Anmerkungen zu „Die Gesundheitsrevolution"
Zu den irritierenden Erfahrungen, die man in einem Medizinstudium machen kann, gehört, dass man, je weiter man in dem Studium fortschreitet, um so mehr von Krankheiten weiß, aber dass die Frage, was Gesundheit ist, eigentlich nur wenig thematisiert wird und in vieler Hinsicht in einem merkwürdigen Dunkel beziehungsweise Nebel bleibt.
Insofern haben diejenigen recht, die kritisch darauf hinweisen, dass unser „Gesundheitswesen" eigentlich korrekter als „Krankheitswesen" bezeichnet werden müsste, weil die tiefgehenden, weiterreichenden Fragen nach der Gesundheit erstaunlich wenig Gegenstand nicht nur der Betrachtung, sondern auch der konkreten Maßnahmen und umgesetzten Konzepte sind. Dies gilt sowohl für unser Alltagshandeln wie auch für die überwiegenden Praxis der Medizin wie auch die anhaltende Konfusion der Gesundheitspolitiker. Dass wir inzwischen in bedrohliche und kritische Zonen geraten, wird immer offensichtlicher. Die Gesundheitspolitik wird deshalb absehbar zu einem der zentralen Politikfelder werden, möglicherweise sogar den nächsten Wahlkampf entscheidend mitprägen.
Das wissen die auf Grund ihrer speziellen Interessenlage in einem meist sehr engen Marktsegment engagierten Marktteilnehmer ziemlich genau. Von ihrer Seite sind daher voraussichtlich nur wenig Transparenz schaffende Beiträge für die seit langem überfälligen Grundsatzdiskussionen zu erwarten, die vor wesentlichen Kursänderungen in demokratischen Staaten stattfinden sollten. Ob eine „Gesundheitsrevolution", wie Ellis Huber (von 1987 -1999 Präsident der Berliner Ärztekammer und seit 2001 Vorstand der BKK Securvita) und Kurt Langbein (seit vielen Jahren durch kritische Beiträge zu Gesundheitsthemen bekannter Autor) ihr im Aufbauverlag erschienenes Buch genannt haben, wird so lange hypothetisch bleiben, so lange das Thema Gesundheit oder genauer genommen Krankheit in den bisherigen Kontextstrukturen von den jeweiligen partikulären Interessenträgern abgehandelt und entsprechend vertreten wird.
Genau hier setzt das Buch an. Es möchte „Otto Normalverbraucher" mit der schwierigen Materie des von vielen Experten, Sachverständigen und Wissenschaftlern schon seit langem diskutierte Thema des bevorstehenden Paradigmenwechsels in der Medizin bzw. der Gesundheitssysteme ein wenig vertrauter machen, indem markante Kontroversen benannt und allgemeinverständlich dargestellt werden.
Auf 298 Seiten wird in 9 Kapiteln aus verschiedenen Blickwinkeln Material angeboten, das einen normalen Leser etwas besser verstehen lässt, wie komplex, interessengebunden, aber auch widersprüchlich die meisten Sachverhalte sind, um die es bei einer „Gesundheitsrevolution" geht. Die Dringlichkeit mancher Problemfelder ( offensichtliche Strategiefehler bei der Therapie chronischer Erkrankungen z.B.) macht das Plädoyer für eine Revolution verstehbar. Offen bleibt hingegen, wer und wie man denn diese Revolution tatsächlich durchführen soll. Der Schritt, durch ein solches Buch die am meisten betroffenen „Normalverbraucher" ein Stück mehr über den „letzten Stand der Dinge" zu informieren, ist jedenfalls ein Schritt in die richtige Richtung.
Wer sich die Zeit nimmt und mit den Themen des Buches ernsthaft beschäftigt ( z.B. 4 Krisenkapitel: die Organisationskrise, die Krise der Heilkultu8r, die Qualitätskrise, die Identitätskrise), wird hinter den griffig-journalistisch geschriebenen Formulierungen durchaus solide Sachkenntnis orten können, getragen von dem Bemühen, die Konfliktthemen ohne die verschleiernden Tabus der vorherrschenden Lobbyistenargumentationen anzusprechen. Man sollte den Text durchaus an der Halbwertszeit der bisherigen gesundheitspolitischen Reformgesetzgebung und ihren vielen fragwürdigen Kompromissen messen, um realistischer einzuschätzen, worin der Wert dieses engagierten Diskussionsbeitrages liegt. Dass solche informativen knappen Buchbeiträge Sinn machen, auch wenn sie ein Thema nur aufreißen, zeigt der Erfolg von Frank Schirrmachers ähnlichem Buch über den Methusalemkomplex.