Nicht nur Clintons Berater wissen, dass das Rückgrat Amerikas die Wirtschaft ist. Und das Rückgrat der amerikanischen Wirtschaft ist die Wall Street. Charles Geisst präsentiert hier eine durchwegs kritische Geschichte der bekanntesten Finanzmeile der Welt und weiß mit seinem lockeren, bisweilen auch bissigen Schreibstil das Interesse bis zum Ende aufrechtzuerhalten und einige wenige Bilder lockern das oft als langweilig empfundene Thema der Finanzgeschichte weiter auf. Das Buch ist hervorragend strukturiert und bietet einen Überblick von den Anfängen der Wall Street als Indianerwall der 1653 von P. Stuyvesant errichtet wurde bis zur Krise am IT-Markt in den USA 2001/2002. Die aktuelle Finanzmarktkrise wird nicht beleuchtet aber dies illustriert nur umso besser die ewige Auseinandersetzung in den USA zwischen den Bankiers und den Regierungsstellen sowie der Bankiers untereinander.
Das erste Kapitel (1790 -1840) befasst sich mit der Anziehungskraft Amerikas für Unternehmer durch die fast unbegrenzten Weiten der USA und die Verankerung des Privateigentums in der Verfassung sowie die daraus resultierende Entstehung der ersten Finanzmärkte in Philadelphia, Boston und New York. Nach einem Skandal mit Insidergeschäften erfolgte die erste Selbstregulierung der entstehenden Wall Street 1792 ("Buttonwood Agreement") und es folgte die Expansion des Anleihemarkts, durch die 1790 aufgenommene Bundesschuld und Neuemmissionen durch Privatunternehmen, die zur Gründung der New York Stock Exchange im Jahre 1817 führte. Schon am Anfang gab es Junk Bonds ("fancy stocks"),Scheintransaktionen ("wash sales"), Terminkontrakte und die Börse glich einem Kasino für zumeist ausländische Investoren. Des Weiteren beschreibt Geisst die im Entstehen begriffene Bankenszene aus Privatbanken und staatlich kommissionierten (zur Notenausgabe berechtigten) Banken sowie die ersten Experimente der USA mit dem Prinzip der Zentralbank : die Bank of the United States(1791 - 1811) und die Second Bank of the United States (1816 - 1836/1841),die in (zum größten Teil britischen) Privatbesitz befindlichen Vorläuferinnen der FED.
Eine weitere detaillierte Zusammenfassung würde leider den Rahmen sprengen, doch die des ersten Kapitel soll illustrieren,dass es sich hier um eine kritische, wenn auch nicht systemkritische, Geschichte der Wall Street mit Liebe zum Detail handelt. Einige Highlights aus dem Inhalt sind die Kriegsfinanzierung, die maßgeblich zur Ausweitung des Anleihemarkts auf breitere Schichten führte; die Instrumentalisierung der Anti Prohibitionsbewegung zur Abschaffung der Einkommenssteuer; der Ausbau der großen New Yorker Banken zu Finanzkaufhäusern die "Wertpapiere produzieren" und so maßgeblich zum Crash 1929 beitrugen und noch viele andere interessante Einblicke in das mächtigste Finanzzentrum der Welt.