Zwar gilt dies Buch als ein "Klassiker der schwarzen Romantik", doch empfinde ich es eher als unausgereifte Klagepoesie denn als lustvolle Sadistenliteratur. Lautréamont sucht, das Übel der Welt zu vergolden (= "Maldoror"), nicht aber die Qual als Mittel der Lustgewinnung einzusetzen. Eigentlich würde er gern lieben, aber er kann es angesichts des allgegenwärtigen Unguten nicht: "Gott, (...), dich rufe ich an: zeige mir einen Menschen, der gut ist!" Aber Gott zeigt ihm keinen solchen Menschen. So würde er wenigstens viel lieber der Welt vergeben, ist aber dazu noch nicht reif.
Zu ihm kommt nachts auf einem Friedhofe ein schönes nacktes Weib und legt sich zu seinen Füßen nieder. Die Stimme des Glühwurms Moral gebietet ihm, einen Stein zu nehmen und das weibliche Wesen zu töten, denn dessen Name sei: Prostitution. Aber statt zu gehorchen, nimmt er mit rasendem Zorn im Herzen den Stein und zerschmettert den Glühwurm. "Wehe,", rief das schöne nackte Weib. "Was hast du getan?" Er antwortet: "Ich ziehe dich ihm vor, weil ich Erbarmen mit den Unglücklichen habe. Es ist nicht deine Schuld, wenn die ewige Gerechtigkeit dich geschaffen hat." Spricht sie: "Nur du und die gräßlichen Ungeheuer (...) verachten mich nicht. Du bist gut. Adieu, du, der du mich geliebt hast!" Er: "Adieu! Ich werde dich immer lieben! ... Von heute an gebe ich die Tugend auf."
Liest sich dies nicht wie eine Paraphrase der nicht statt gefundenen Steinigung der in flagranti ertappten Ehebrecherin (Joh 8, 2-11)? Auch der Maldoror steinigt nicht die "Hure", sondern erbarmt sich ihrer und erklärt ihr seine Liebe. Aber statt dies einem "Pharisäer" oder dem "Glühwurm" zu erklären, steinigt er ihn. Die unvollständige Vergebung kämpft noch gegen die Stimmen der wenn auch heuchlerischen Moral: statt auch ihr zu vergeben, entsagt er der angeblichen Tugend, die doch nur ein öffentliches Phantom ist. Dieser Kampf aber ist das Schwarze der bunten "Romantik" dieses Buches.
Leider starb Isidore-Lucien Ducasse (so Lautréamonts eigentlicher Name) nach diesem Erstlingsroman, ohne die Vergebung oder die Liebe zu finden.