Dieser Film beruht auf einer wahren Begebenheit. Er erzählt die Geschichte der Adèle Hugo, Tochter des berühmten französischen Schriftstellers Victor Hugo (Der Glöckner von Notre Dame etc.). Francois Truffaut, einer der großartigsten Regisseure Frankreichs, inszeniert ein liebevolles Portrait einer jungen Frau, die sich weigert der Realität ins Auge zu schauen.
Seltsamerweise ist auf der Hülle der DVD zu lesen, dass es sich um einen der romantischsten Filme der letzten Jahrzehnte handeln würde. Nachdem aber heutzutage im Volksmund unter Romantik in erster Linie Idylle und Happy End verstanden wird, ist das mehr als nur irreführend. Tatsächlich geht es gerade um die dunklen Seiten der Liebe, so wie in vielen großen Filmen Francois Truffauts. Der Film zeigt wie wahrhaft intensive Emotionen und Wahnsinn manchmal nahe beieinander liegen können.
Die junge Adèle ist unsterblich in einen jungen Soldaten verliebt mit dem sie in Europa eine kurze Affäre gehabt hat. Gemäß ihrer Überzeugung, dass es immer nur eine große Liebe im Leben geben könne, hängt sie sich an ihn und möchte seine Frau werden. Doch für den jungen Mann war sie nur eine von vielen und er denkt nicht daran sie zu heiraten.
Adèle ist jedoch unfähig mit dieser Zurückweisung zurecht zu kommen. Ihre Versuche den jungen Mann doch noch für sich zu gewinnen werden immer seltsamer. Sie steckt ihn heimlich Liebesbriefe zu, lauert ihm während seiner Arbeitszeit auf und macht durch Intrigen seine Heiratspläne mit einer anderen Frau zunichte. Doch als all das nicht hilft und als der Soldat immer intensiver versucht die lästige Verehrerin loszuwerden, driftet die Gequälte langsam in den Wahnsinn ab. Sie beginnt in einer Fantasiewelt zu leben, in der ihr die gewünschte Heirat gelungen ist. Doch immer wieder wird sie von der enttäuschenden Realität eingeholt...
Eine Inhaltszusammenfassung sagt indessen wenig aus über diesen Film, der vor allem von der bildgewaltigen Darstellung des gefühlsintensiven Themas lebt.
Truffaut ist ein Film gelungen der großes Verständnis für seine ungewöhnliche Protagonistin aufbringt und das Mitgefühl des Zuschauers zu wecken weiß. Schließlich kennt fast jeder das Gefühl unglücklich verliebt zu sein, aber bei den meisten Menschen setzt sich schließlich die Vernunft durch und sie befreien sich aus dem psychisch gefährlichen Zustand. Hier sieht man das Schicksal einer Person, die sich gegen alle Vernunft und gute Ratschläge dazu entschließt den Weg der unerwiderten Liebe bis zum bitteren Ende zu gehen. Nach außen täuscht sie vor, dass alles in bester Ordnung sei und belügt die Menschen die sich um sie sorgen.
Die Geschichte der Adèle H. fordert den Zuschauer dazu auf, nach Erklärungen für das selbstzerstörerische Verhalten der Protagonistin zu suchen. Man weiß nicht ob die junge Frau tatsächlich bis zum Ende noch hoffte von ihren Geliebten erhört zu werden, oder sie einfach nicht mehr ohne das Gefühl der Liebe leben wollte, komme was wolle. Wenn man sieht wie sehr sich Adèle bei ihren Annäherungsversuchen oft erniedrigt und dennoch nicht aufgibt, scheint auch ein gewisser Grad von Masochismus spürbar. Vor allem aber bleibt ihre überbordende Fantasie im Gedächtnis, die es ihr ermöglicht sich immer wieder in die Illusion einer glücklichen Hochzeit zu flüchten. Ihre Hauptbeschäftigung ist die gleiche wie die ihres berühmten Vaters: Schreiben. Allerdings kreiert sie keine Romane, sondern schreibt einzig und allein über ihre unerfüllte Liebe...
Das tragische Ende macht "Die Geschichte der Adèle H." wohl nicht unbedingt zu einem der romantischsten, sondern zu einem der traurigsten Filme der letzten Jahrzehnte. Man leidet gerade deshalb so intensiv mit Adèle weil man aus eigener Erfahrung weiß, wie schmerzhaft es sein kann, eine unliebsame Wahrheit zu akzeptieren.
Und dennoch: Auch wenn man sieht, wie schlimm es ihr letztlich ergeht, bewundert man die junge Frau auch irgendwie für ihre Willenskraft. Schließlich ist die Welt oft grausam und man hat Verständnis für die Auflehnung gegen sie. Insofern ist der Film doch auch auf eigene Weise romantisch.
Letztlich ist die Geschichte der Adèle H. wohl aber als Warnung zu verstehen. Wer sich weigert gewisse Grenzen einzuhalten, verliert schließlich gänzlich die Kontrolle.
Über Truffauts Regie kann in diesem Fall gar nicht genug geschwärmt werden. Ich kenne bis jetzt keinen anderen Regisseur der es schafft, so viele liebevolle und ausgeklügelte Details in seinen Filmen unterzubringen.
Die DVD ist von der Bildqualität her O.K. (nicht großartig) und der Ton ist leider etwas leise. Ärgerlicherweise gibt es kein Bonusmaterial, was bei einem so großartigen Film sehr gut gewesen wäre.