Patrick Süskind ist in erster Linie durch seinen weltweiten Bestseller "Das Parfum" bekannt geworden. Kaum jemand, der diesen Roman nicht gelesen hat. Manch einer wird vielleicht auch das Ein-Mann-Stück "Der Kontrabaß" gelesen oder gar auf der Bühne gesehen haben - und sich wundern, wie unterschiedlich dessen Stil im Vergleich zu "Das Parfum" ist. Die literarisch wertvollsten Werke Süskinds (u.a. seine Erzählungen "Die Taube" und "Die Geschichte von Herrn Sommer") haben leider nur wenige gelesen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, letztere kurz vorzustellen.
"Die Geschichte von Herrn Sommer" ist eine merkwürdige Geschichte. Sie wird uns erzählt von einem älteren Mann, der sich an Erlebnisse aus seiner Kindheit erinnert. Diese Erinnerungen schlagen Purzelbäume; sie tauchen so schnell und ungeordnet auf, daß sie den Erzähler förmlich überholen. Die ersten drei Seiten kommen ohne Punkt und Komma aus; der Erzähler rennt durch seine Kinderwelt, und rennt und rennt, und rennt, und er rennt genauso schnell wie einst Herr Sommer rannte. Egal, wo sich der Erzähler als kleiner Junge herumtrieb: Stets eilte Herr Sommer auf seinen zwei storrigen Beinen unter Zuhilfenahme seines Stocks, den er wie ein drittes Bein bewegte, vorbei. Niemand, der Herrn Sommer nicht kannte; jedem Kind, ja! jedem Hund war Herr Sommer ein Begriff. Doch: letztlich kannte ihn niemand wirklich. Das Rasen dieses Mannes verwirrte das Kind sehr, hatte es doch selbst alle Zeit der Welt. Nun aber, da der Junge von damals selbst ein Mann etwa im Alter jenes - soviel sei verraten - inzwischen verstorbenen Herrn Sommers ist, rast auch er - und zwar beim Erzählen. Er rast und rast und rast, daß dem Leser schwindlig wird. Und die Erinnerungen sind so komischer Natur, daß sie Lachkrämpfe hervorrufen, und daß die Tränen nur so an den Wangen hinunterlaufen. Und seine Sprache ist so leicht, daß wir die Geschichte ohne eine einzige Unterbrechung bis zum Schluß miterleben wollen.
Der Schluß ist tragisch. Zumindest erscheint er uns so; das Lachen bleibt uns im Halse stecken, und wir wünschen uns, die Geschichte, die wir hautnah miterleben durften, niemals gehört zu haben. Sie macht uns hilflos, sie macht uns verlegen, sie macht uns ohnmächtig. Sie stellt uns vor schwierige Rätsel, deren Lösungen wir nur spekulieren können. Doch wir können dieses Buch nicht erleichtert aus der Hand legen, ohne das Ende verstanden zu haben.
Ich kenne niemanden, der eine plausible Erklärung für die zuletzt geschilderten Erlebnisse nach der ersten Lektüre hatte, und manch einer hat sie auch nach der zehnten noch nicht. Doch es gibt sie. Und kaum daß wir sie erkannt haben, müssen wir die Geschichte von Herrn Sommer hassen und lieben zugleich. Keine andere Geschichte kommt so einfach und beschwingt daher und ist doch so schwer und bedrückend. Patrick Süskind hat mit dieser Erzählung ein ganz großes Stück Literatur geschaffen, und sie sollte - früher oder später - einem Literaturkanon beigefügt werden. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)