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TOP 1000 REZENSENTam 16. Mai 2014
Jan Assmann, den ich selber und begeistert als Student gehört habe, ist ein faszinierender Wissenschaftler, der aus seinem Hauptgebiet heraus, der Ägyptologie, die Grenzen zu andern Wissenschaftsbereichen ausgelotet und überschritten hat. Er hat damit etliche fächerübergreifende Diskussionen ausgelöst, die bereichernd und wegweisend waren, etwa was die Leistung des kulturellen Gedächtnisses anbelangt (Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen).

Wer sich so mutig herauswagt, dem entgleitet mitunter das, was er als Diskussion angestoßen hat, indem seine Thesen missgedeutet oder missverständlich gebraucht werden. Oder er wird Opfer von wissenschaftlicher "Konsequenzerei", die Moses Mendelssohn so angeprangert hat: "Nicht jeder, der sich zu einer Meinung verstehet, verstehet sich zugleich zu allen Folgen derselben, und wenn sie auch noch so richtig aus derselben hergeleitet werden. Aufbürdungen dieser Art sind gehässig und führen nur zur Verbitterung und Streitsucht, dabei die Wahrheit selten gewinnnet" (zitiert S. 251 durch Jan Assmann).

Konsequenzerei und missbräuchliche Verwendung widerfuhr Jan Assmann nun mit seinen Thesen zum Monotheismus und der Gewalt. Seine Beobachtungen und Reflexionen wurden ziemlich rasch in populistische antijüdische, antichristliche, antiislamische Polemik umgemünzt mit Hilfe unsäglicher Banalisierungen oder Zuspitzungen. Der Tiefpunkt war, wie im vorliegenden Buch mehrfach zitiert, ein peinlich reißerischer Artikel, "Das Testament des Pharao" in Der Spiegel 52 (2006). Interessant, dass der Spiegel es nicht für nötig hielt, einen distanzierenden Leserbrief Jan Assmanns zu veröffentlichen. Zu viel Freiheit der Debatte verträgt ein Magazin heutzutage wohl nicht. Schon gar nicht Versachlichung und wissenschaftliche Korrektheit. Nicht zu erwähnen, wie unzählig oft Assmanns These verzerrt und vereinfacht in Talk-Shows oder Internetdebatten auftaucht. Und wütende Konsequenzerei musste er vor allem von protestantischen Theologen erleiden.

Umso wertvoller der Sammelband Die Gewalt des einen Gottes: Die Monotheismusdebatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen. Hier wird die wissenschaftliche Debatte dokumentiert, es werden Missverständnisse ausgeräumt und notwendige Präzisierungen und Korrekturen vorgenommen. Neben ein paar polemischen Absätzen, die auch auf diesem hohen Niveau einfach dazu gehören, wird die Debatte insgesamt sehr sachlich und sehr kultiviert geführt. Und mit sichtlicher Leidenschaft. So werden wissenschaftliche Diskussionen spannend und fordern heraus.

Selbstverständlich sind die verschiedenen Autoren verschieden interessant und mehr oder weniger tiefgründig. Alles in allem aber überzeugen die Beiträge. Und vor allem als Rede und Gegenrede haben sie etwas sehr Vitales und Authentisches. Wichtig, dass Jan Assmann natürlich reichlich selbst zu Wort kommt, genauso wie seine öffentlichen Hauptgegner Rolf Schieder oder Micha Brumlik.

Selbstverständlich ist auch der Philosoph Peter Sloterdijk als scheinbarer Verbündeter Assmanns mit von der Partie. Sloterdijk geht nicht sehr auf Einwendungen ein und bleibt damit an dialogisch-diskursiver Qualität hinter den andern Beiträgen zurück. Zwar allemal lesenswert, bedarf seine philosophisch abstrakte Sicht von Religion dringend der Korrektur durch die empathische Wahrnehmung wirklich gelebter Religion, die ihm offensichtlich verstellt ist. Im Grunde ist er hier isoliert.

