Die Freiburger Historikerin Svenja Goltermann, die für diese Studie den renommierten Preis des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands erhalten hat, untersucht darin die Leiden der Kriegsheimkehrer, die oft nach vielen Jahren erst in die deutsche Nachkriegsgesellschaft sich einfügen mussten. Insbesondere geht sie in "Die Gesellschaft der Überlebenden" der Frage nach, was die im Krieg und in der Gefangenschaft gemachten extremen Gewalterfahrungen für die deutschen Soldaten nach dem Krieg bedeuteten.
Man spricht in der Psychiatrie schon seit längerem von dem sogenannten posttraumatischen Belastungssyndrom, das man in großem Umfang erstmals an den Soldaten, die aus Vietnam zurückkamen, erforschen konnte. In der gegenwärtigen Debatte um den Afghanistaneinsatz deutscher Soldaten wird die Tatsache, dass es mittlerweile Hunderte von dort eingesetzten jungen Männern gibt, die wegen diesem Syndrom behandelt werden und bei denen es offen ist, ob sie jemals wieder ein normales Leben werden führen können, weitgehend verdrängt.
Svenja Goltermann hat für ihre Studie eine Menge bislang ungenutztes Quellenmaterial ausgewertet, unter anderem Krankenakten von psychiatrisch behandelten Soldaten. Alle diese Quellen zeigen, wie unendlich schwer es war für die Betroffenen und ihre Angehörigen, nach der Heimkehr wieder in den Alltag zurückzufinden. Svenja Goltermann gelingt es in diesem Buch auf eine einfühlsame und höchst beeindruckende Weise, all diese persönlichen Zeugnisse von Gewalt, Schuld und Rechtfertigung zum Sprechen zu bringen. Das ist auch deshalb so wichtig, weil diese Menschen zum großen Teil in einer einsamen Hilflosigkeit gefangen waren, die von verbittertem Schweigen geprägt war. Der 1954 geborene Rezensent kann sich noch deutlich an solche Schweigemauern erinnern, denen er als Kind in diesem Zusammenhang begegnet ist.
Auch die politische Debatte der fünfziger Jahre wird aufgerollt, als die Rentenansprüche der Kriegsheimkehrer in direkte Konkurrenz traten zu den Entschädigungsansprüchen der Holocaust- Opfer. Gleichzeitig leistet das Buch einen wichtigen Beitrag zu der seit langem anwährenden Debatte um das Selbstverständnis der Deutschen und ihrer Rolle als Täter und Opfer im Zweiten Weltkrieg.
Dabei verweigert Svenja Goltermann konsequent eine mögliche Erwartung einer nachträglichen Entschuldung von Wehrmachtssoldaten oder gar deren Interpretation als Opfer. Indem sie den wirklichen Opfern der damaligen Mordmaschine einen großen Raum widmet, vermeidet sie jegliche Relativierung von Schuld und Verbrechen.
Dem Rezensent bleibt die Feststellung, dass es für bestimmte kollektive Erfahrungen offenbar lange Zeiträume braucht, bis eine Zeit gekommen ist, dass sie aufgearbeitet werden können. Ähnliches erleben wir ja seit einigen Jahren auch mit den Erfahrungen der Millionen Menschen, die nach dem Krieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden und im Westen Deutschlands lange als "Flüchtlinge" denunziert und von der einheimischen Bevölkerung ausgegrenzt wurden.