Neue Zürcher Zeitung
Gomorrha in Ghana Amma Darko: «Die Gesichtslosen» Die 1955 in Ghana geborene Amma Darko ist bekannt für ihre gesellschaftskritischen Romane, die jeweils konkrete Probleme, vorzugsweise solche von Frauen, zum Thema haben. Ihre ersten Werke wurden im Original in der renommierten African Writers Series bei Heinemann verlegt. Ihr neuestes Buch, «Die Gesichtslosen», hat Anita Jörges-Djafari aus dem Manuskript übersetzt. Eigentlich handelt es sich bei «Die Gesichtslosen» um einen Kriminalroman: Baby T, ein Mädchen von 15 Jahren, wird mit entstelltem Gesicht tot aufgefunden. Eher zufällig machen sich das private Lokalradio Harvest FM sowie die Frauen einer Organisation, die sich auf das Sammeln schwer zugänglicher Informationen spezialisiert hat, auf die Suche nach den Hintergründen der Tat. Die Polizei hat Wichtigeres zu tun, handelt es sich bei Baby T doch um ein Strassenkind. Die Suche führt nach Sodom und Gomorrha, einem Armenviertel in der ghanesischen Hauptstadt Accra. Hier ist Baby T gross geworden, hier schickte sie die Mutter wie die Brüder und die Schwester Fofo auf die Strasse. In «Die Gesichtslosen» gibt es zwar die Leiche zu Beginn, die falschen Fährten und eine überraschende Klärung des Verbrechens am Schluss, doch es sind nicht die Strukturmerkmale des Kriminalromans, die das Buch lesenswert machen. Der Sog, der von diesem Text ausgeht, kommt von seiner Authentizität; Darko schreibt ihn nahe an der Realität, ohne allerdings den Plot vollends in die Katastrophe zu führen. Diese Schreibweise entspricht ihrem literarischen Konzept: «Ich beobachte die Realität, und dann kommt meine Phantasie ins Spiel.» Die Autorin legt Wert auf eine komplexe Handlungsführung, die tiefere Einsichten ermöglicht. Der Roman beginnt mit zwei in den Kapiteln abwechselnden Strängen. Der eine erzählt von Fofo und Baby T, der andere von Kabria, einer Mutter aus der Mittelschicht. Auf diese Weise werden soziale Unterschiede sichtbar, was allerdings nicht heisst, Kabria habe ein unbeschwertes Leben. Mit Kindern, Haushalt, Arbeit und dem eher teilnahmslosen, aber erwartungsvollen Mann ist sie den ganzen Tag überfordert. Darko führt diese beiden Stränge auf dem Markt zusammen, als Fofo Kabria die Geldbörse stiehlt. In diesen Passagen erzählt sie aus der Perspektive der jeweiligen Protagonistin. Später nimmt sie zuweilen einen distanzierteren Standpunkt ein, um von kulturellen Verhältnissen, etwa der verheerenden Wirkung des Aberglaubens, und Lebensgeschichten zu berichten, beispielsweise derjenigen von Fofos Mutter. Darkos Sprache wirkt einfach, ihr fehlt es aber keineswegs an Humor. Auch wenn «Die Gesichtslosen» unberührt bleiben von elaborierten literarischen Konzepten, ist Darkos neuer Roman doch vorbehaltlos zu empfehlen. Er könnte den Diskussionen über den «verlorenen Kontinent» Afrika und denen über die weltweiten Segnungen der Globalisierung ein konkretes Gesicht geben.
Kurzbeschreibung
"Sodom and Gomorrha" nennen die Einwohner der ghanaischen Millionen-Metropole Accra die Heimat der Gestrandeten, Heimatlosen, Entwurzelten, der Diebe, Zuhälter und Straßenkinder die Heimat der Gesichtlosen eben. "Sodom und Gomorrha" ist eine "wilde" Siedlung am Rande des riesigen Agbogbloshie-Markts. Eine Welt mit eigenen Gesetzen und Regeln. Ein Platz, wie es in afrikanischen Großstädten viele gibt. Hier schlägt sich auch die 14-jährige Fofo mit Diebstählen durchs Leben. Das geht solange "gut", bis Fofo ins Visier der Unterweltgestalt "Poison" gerät.
Kabria, Mutter dreier lebhafter Kinder und Mitarbeiterin einer Nichtregierungs-Organisation, hat hingegen andere Alltagssorgen, z.B. mit ihrem gleichgültigen Gatten Adade. Als sich die Wege von Fofo und Kabria unverhofft kreuzen, beginnt eine mal erschütternde, mal unglaublich witzige, immer aber turbulente Geschichte, die so manches über die Lebensrealität am Rande der afrikanischen Gesellschaft zu Tage fördert.