Ebenso wie Daniele Dell'Agli, der allerdings deutlich schwächer und trivialer argumentiert als Sloterdijk. Man weiß nicht, ob der religionsfeindliche Furor Dell'Aglis, der die Religion für ALLES Übel der Welt verantwortlichen machen will, eher als peinlich oder als bedauernswertes Ungenügen einzuschätzen ist, zumal er einen Beweis dafür liefert, wie intolerant und aggressiv der Atheismus selbst argumentieren kann - vielleicht ist der radikale Atheismus ja auch nur ein Abklatsch des inkriminierten radikalen Monotheismus? Der halt sagt, falsch und nicht wahr ist jede Religion und ich allein habe Recht? Oder wurde Dell'Agli gar nur in das Buch aufgenommen, um öffentlich zu demonstrieren, wie seicht und bärbeißig Assmanns Überlegungen auch verwendet werden können?

Dafür spräche, dass eine Nicht-Theologin, die Professorin für die Geschichte der Religionen Dorothea Weltecke, im Anschluss an Dell'Agli konzis, quellenkundig und differenziert die Gewalt- und Intoleranzvorwürfe gegen die Religion historisch prüft, und zwar präzise für die bei stereotypen Religionsgegnern so beliebte Zeit des "finsteren" Mittelalters. Weltecke zeigt souverän auf, wie vielfältig die mittelalterlich Welt war, wie unzureichend Begriffe wie "Toleranz", "absoluter Wahrheitsanspruch" oder "Gläubige-Ungläubige" die komplexe Wirklichkeit des Mittelalters erfassen können: "Historisch gesehen haben die Religionen im Mittelalter normativ und praktisch sehr vielfältig schattierte Beziehungen untereinander entwickelt, die sich mit einfachen Gegensatzpaaren nicht beschreiben lassen." Ihr gut begründetes Ergebnis: "Die religionsphilosophischen Theorien, die die Gewalt als notwendige Aktualisierung der Offenbarungsdokumente oder metaphysisch aus den Religionen selbst erklären, halten der empirischen Überprüfung nicht stand. Stattdessen müssen die innerweltlichen Strukturen identifiziert werden, die je spezifisch die Dramatisierung der Gegensätze und die Gewalt verursachten oder Wogen wieder glätteten" (S. 320f).

Am Ende des Buches steht der kritische Aufsatz des Berner Islamwissenschaftlers Reinhard Schulze, der die Diskussion im Grundsatz in Frage stellt. "Kurzum", beschreibt er das Ziel seines Beitrags, "ich werde versuchen zu zeigen, dass die Frage zur Relation von Monotheismus beziehungsweise Religion und Gewalt falsch gestellt ist." Das gelingt ihm auch überzeugend, weil er nachweisen kann, wie naiv die Diskussion geführt wird, ohne ihre Voraussetzungen zu reflektieren. Die Begriffe sind nicht geklärt. Genealogien werden phantasiert, nicht empirisch belegt, moderne Eintragungen in historische Zusammenhänge sind Standard und vor allem werden historische Fakten suggeriert, die es in Antike und Mittelalter nie gegeben hat. Wie Schulze genau begründet, kann hier nicht entfaltet werden. Seine Analyse ist in jedem Fall lesenswert, leider wird das Lesen erschwert durch einen arg akademischen Stil. Bedenkenswert bleibt sein Resümee: "... das Postulat eines inhärenten Zusammenhangs von Religion und Gewalt, wie auch die Spezifikationen ... hin auf eine Sonderrolle des Monotheismus ... erweisen sich ... als Teil eines normativen Eigensinns der Moderne, die ihre eigene Gewaltsamkeit zu bewältigen versucht. Das Gewalthandeln ultra-religiöser Gruppen erscheint dann als Aufflackern eines Urproblems und eben nicht als Problem der Gegenwart. Bedenklich an diesen Narrativen ist die Tatsache, dass sie dazu dienen können, die Moderne aus der Verantwortung der durch sie gestifteten real existierenden Gewalt zu entlassen und die Verantwortung für die Gewalt in längst vergangene Zeiten zu verlagern." Bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass der verbal gewalttätigste und intoleranteste Beitrag im ganzen Buch von einem Religionskritiker und selbsternannten Spitzenvertreter der Moderne stammt, nämlich Dell'Agli.

