Irgendwann einmal hat sich meine Schwiegermutter beim Kochen so richtig Mühe gegeben. Teures Rindfleisch hat sie gekauft, es dann einen Tag in Öl und Kräuter eingelegt, und dann hat sie meine Frau und mich eingeladen zum einem formellen Dinner. Es war eine Katastrophe. Ich habe einfach nicht verstanden, wie meine Schwiegermutter, die vor ihrer Pensionierung eine herausragende Ärztin war und die ich auch sonst sehr schätze, ein Stück Fleisch so zurichten konnte. Fast schwarz, frei von Flüssigkeit, hart, völlig überwürzt. Schlimmer als Schuhsole.
Dank eines Physikers aus Österreich bin ich nun schlauer. Zwischen 60 und 80 Grad Celsius zieht sich das Kollagen im Fleisch zusammen, presst dabei die Flüssigkeit gnadenlos hinaus, die dann verdunstet, wenn man das Fleisch fleißig und lange weiter brät. Man muss es noch nicht einmal verbrennen, das ganze wird auch so zu Kohle. Aber auch nicht zu lange, so dass man das Kollagen durch Hitze zerstört und das Fleisch wieder weich wird. Und dann muss man es nur noch direkt aus der Pfanne, also zu hieß ohne Ruhen des Fleisches direkt auf dem Teller servieren.
Aber das vorliegende Buch erklärt nicht nur die schlimmsten Unfälle. Es hilft auch, Fehler zu vermeiden, die man sonst auch als erfahrener Koch macht. Einmal ist mir bei einem Dinner mit wirklich vielen Zuschauern die Soße zum Hauptgericht versehentlich nach dem Binden noch einmal aufgekocht. Ich dachte, dass sei nicht so schlimm. Heute weiß ich, dass damit für die Soßenbindung erforderliche Stoffe unwiederbringlich zerstört sind. Es bringt also nichts, die Hitze zu reduzieren und zu hoffen. Hätte ich also das Buch von Gruber früher gelesen, hätte ich richtig vielen Leuten den Anblick von Fettaugen in der Soße ersparen können.
Viele Regeln der Küche, von denen man in Kochbüchern liest, ohne sie zu verstehen oder entsprechend Ernst zu nehmen, werden hier mit ihren physikalischen und chemischen Hintergründen erläutert. Und endlich einmal ergeben die vielen Techniken Sinn. Warum darf man viele Speisen nicht sprudelnd kochen lassen, sondern allenfalls sanft simmern? Hier wird es erklärt. Das ist wirklich hilfreich und bringt einem auch dazu, selbst mal mit Dingen zu experimentieren, die man bisher vermieden hat. So zum Beispiel mit Gelatine. Oder ein paar Chemikalien im Kapitel über die Molekularküche. Oder mit Rezepten von Küchenklassikern aus Österreich, die die umfangreiche Sammlung von Rezepten im Buch dominieren.
Gelegentlich muss man aber auch sagen, dass man sich über Kochen auch mal streiten kann. Dass die teuren Modesalze wie das aus dem Himalaya wirklich in der Salzlösung nicht von normalen Kochsalz zu unterscheiden sind, mag einem Physiker einleuchtend sein. Als begeisterter Hobbykoch und Fan von Fleur de Sel kann ich allerdings nur sagen, dass dieses wirklich bei einigen Gerichten zu besseren Ergebnissen führt. Statt einer allgemeinen Verdammung wäre hier doch wohl der Rat besser gewesen, dass beim Nudelwasser es auch normales Salz tut. Und auch das Rezept für eine Gans aromatisiert mit Ananassaft, die man mit der Spritze in das Fleisch gibt, entspricht nicht meinem Verständnis von Essen. Hier ist die Gans dann doch ganz umsonst gestorben. Denn so ein wunderbares Aroma verdient keine Verfälschung.
Es ist halt ein Physiker, der hier schreibt und der manchmal doch sehr didaktisch schreibt, man könnte es in einzelnen Fällen auch etwas altklug nennen. Auch der Wunsch des Autors nach exakten Rezepten und Temperaturangaben wird dem Koch fremd bleiben, der doch ohnehin mit ständig anderem Ausgangsmaterial konfrontiert ist. Und so ganz nebenbei ist der Autor eben auch ein Österreicher, so findet man im Text neben den Rezepten auch viele Begriffe auch der Küche dieses Landes. Zum Glück hat man aber am Ende ein kleines Glossar ergänzt, das dem deutschen Leser bei der Übersetzung hilft. Wenn man aber bereit ist, sich auf diese Besonderheiten (und eine gelegentlich etwas anekdotische Erzählweise) einzulassen, wird man durch dieses Buch als Hobbykoch wirklich weiter gebracht.