Es gibt immer wieder Bücher, bei denen man sich ärgert, dass man sie nicht viel früher gelesen hat. Während man sie liest, kann man verschwommen Ahnungen, die die eigenen Überzeugungen ausmachen, endlich in klaren Gedanken fassen.
Hätte ich "Die Gemeinwirtschaft" schon als Abiturient gelesen, hätte ich die Phrasen und leeren Worthülsen meines Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer leichter durchschaut und hätte gegen sie argumentieren können. Aber damals konnte ich mein Gefühl "das, was er da erzählt, passt nicht zusammen" nicht in Worte fassen.
"Die Gemeinwirtschaft" in der hier nachgedruckten 2. Auflage ist 1932 erschienen. Dies merkt man dem Buch manchmal an der Sprache oder den Beispielen an, aber nie am Inhalt.
Ludwig von Mises lässt sich nicht auf das begriffliche Verwirrspiel ein zwischen Sozialismus oder Kommunismus zu unterscheiden. Er definiert den Begriff Sozialismus am Zwang Produktionsmittel zu vergesellschaften (verstaatlichen). Er grenzt den Sozialismus rigoros vom Syndikalismus ab, das heißt Systemen in denen einzelne gesellschaftliche Gruppen Eigentümer ihrer Produktionsmittel sind.
Mit Definition des Sozialismus ist offensichtlich, dass der Sozialismus anders als von den Marxisten propagiert, keine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist. Sondern über Jahrhunderte in verschiedenen Ausprägungen immer wieder propagiert wurde und immer wieder scheiterte. Dabei hat der Sozialismus, im Gegensatz zu den menschenfreundlichen Phrasen, die seine Propagandisten verbreiten, nur Hunger, Not, Elend und Gewalt über die Menschen gebracht.
Ludwig von Mises zeigt die Gründe auf, warum der Sozialismus immer scheiterte und immer scheitern wird. Dabei ist sein Nachweis, dass jedes sozialistische Gemeinwesen scheitern muss, weil es wegen fehlender oder untauglicher Wirtschaftsrechnung seine Resourcen nicht effektiv einsetzen kann, nur eines von vielen Argumenten.
Richtig böse ins Gericht geht Ludwig von Mises mit den konservativen Gegnern des Sozialismus. Sie sagen immer wieder, dass der Sozialismus zwar eine gute Idee sei, aber nicht umsetzbar ist, weil die Menschen zu egoistisch sind. Ludwig von Mises zeigt auf, dass der Sozialismus eine schlechte Idee ist, die prinzipiell nicht gut umgesetzt werden kann. Dies ist nur deswegen nicht offensichtlich, weil die Propagandisten die Denkfehler und Lücken im Gedankengebäude des Sozialismus mit viel Rhetorik, Wortverdrehungen, leeren Phrasen und Denkverboten verdecken.
Für Ludwig von Mises ist der Sozialismus an sich destruktiv und zerstörerisch und der Gegner des wirklichen gesellschaftlichen Fortschritts -- der Sozialismus ist nicht progressiv, er behauptet es nur.
Warum wird so ein Buch ignoriert? Wahrscheinlich weil Ludwig von Mises seine Abneigung gegen Krieg, Gewalt, Unterdrückung und Willkür ebenso wie seine Überzeugung, dass jeder Mensch als freies Individuum, für sich selbst entscheiden muss, quasi als Wasserzeichen auf jeder Seite des Buches eingeprägt hat. Man kann es nicht verwenden, um Zwang oder gar Gewalt gegen Menschen zu legitimieren.