Neue Zürcher Zeitung
Geschichte des Stillebens
«Die Geschichte des Stillebens» von Sybille Ebert-Schifferer ein Prachtsband: eine systematische und doch spannenden Auffächerung der über 2000jährigen Entwicklung mit hervorragenden Abbildungen und ebenso kompetenten wie leserfreundlichen Texten. Die Glanzzeit der Stillebenmalerei liegt in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Hier ist sie Ausdruck des neuen bürgerlichen Selbstbewusstseins, das in der Kunst die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswirklichkeit zur ersten Priorität erhebt. Das Stilleben des Goldenen Zeitalters ist nie nur l'art pour l'art: Es spiegelt die Lebensweise und den Anspruch seiner Käufer, es «erzählt» vom exotischen Luxus, den sich die niederländischen Handelsherren leisteten, ihren botanischen Liebhabereien, ihrem Besitzerstolz. Die Schönheit der von der Natur und vom Menschen geschaffenen Objekte enthält in der stark säkularen niederländischen Gesellschaft immer auch eine Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit. Die Autorin zeigt den Reichtum der verschiedenen Typen auf und macht bewusst, dass sich in der ganzen Zeit der Stillebenmalerei zwei künstlerische Grundtendenzen gegenüberstehen: die mimetische, die die Natur im Trompe l'il verdoppelt, und die «malerische», die das Vorbild im Bild neu erschafft. So führt der Band vom hellenistischen Bodenmosaik über die Vorstufen in der Renaissance zur spezifisch holländischen Verweltlichung religiöser Themen bei Aertsen; er vergegenwärtigt weiter die anderen Nationen, das spanische Bodegon, die italienischen Musikinstrumentebilder, und streicht die Rolle der modernen Stillebenmalerei von Chardin bis Cézanne als Experimentierfeld neuer künstlerischer Konzeptionen hervor. Der Exkurs ins 20. Jahrhundert indes ist wenig repräsentativ: Der Kokoschka-Verschnitt von Heisig wird breit abgehandelt, und auch sein DDR-Kollege Mattheuer kommt zum Zuge, während man Kokoschka selbst vergeblich sucht.
Christina Frehner-Bühler
Pressestimmen
"Eine systematische und doch spannende Auffächerung der über 200jährigen Entwicklung mit hervorragenden Abbildungen und ebenso kompetenten wie leserfreundlichen Texten." (Neue Zürcher Zeitung)