"Ein Film über die Prostitution, der davon erzählt, wie eine junge, hübsche Pariser Verkäuferin ihren Körper hingibt, um ihre Seele zu behalten", kündigte Godard 1962 seinen neuen Film an.
Wer diesen Film gesehen hat, könnte sich glatt eine (Kriminal-) oder (Detektiv-) Geschichte á la Chandler ausdenken, worin Nana und ihr Zuhälter Raoul am Schluss einem Gewaltverbrechen zum Opfer fallen. Godard und seinem Ensemble ist es aber zu verdanken, dass eine solche Konstruktion nicht das geworden ist, was diesen Film ausmacht. Der Zuschauer wäre unter die Bären gegangen und hätte diesen schönen, unmoralischen, traurigen und sur- realen Film nicht gesehen.
Anna Karina spielt das Lachen und Weinen eines Lebens, das sich um die Liebe und die Freiheit dreht, eine komplexe Person, mit quasi- natürlicher Nonchalence und symptomatischen Unsicherheiten.
In einer provozierenden Einstellung gleich zu Beginn des Films bleibt ihr Ex- Mann Paul " u n e r k a n n t ". Während beide nebeneinander an der Bar sitzen und miteinander sprechen, hält Kameramann Raoul Coutard den Blick des Zuschauers nah und (für die Dialogszene) unverhältnismäßig lang an Pauls Rücken fest, was ihn als Ex- Mann markiert und die Emotionen des Zuschauers an Nanas Schicksal bindet, wie es (uns) dann in vielen Nahaufnahmen von ihr erzählt wird.
Nana ist keine Tänzerin aus dem "Moulin Rouge", die den Männern in die Nase kneift, wie die kleine Crevette in dem Vaudeville- Stück von Georges Feydeau "Die Dame vom Maxim". Sie wirkt passiver, schaut, von Abenteuer zu Abenteuer, aus dem Y i n (als ihrem Haus der Wandlungen) nur heraus, ohne es zu verlassen. Ihr Ex- Mann Paul überschattet noch das Gespräch mit dem Sprachphilosophen B r i c e P a r a i n , der übrigens echt ist und sich selber spielt. Nana ist enttäuscht, wie die Wörter ihre Bedeutung verlieren können, und tröstet sich mit der Vorstellung, dass die Liebe am Schluss vielleicht alles ist, was wirklich zählt. Sie geht lieber ins Kino als sich den Kopf zu zerbrechen. Ihr Stil als Prostituierte ist das Privileg. Wie in einem Dokumentarfilm schwenkt Raoul Coutard von einer Lawine geparkter Autos ruckartig zum Gitterzaun auf der anderen Straßenseite, wo sich die Frauen vom Straßenstrich (wie zufällig) mit ihren Handtäschchen die Beine abstehen. Schnitt plus Wiedereintauchen in die fiktive Welt. Nana geht ganz in der Nähe betont lässig und leger auf und ab. Nicht viel anders führt sie ihre leichten Privatgespräche.
Godard konfrontiert dieses Y i n manchmal kross mit dem Y a n g ex negativo, wo es (laut "I Ging") "anmaßend und überbordend" ist oder: "u n e r k a n n t und u n b e a c h t e t" bleibt. Unerkannt bleibt Nanas Ex- Mann (in der oben beschriebenen provozierenden Kameraeinstellung), zunächst unerkannt Zuhälter Raoul (Nana und Yvette betreten ein Café, während Raoul an einem Flipperautomaten in der Ecke hinter der Eingangstür steht und sich die Zeit vertreibt) und der junge Mann auf der Treppe, in den sie sich später verliebt. Der Autor lässt es nicht dabei bewenden, und lenkt die Sinne urplötzlich auf blutige Gewaltakte und zurückgelassenes Brachland. Maschinengewehrsalven und Pistolenschüsse fallen aus einer Welt, wo mit Ellenbogen gekämpft wird, über Nana her wie aus einer anderen Wirklichkeit. Im Schlussbild wird vor einem Restaurant "Zu den Studios" geparkt, die vielleicht nicht mehr existieren, vielleicht eine günstige Gelegenheit für Nana, beim Film unterzukommen, die abhanden gekommen ist. Dicke, hohe Mauern verbergen ein Stück heruntergewirtschaftetes Privateigentum. Über dem Eingang steht in verwittertem Kupfer: "Enfer et ses fils" (Hölle & Söhne).
Die deutsche Bearbeitung hat den Autorenfilm nicht unerheblich verändert. Hier und da ist Licht herausgenommen. Nanas Augen wirken nervöser, fiebriger. Ein Tribut an d i e Zeit. Was mich geärgert hat: Aus den 2000, 3000, 4000 fr der Originaltonspur sind in der deutschen Bearbeitung 20, 30, 40 geworden, was u.a. den (mit der unrealistisch hohen Summe verbundenen) sur- realistischen Touch aus der Szene mit dem ersten Mann herausnimmt. Die Fotografie ist aber sonst diesselbe, und die Extras lohnen sich:
1 Interview mit dem ehemaligen Chef- Herausgeber der "Cahiers du Cinéma" J. Narboni über die "Geschichte der Nana S." (45'')
2 frühe Kurzfilme von Godard:
"Charlotte et Véronique" ou "Tous les garcons s'appellent Patrick" (Alle Jungs heißen Patrick), 1957 (20'') mit Anne Colette, Nicole Berger und Jean- Claude Brialy ( Ein junger Student treibt sein Spiel mit den Mädchen und lässt sie verlieren);
"Charlotte et son Jules" (Charlotte und ihr Kerl), 1958 (13'') mit Anne Colette und Jean- Paul Belmondo. (Belmondo spielt darin einen Typen, der meint, es genügt, wenn der Mann redet und das Mädchen schwach wird. Während Charlotte auf einen Kurzbesuch zu ihm hoch gekommen ist, sitzt ihr neuer Kerl draußen im Auto und hupt. "Unterbrich mich nicht. Ich weiß, was du sagen willst", sagt der im Redefluss befangene Belmondo, und: "Im Gesicht eines Mädchens sieht man die Seele." Charlotte hat ihre Seele mit und Belmondo rätselt auf seine Weise, ob sie ihm noch abhold ist.)
1 Interview mit dem Schauspieler und Regisseur M.Amalric (45''), der über das Paradoxale und die Mischung aus Lyrik und Dispositiv bei Godard spricht und Filmausschnitte zeigt, u.a. aus "Une histoire d'eau" (Ein von Hochwassermassen umgebenes Paar versucht, sich zu Fuß nach Paris "durchzuschlagen").