und beginnt sogleich den Tag mit Arbeit, d.h. in den meisten Berufen wird man Waren produzieren und am Markt verkaufen. Mit dem Gewinn (sofern einer zu Stande kommt) erweitert man den Betrieb um Einrichtungsgegenstände, die bestimmte Werte steigern (z.B. Produktivität, Unfallschutz). Nebenher wirbt man um einen Ehepartner mit Rosen, Landausflügen, Küchenschürzen oder was man auch immer dafür ausgeben möchte, heiratet eventuell und kann alsbald Kinder erwarten, deren Ausbildung man bezahlt, sodass sie später - denn wir müssen alle sterben - die Dynastie übernehmen können. Man spielt dann als Sohn bzw. Tochter, aber bis dahin vergeht viel Zeit.
Der Politikpart ist sehr interessant. Es gibt verschiedene politische Ebenen, in denen man durch Wahl aufsteigen kann, vorausgesetzt man kann sich die Gunst der Ernenner verschaffen. Dafür gibt es wahnsinnig viele Möglichkeiten, über ein Parfüm das Zwietracht zwischen zwei Menschen säht (z.B. Ernenner und Konkurrent), Gedichte für das andere Geschlecht schreiben, einen Ring anziehen um besser auf adlige zu wirken, ein Pamphlet gegen den Konkurrenten ans Schwarze Brett nageln, einen Drohbrief verfassen und und und. Dazu haben bestimmte Berufe spezielle Möglichkeiten: der Prediger predigt gegen seinen Konkurrenten, der Schneider plaudert bei einem Glas Rotwein mit wichtigen Herren, der Zigeuner kramt Flüche hervor, der Dieb lässt den Konkurrenten kurzerhand entführen und und und.
Falls man es dann schafft gewählt zu werden, hat man in den jeweiligen Ämtern dann bestimmte Entscheidungsgewalten und bekommt noch ein Honorar dafür. Dabei gilt: Je höher das Amt, desto mächtiger die Möglichkeiten, die einem das Amt gibt.
Das sei kurz zu Gilde Gold gesagt, es ist aber noch wesentlich umfangreicher, als ich es hier beschreiben kann. Umfangreicher, aber nicht unbedingt komplizierter!
Nun setze ich den Gilde 2 Vergleich an, um die Einzelheiten von Gilde Gold zu bewerten:
Wirtschaft: Der Schwerpunkt bei Gilde 1 liegt in der Wirtschaft, während Gilde 2 eher auf die Lebenssimulation setzt. So wird man bei Gilde eher damit beschäftigt sein, Betriebe zu leiten und Gewinn zu erwirtschaften. Für mein Empfinden war die Preisentwicklung und Marktlage bei Gilde 1 etwas realistischer als bei Gilde 2.
Leben: Gilde 2 ähnelt dort Sims 2. Man kann im Gegensatz zur Gilde 1 also seine Charaktere (auch die Frau und die Kinder) selbst steuern, muss dies sogar. Die Brautwerbung bei Gilde 1 z.B. läuft über ein Menü ab, die Wahlen finden am Ende des Tages statt, Kinder entstehen spontan, Pamphlete hängen nach Knopfdruck am Schwarzen Brett usw.! Bei Gilde 2 muss man für all solche Vorgänge die eigene Spielfigur bemühen, macht der Dame also den Hof, indem man über einige Kilometer zu ihr läuft. Muss zu Wahlen pünktlich in der Stadtverwaltung erscheinen, sogar mit der Frau schläft man auf Befehl. Das klingt interaktiver als Gilde 1, für mich hat es letztlich ein elendes Gefitzel bedeutet, weil man ständig mit dem eigenen Charakter beschäftigt ist und dabei sich gar nicht auf den Betrieb konzentrieren kann. Die Rollenspiel-Elemente sind zwar bei Gilde 2 umfangreicher und hübscher gestaltet, aber es führt auch zu Hektik und Übersichtsverlust. Mir war es lieber, dass all diese Vorgänge wie Entführungen, Bespitzelungen und Brautwerbung nicht zu sehen waren, und dafür von meiner Fantasie ausgekleidet wurden.
Politik: Ich kann nicht beurteilen, was das Add-On von Gilde 2 verändert hat, aber Gilde 2 hat hier seinen Vorteil verspielt. Bei Gilde 1 gab es nur EINE Möglichkeit in eine Wahl zu intervenieren: Gute Vorarbeit. Also den Amtsernenner bestechen, erfreuen, drohen bzw. den Konkurrenten ausschalten, denunzieren oder des Amtes entheben. Bei Gilde 2 kann man mit gutem Rhetorikwert innerhalb der Wahl Dinge reinschreien und somit auf ziemlich einfache Weise für sich gewinnen - das sieht nicht nur albern aus, es macht auch jede gute Vorbereitung auf eine Wahl zu nichte. Ich fand es in Gilde 1 spannender, alle Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben und dann auf die Ernennung zu warten.
Auch gibt es in Gilde viel mehr Ämter als in Gilde 2. Das hat den Vorteil, dass sich Macht verteilt, während es bei Gilde 2 heftige Machtballungen gibt.
Grafik: Da ist Gilde 2 natürlich auf besserer Position. Sieht alles sehr hübsch aus. Allerdings ist das auch das Problem: alles sieht hübsch aus, die Sonne scheint, die Häuser erstrahlen - in Gilde 1 herrscht eine eher düstere Stimmung mit einigem an schwarzem Humor, was mir als eine bessere Mittelalter-Atmosphäre erschien. Da kann ich über eckige Texturen und klumpige Bewegungen hinwegsehen. Allein die Kneipe! Was war das für eine dunkle, verruchte Kaschemme in Gilde 1. In Gilde 2 speist man unter den Linden.
Sound: Hat bei Gilde Gold Kultcharakter. Wenn der Nachtwächter 22.30 Uhr ruft "Hört ihr Leut, was ich euch sag...", oder das berühmte "Absetzen! Räumt den Sessel leer!". Die Sprecher sind ganz große Klasse. Die Musik passt. Das ist alle was man sagen kann. Gilde 2 hat schönere Musikstücke, muss ich zugestehen.
Steuerung: Kann man aus den vorherigen Kommentaren schließen. Gilde 2 fand ich fummelig, hektisch und unübersichtlich. Gilde 1 Gold ist da simpler, sicherlich auch mit weniger Präsentation verbunden, aber dafür spielbarer.
FAZIT: Ich empfehle jedem Wirtschaftssimulationsfreund Gilde Gold dem zweiten Teil vorzuziehen. Für Spieler, die mehr Wert auf Sims-ähnliche Interaktionen legen, ist Gilde 2 vielleicht die bessere Wahl. Ich habe beide gespielt, hatte an beiden Freude, aber spiele heute, obwohl Teil 2 im Regal steht, nur noch Gilde Gold. Zumal der Preis ein Witz ist (5¤).
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