Im Wasser, am Wasser, unter Wasser
James Hamilton-Paterson Literat, Journalist, Sachbuchautor
Von Georg Sütterlin
Die Bücher des britischen Schriftstellers James Hamilton-Paterson reflektieren in ihrer thematischen und formalen Vielfalt die Existenz eines Einzelgängers, der auf Land und Meer ebenso weit gereist wie in Literatur und Wissenschaft bewandert ist.
Sieben Zehntel der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt «Seven Tenth» (1992): So heisst die Textsammlung des Engländers James Hamilton-Paterson, die unter dem sinnfälligen Titel «Seestücke» auch auf deutsch vorliegt. Einigendes Thema des satten, materialreichen Buches ist das Wasser, genauer: das Meer, genauer: die Meere. Sie sind die Obsession dieses journalistisch geschulten, hochartistischen Literaten, dessen dichte, bilderreiche Sprache voller Bezüge, Metaphern und Anspielungen ist. «Seestücke» ist erstaunlich vielfältig: Auf einen Erlebnisbericht über die Kartographierung des Meeresgrundes folgt eine Erörterung von Insularität und Phantasie-Inseln. Das Kapital über Riffe und ihre Biologie zeugt von soliden Kenntnissen des Autors, der Mitglied der Royal Geographical Society ist. Weiteren Stoff bieten Seeunglücke und Wracks, die Erkundung der Meerestiefen samt ihrer Faszination auf den Menschen, das kommerzielle Abfischen der Meere, moderne und historische Piraterie.
Die Kapitel sind zweigeteilt. Im kürzeren Teil eines jeden werden weitere, manchmal komplementäre Themen verhandelt, von traumhaften und furchterregenden Taucherlebnissen des Autors über Idee und Praxis des Meeresschutzes bis zu einer essayistischen Auslotung der verschlingenden, auslöschenden, bergenden Dimension der Ozeane. Eine Marginalie beschliesst jedes Kapitel; man liest beispielsweise über den Papageifisch, über britische Insularität, Seekrankheit, die Souvenirindustrie an Meeresgestaden. Was diese Texte so prall macht, ist nicht zuletzt ihr «interdisziplinärer» Charakter. Exakte Wissenschaft mischt sich mit Geistes- und Kulturgeschichte, Literaturkenntnis mit philosophisch-psychologischen Erörterungen, politisch-wirtschaftliche Betrachtungen mit einem Verständnis für soziologisch-anthropologische Zusammenhänge.
RUHELOSER EINZELGÄNGER
James Hamilton-Paterson ist ein writers' writer. Seine Sachbücher, Romane und Erzählungen werden von der Kritik gelobt, vom breiten Publikum aber kaum zur Kenntnis genommen. Dass das den Autor stört, ist unwahrscheinlich. Hamilton-Paterson, 1941 geboren, ist ein Einzelgänger, der den Literaturbetrieb meidet. Wenn er nicht auf den Philippinen weilt (seine zweite Wahlheimat), lebt er in seinem Haus in den toskanischen Bergen. Der Oxford-Absolvent hat mit 23 einen prestigereichen Lyrikpreis gewonnen, er publizierte zwei Gedichtbände, 1986 erschien sein erster Erzählband, «The View From Mount Dog». Hamilton-Paterson war Lehrer in Libyen, Pförtner in einem Londoner Krankenhaus. Später schrieb er für «The New Statesman» und die «Sunday Times» aus Südostasien. 1971 enthüllte er in seinem ersten Buch «A Very Personal War» die gescheiterten Versuche eines amerikanischen Agenten, die finanziellen Hintergründe des Vietnamkrieges publik zu machen. Nach 1983 verbrachte er, als eine Art postmoderner Robinson, längere Zeit auf einer winzigen Insel in den Philippinen, deren Ökologie (und Ausbau zu einem Vergnügungspark für wohlhabende Japaner) er in «Wasserspiele» (1987, «Playing With Water») so minuziös darstellt wie seine Beziehungen zu den Einheimischen. Er lernt deren Sprache, wird ein geübter Fischer und Taucher und setzt sich für das Wohlergehen seiner Nachbarn ein was alles andere als minnevoll abläuft.
