Man kann der Autorin nur danken, der Öffentlichkeit einen solch ungeschminkten und schockierenden Einblick in die Hintergründe der Finanzkrise gegeben zu haben. Einiges wusste man ja schon seit den Tagen eines Nick Leesons (
Das Milliarden-Spiel. Wie ich die Barings-Bank ruinierte.), der "Mutter aller kriminellen Börsenhändler". Doch bei dem, wovon Anne T. berichtet, geht es nicht um kriminelle Taten, sondern um schlichte Gier. Anne T. ist davon überzeugt, dass viele Tätigkeiten in der Finanzindustrie regelrecht den Charakter verändern (8): "Ich bin inzwischen sicher, dass Geld süchtig macht. Anders ist es nicht zu erklären, wie Menschen sich verändern, welchen Preis sie bereit sind zu zahlen, um möglichst viel davon zu bekommen. Und sie werden nicht satt, sondern immer hungriger."
Ihre berufliche Karriere beginnt sie in Frankfurt, wo sie zunächst Börsengänge (IPOs) begleitet. Schon hier sind manche ihrer Erlebnisse grotesk, entsprechen aber genau dem, was mir auch einige Bekannte, die während der Blütezeit des Neuen Marktes in der Branche tätig waren, erzählten.
Später geht sie nach London, wo sie ihre Arbeit in einem Aktienhandelsraum aufnimmt. Beim ersten Anblick ihres neuen Arbeitsplatzes ist sie schockiert: "Tiere im Zoo hatten mehr Auslauf." (22) Schon bald lernt sie das dortige "Elitedenken in Reinkultur" (22) kennen: Hauptsache man kam von einer Eliteuniversität. Welcher Art das Studium war, war dagegen ziemlich egal.
In London gerät sie auch das erste Mal in Kontakt mit Derivatehändlern, Vertretern der Königsdisziplin also. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland nimmt sie folgerichtig eine Beschäftigung im Derivatehandel auf. Bei der Lektüre des von ihr beschriebenen Bewerbungsgesprächs (36) und der dabei von ihr verfolgten Strategie (es kommt nicht so sehr darauf an, ob die Antwort richtig ist, sondern mehr, ob man überzeugend wirkt und entschlossen reagiert) musste ich herzhaft lachen. So fragt man sie etwa nach der Wurzel aus 1776, worauf sie entschlossen mit 38 (42 ist näher dran) antwortet, was ihre zukünftigen Chefs beeindruckt: Worüber wundern wir uns eigentlich noch?
Schockierend die das ganze Buch durchziehenden Einzelepisoden, bei denen man manchmal den Eindruck bekommt, es könnte sich hierbei um eine durchgeknallte Spezies vom Mars handeln.
Anne T. macht deutlich, dass sie die Abkopplung der Finanzmärkte von den Gütermärkten für eine wesentliche Ursache der aktuellen Problematik hält (218): 95% aller Gelder, die auf den Kapitalmärkten hin- und hergeschoben werden, sind Anlage- und Spekulationsgelder, nur 5% sind durch den Güterverkehr bedingt (217). Und hinter all dem vermutet sie eine Gier, die längst alle Beteiligten (inklusive den Privatanlegern) erfasst hat, und die nur ein Ziel hat, nämlich aus Geld immer mehr Geld zu machen.
Sie resümiert (218f.)
"Als abgeklärte Bankerin fragte ich mich aber auch: Ist Gier nicht ebenso das, was ein Gordon Gekko, der Held aus Wall Street, prophezeite? Die Triebfeder wirtschaftlicher Evolution? Ist sie nicht die Kraft, die seit jeher Innovation, Produktivität und Fortschritt in Gang setzt und weitertreibt?"
Damit äußert sie eine ganz ähnliche Idee, die Mersch in
Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem zur Grundlage seiner Systemischen Evolutionstheorie macht: Evolution entsteht durch den Wettbewerb von Akteuren, die in ihrem Lebensraum (zum Beispiel den Märkten) ein Kompetenzerhaltungsinteresse (Selbsterhaltungsinteresse) besitzen. Da man sich aber gemäß Red-Queen-Hypothese in einem solchen kompetitiven Umfeld nur dann erhalten kann, wenn man so schnell rennt, wie es die Wettbewerber tun, ist die Folge ein kollektives Rennen, d.h. letztlich eine kollektive Gier. Im Grunde kann man damit auch die stetig zunehmende absurde berufliche Hetzerei erklären, von der auch Anne T. berichtet.
Anne T. empfiehlt, die Finanzmärkte energisch zu regulieren: "Im Kapitalismus als Wirtschaftsordnung sollte aber keine Anarchie herrschen, es braucht funktionierende Regeln. (...) Für die Realwirtschaft sind diese Regeln weitestgehend erforscht. Die Spielregeln für die Finanzmärkte sind jedoch noch längst nicht so ausgereift (...)."
Entsprechend schlägt sie international verbindliche Finanzspielregeln vor, nicht ohne dabei aber skeptisch anzumerken (219): "(...) die einzelnen Staaten liegen in dieser Frage so weit auseinander, dass eine internationale Finanzaufsicht fast utopischer erscheint als eine Weltregierung."
Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die internationale Staatengemeinschaft schon erwachsen genug ist, um die genannten Probleme ernst zu nehmen.
Der reine Text des Buches umfasst etwa 220 Seiten, woran sich ein zwanzigseitiges Glossar anschließt (vorbildlich!). Hierdurch lassen sich die Inhalte des Buches auch sehr gut für Nicht-Banker nachvollziehen.