Was mir deutlich fehlt, ist ein biographisches Register der Autorinnen und Autoren. Zwar kannte ich die meisten, aber nicht alle, und musste deren Fachrichtung und Hintergrund erst teils aufwendig recherchieren.

Wer zukünftig mitreden will, wenn er denn will und nicht populistisch eine hochinteressante These für seinen antimonotheistischen Weltanschauungskampf instrumentalisieren will oder Religion oder religiöse Bildung wider die Realität für irrelevant hält, wer also wirklich mitreden will und wirklich offen ist für Argumente in der Frage des Monotheismus und seines Umgangs mit Gewalt und darüber hinaus, der kommt um diesen glänzend zusammengestellten Sammelband nicht herum. Zumal er zeigt, wie spannend, weiterführend und anregend eine wissenschaftliche Kontroverse sein kann.

Und zumal die Intention von Jan Assmann nur zu unterstreichen ist: "Meine Kritik ist ... antifundamentalistisch motiviert. Eine Lektüre der heiligen Schriften, die unter Berufung auf archaische Texte diejenigen selig spricht, die Verfolgung ausüben, kann sich die globalisierte Menschheit nicht mehr leisten. Das heißt nicht, die heiligen Schriften abzuschaffen, sondern unsere Lektüre zu humanisieren, wofür gerade der jüdische Umgang mit den Gewalttexten [der hebräischen Bibel] ein Vorbild sein kann" (S. 264).

P.S. Diese Rezension bezieht sich auf die zweite Auflage des Buches, die bei amazon an anderer Stelle gelistet ist: Die Gewalt des einen Gottes: Die Monotheismusdebatte zwischen Jan Assmann, Mischa Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen.
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War der biblische Gottesglaube eine späte Kopie des ägyptischen Monotheismus unter Echnaton? Jan Assmann berichtete in mehreren Büchern und Aufsätzen von dem aufklärerischen Impuls dieser Fragestellung, die bis hin zu Sigmund Freud wirkte und nicht zuletzt zur modernen Altertumswissenschaft angeregt hatte. In diesem Zusammenhang tauchte die These von der “Gewalt des einen Gottes” auf, da in der Exodustradition Aussagen von der Eifersucht des biblischen Gottes und dazu gehörige Gewalterzählungen vorkommen. Dem Theologen Rolf Schieder und anderen war als Reaktion darauf hingegen aufgefallen, dass diese Schlüsse auf eine inhärente Gewalt des Monotheismus und die dazu nötige “mosaische Unterscheidung” (Jan Assmann) zwischen wahr und falsch nach neueren exegetischen Erkenntnissen völlig unabhängig von Einflüssen des antiken Ägyptens standen, sondern literarische Konstruktionen des 4./5. Jahrhunderts vor Christus sind, der Zeit der Rückkehr der Israeliten aus dem Exil, als die Judäer für die Tempelreligion in Jerusalem eine Wiederherstellung der israelitischen Religion auf der Grundlage der Exodustradition um Mose einführten. Bernhard Lang zum Beispiel zeigt, dass die biblische Religion nicht auf diese um Wahrheit bemühte Tradition beschränkt werden kann, und dass demgegenüber ein breiter eher weisheitlicher Traditionsstrang steht, von der Josefsgeschichte bis hin zum Prediger Salomos. Der historische Sitz im Leben der Exodustradition war die Konstitution eines Volks ohne König, in der die Religion unabhängig von der politischen Verfassung einen Bundesschluss des Volkes mit Gott voraussetzte. Die politische Herrschaft lag in der Hand fremder Mächte, die keine Verbindung zu Gott repräsentieren konnten.
Das Selbstverständnis des Volkes hingegen basierte auf dem Gottesbund. Dass in diesem Zusammenhang der Dekalog und die darin geforderte Ablehnung fremder Kulte zur Bedingung gemacht wurde, erforderte tatsächlich so etwas wie eine Unterscheidung zwischen wahr und falsch. Festzuhalten ist jedoch, dass diese Tradition weder auf tatsächlichen Gewaltakten beruhte noch dazu verwendbar war. Die auf politische Befreiung angelegte Exodustradition war nicht dazu zu verwenden, Gewalt nach innen real auszuüben. Mose hingegen gab dem Volk ohne König die literarische Identifikation. Was übrigens ebenfalls angesprochen wird, ist, dass die Unterscheidung, einer Gewaltandrohung nach Innen im Sinne einer Unterscheidung zwischen wahr und falsch, in der Geschichte auch im Kontext anderer, eventuell polytheistischer Religionen vorkam. Von einer Exklusivität in Bezug auf Monotheismus kann nicht die Rede sein.

