"Schon wieder DDR....."
.....sagte meine damals zweijährige Tochter Ariane, als sie "Hammer und Zirkel im schwarz-rot-gold gezierten Ährenkranz" auf der Titelseite eines deutschen Nachrichtenmagazins erblickte.....
.....zwei Jahrzehnte später ist mit Wilhelm Wagners "Die Geschichte der DDR" eine beeindruckende Dokumentation erschienen, die nicht nur inhaltlich, sondern auch in ihrem Aufbau besticht. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis offenbart die besondere Struktur und Gewichtung. Während Teil I. "In der der Hand der Sieger" (1945 - 1948) ein gutes Drittel ausmacht, wurden die thematischen Schwerpunkte im zweiten Teil "Auferstanden aus Ruinen" (1949 - 1990) gesetzt. Die Einzelthemen sind im ersten Teil in drei, im zweiten Teil in fünf verschiedenen großen Blöcken - die jedoch keine eigenen Überschriften besitzen - zusammengefasst. In dieser Übersicht ist jedes der insgesamt 71 Einzelthemen mit Überschrift, Untertitel, einem bestimmten Datum (!) und der Seite, auf der es zu finden ist, gelistet.
Bis auf wenige Ausnahmen stehen die Einzelthemen, denen jeweils eine Doppelseite gewidmet ist, in einer chronologischen Reihenfolge. Die Themendoppelseite sind standardisiert aufgebaut. Neben dem Standardtext, Fotos, Karten oder anderen Abbildungen gibt es unter der Überschrift einen beigefarbenen Kasten, in denen das wichtigsten Ereignisse in roten Buchstaben gedruckt ist. Daneben gibt es einen weitere beigefarben unterlegte Text-Chronik, in der wichtige Daten gleichfalls in rot hervorgehoben sind. Der besondere Aufbau erlaubt es dem Leser direkt, z. B. anhand eines Datums in einen bestimmten Zeitabschnitt oder bestimmtes Thema einzusteigen. Er kann, muss aber nicht das Buch vom Anfang bis zum Ende lesen. Darüber hinaus ermöglicht ein zweiteiliges Personenverzeichnis "Achmatowa bis Mock" und "Modrow bis Zweig" sich den einzelnen Komplexen über eine bestimmt Person zu nähern.
Einige Überschriften laden gar zum Schmunzeln ein, wie "Ein Papier stiftet Verwirrung" für die Ereignisse am 9. November 1989 und das sich anschließende "Chaos". Andere Themen zeigen einmal mehr, dass der erste "Arbeiter und Bauernstaat auf deutschem Boden" alles andere als ein freiheitlicher, demokratischer Rechtsstaat gewesen ist: "Mit Fäusten gegen Panzer", "Der Aufstand" und besonders "Liebe für Geld, Infos für die Stasi". Die totalitäre Durchdringen der gesamten Gesellschaft zeigt sich u. a. in "Lernen für - Die Partei" und "Seit bereit - Immer bereit!". Moralische Abgründe des Systems tun sich in "Bonn: Bares gegen Soziales" auf. Erschreckend sie die "Remilitarisierung" und "Moskaus Ziel ist der Atlantik", denn die Militärdoktrin der einstigen UdSSR sah bis 1988 einen offensiven Hauptschlag gegen die NATO über die DDR vor. Ungarn sollte als Aufmarschgebiet für die südliche Flanken dienen und unter Verletzung der Neutralität sollte über Österreich Vorstöße bis nach Frankreich und Italien erfolgen (siehe Landkarte mit Angriffsplan!). "Washington für Wiedervereinigung" macht deutlich, dass die britische Premierministerin Margaret Thatcher schwer für einer Wiedervereinigung zu überzeugen war, die dennoch nach der "Einigung am Elbrus" am 3. Oktober 1990 gefeiert werden konnte.....
.....und meine Tochter in einem vereinten Deutschland erwachsen werden ließ und ihr erlaubte, einen Spaziergang vom Brandenburger Tor zum Alexanderplatz zu unternehmen. Wilhelm Wagners gelungene Zusammenstellung spannender Lektionen deutscher Zeitgeschichte werde ich ihr zum Geschenk machen.
5 Amazonsterne für Fakten und Emotionen.