Die “Perlentaucher-Debatte” um die Thesen Jan Assmanns, die ursprünglich die Gewalt des Monotheismus auch im Kontext der Anschläge des 11. September und ihres religiösen Hintergrunds sehen wollten, liegt hier neben der Veröffentlichung im Internet ([...]) in Buchform vor. Der Diskussionsprozess, angeregt durch Rolf Schieder, der auch als Herausgeber des Buches fungiert, führte dazu, dass die Hauptfigur der Diskussion, der Altorientalist Jan Assmann, in seinem letzten Beitrag einige seiner Thesen modifizierte und sich gar dafür entschuldigte, dass diese sich potentiell antisemitisch gezeigt hätten, was nicht beabsichtigt war. Er bekundet Erschrecken über die Konsequenz seiner Formulierungen und machte an einem Zitat Sigmund Freuds deutlich, dass der “Rassenwahn” auch nachträglich jeder Religion angelastet werden kann. In diesem Zusammenhang formuliert er einen Diskussionspunkt, den man als ein Hauptergebnis dieser Diskussion ansehen kann:

“Marcia Pally schlägt vor, zwischen einem ‘schwachen’ und einem ‘starken’ Monotheismus zu unterscheiden. Der ‘schwache’ Monotheismus erkennt die Existenz anderer Götter grundsätzlich an, besteht aber darauf, nur einen einzigen von ihnen zu verehren. Der ‘starke’ Monotheismus dagegen bestreitet die Existenz anderer Götter, für ihn gibt es nur einen einzigen Gott. … Ich (Assmann, d. Rez.) möchte stattdessen vorschlagen, zwischen einem ‘Monotheismus der Treue’ und einem ‘Monotheismus der Wahrheit’ zu unterscheiden. Der ‘Monotheismus der Treue’ ist die Besonderheit der Bibel” (S. 252).

Gegen Ende des gleiche Beitrags kommt Jan Assmann zu einer weiteren Konsequenz seiner differenzierten Bewertung, die zwar eine Aufgabe einiger Positionen bedeutet, zugleich aber auch Wege weiterer Diskussionen eröffnet: “Ich räume ein (schreibt Assmann), dass das Konzept der ‘mosaischen Unterscheidung’ im Sinne von ‘wahr’ und ‘falsch’ allzu simplistisch und irreführend war. Eine feinere Analyse der mit dem Exodus-Mythos und dem Monotheismus der Treue verbundenen Unterscheidungen führte zu dem Ergebnis, dass die Gewalt nicht aus der Unterscheidung von wahr und falsch, sondern von Freund und Feind stammt. Es ist diese Unterscheidung, die im Raum des Religiösen problematisch ist, zumal wenn sie sich mit der apokalyptischen Vorstellung eines Weltgerichts verbindet, in dem Gott mit seinen Feinden abrechnet. … Meine Kritik ist nicht antisemitisch, aber antifundamentalistisch motiviert.” (S. 264)

Rolf Schieder, der in seiner ersten Entgegnung auf Jan Assmann noch theologisch pointiert und damit eine zweite Diskussionsebene über die angestoßene religionswissenschaftliche legt, geht in seinem kurzen Vorwort in sieben Thesen noch einen Schritt weiter, indem er einen in der Diskussion mit Peter Sloterdijk eingeführten Begriff des “Kosmotheismus” aufgreift: “Es ist also kein Zufall, dass die Debatte über den Monotheismus und seinen Preis immer auch eine Debatte über die religiös-politische Verfasstheit unseres Gemeinwesens ist. Die Vermutung ist nicht abwegig, dass in einer Welt, in der Bürgerinnen und Bürger kosmopolitisch leben und denken, die Plausibilität eines Kosmotheismus, wie er sich beispielsweise im Glauben an die Menschenrechte zur Geltung bringt, zunimmt.” (S.11) Die Dokumentation der “Perlentaucher-Debatte” aus dem Jahr 2013 in diesem Buch ist so gesehen nicht das Ende der Diskussion, sondern eine Bestandsaufnahme und zugleich der Beginn einer neuen Debatte, die sowohl auf einer politischen, als auch einer religiösen Ebene zu führen wäre. Der “schwache” Monotheismus wäre so gesehen anders als eine Verehrung eines Gottes unter vielen (Monolatrie) zu deuten, nämlich als ein Begriff einer religiösen Wahrheit ohne die Behauptung ihre absoluten Geltung. Der Wahrheitsbegriff dieses kosmotheistischen Denkens ist nicht in diesem Sinn ideologisch, wie es die pure Unterscheidung zwischen “wahr” und “falsch” zeigen würde. Insofern kann man auf die Fortsetzung der Assmann-Debatte gespannt sein.
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am 13. Januar 2015
Die „Monotheismus-Debatte“ um die Frage, ob oder inwiefern monotheistische Religionen die Quelle von Gewalt sind, hat durch die Terrorakte in Paris eine traurige Aktualität gewonnen. Muss sie nun anders beantwortet werden als vor oder nach den Anschlägen von 9/11?

Die Argumente der Kontrahenten in diesem Streit, Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und andere, sind nun in einer neu erschienen Aufsatzsammlung nachzulesen. In den fachwissenschaftlichen Beiträgen der Alttestamentler, Religions- und Islamwissenschaftler geht es vor allem um die Interpretation von Textstellen aus Bibel, Koran und Thora.
Ohne auf Details dieser differenzierten, größtenteils philologisch-historisch zentrierten Studien um Religion, Wahrheit, Gewalt und Toleranz einzugehen, möchte ich mich an dieser Stelle mit einem allgemeinen, philosophisch akzentuierten Fazit meiner Lektüre begnügen: Wer sucht, der findet!

Die aus verschiedensten Quellen und Zeiten zusammengeflossenen religiösen Schriften sind viel zu widersprüchlich und bei weitem zu vielgestaltig, um aus ihnen ein eindeutiges Plädoyer für oder gegen die gewaltsame Durchsetzung von Glaubensinhalten ableiten zu können. Da steht die radikalpazifistische Bergpredigt neben Moses Tötungsbefehl gegen Abtrünnige, der zornig seine Alleinherrschaft fordernde eine Gott gegen den sanftmütigen Josef, das friedfertige Leben Jesu gegen den mit Leichen gepflasterten Weg Mohammeds zur Führerfigur.

Was ist aus all‘ dem philosophisch zu lernen?

1. Wer heute religiös ist, und dies zählt zu den unveräußerlichen Freiheitsrechten eines jeden Menschen, muss sich mit den zentralen Schriften seiner Religion auseinandersetzen.
2. Für diese Auseinandersetzung sind Interpretation und Kritik unverzichtbare Methoden.
3. Jede Interpretation muss ihre Interessen offenlegen.
4. Eine Interpretation, die nicht vom Willen zu stabilem Frieden und langfristiger Freiheit geleitet ist, taugt für keine Lebensorientierung.
5. Religiösen Schriftstellen, die mit den Menschenrechten und der aus ihnen ableitbaren friedensfreiheitlichen Orientierung nicht vereinbar sind, darf nur noch eine historische, aber keinerlei aktuelle normative Bedeutung mehr zugesprochen werden.
6. Vorbild für den Umgang mit der eigenen wie mit Religionen anderer sollte die Position von Lessings Nathan der Weise sein, der sich für Toleranz gegenüber anderen Lebensorientierungen stark macht.
7. Die Beachtung der Menschenrechte und nichts anderes bildet die Grenze der (religiösen, politischen und sonstigen) Toleranz.

Dr. Ulrich Müller (Berlin)
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