«Wasserspiele» demonstriert aufs schönste die journalistisch-literarische Arbeitsweise des Autors. Die Abschnitte über die publizistische Vermarktung der Dritten Welt oder die faktenreichen, erlebnisgesättigten Seiten über das Fischen zeugen von solidem Recherchieren und der Gabe, einen Sachverhalt prägnant und sensuell zu schildern. Passagen über Erfahrungen unter Wasser Geräusche, Fische, Schwimmen, Harpunieren, Nachttauchen sind von höchster deskriptiver Eloquenz. Hamilton-Paterson dringt in die äusseren Zonen der Sensibilität und des Sagbaren vor, ohne dabei ins Mystifizierende, Schwülstig-Raunende zu verfallen. Der Bericht über die Inselerfahrungen wird wiederholt durch Schlüsselerlebnisse aus der Kindheit unterbrochen. Diese erzählerischen Kleinode geben zwar nicht Aufschluss über die Sehnsucht und die bodenlose Melancholie, die «Seestücke» und «Wasserspiele» durchziehen, doch lässt der Autor durchschimmern, dass sie schon den Knaben begleiteten und mit nicht verarbeiteten Abschieden und Verlusten zusammenhängen.
MODERNE SCHATZSUCHE
Psychologische Erkundungen im Rahmen einer abenteuerlichen Situation verleihen Hamilton-Patersons jüngstem Buch «Drei Meilen tief» (1998, «Three Miles Deep») einen eigenartigen Charme. Sechs Wochen verbringt der Autor auf dem russischen Forschungsschiff «Keldysch», dessen Besatzung, Ingenieure und hochqualifizierte Wissenschafter, sich infolge Geldmangels an westliche Schatzsucher verdingen müssen. Diese sind an den zwei MIR-Tauchkapseln interessiert, raren und teuren Gadgets, mit denen man auf dem Grund des Meeresbodens operieren kann. Ziel des Multimillionenunternehmens sind ein japanisches U-Boot und ein englisches Handelsschiff, beide im letzten Weltkrieg vor der Küste Westafrikas versenkt, beide goldbeladen.
Der thematische Mix ist auch in diesem Buch höchst ansprechend. Einerseits schildert der Autor die Ortungsversuche sowie die Umstände der Versenkung der beiden Schiffe samt Methoden des U-Boot-Krieges und Methoden moderner Tiefseebergungen. Anderseits legt er die gruppendynamischen Prozesse frei, ohne sich dabei als unbeteiligter Beobachter zu gerieren. Da ist der russische Ingenieur, Erfinder der MIR, den die neue Weltordnung und der absolute Primat des Profits verstört. Da ist der kalifornische Kameramann, ein Ex-Marine und Selbstdarsteller, der eine Karikatur aus sich macht, um seine Empfindsamkeit zu kaschieren. Da sind die Vertreter der Geldgeber samt den Biologen, Chemikern und Geologen, die hoffen, dass auf dieser Fahrt, die an «schwarzen Schloten», kaum erforschten unterseeischen Heisswasserkaminen, vorbeiführt, auch für sie einige Brosamen vom Tisch fallen. Hamilton-Paterson gelingen Porträtskizzen, die sitzen. Er macht auch einen beherzten Versuch, das Durcheinander von Vertrauen und Kleinlichkeit, von Paranoia und Grossmut, von Missverständnissen und Offenheit, von Kameradschaft und Fehleinschätzungen zu entwirren, das wohl immer entsteht, wenn eigensinnige Menschen aus verschiedenen Kulturen und mit unvereinbaren Zielsetzungen auf engem Raum kooperieren müssen. Er erbringt mit diesen subtilen Schilderungen auch die Bestätigung für seine These, dass bei einem solchen Unternehmen die Technik wohl wichtig, die menschliche Seite aber letztlich entscheidend ist.
Als es dem Autor dann wider Erwarten zuteil wird, auf eine Tauchfahrt mitgenommen zu werden (wobei er feststellt, «dass bis heute mehr Menschen im Weltraum gewesen sind als in Meerestiefen unterhalb 5000 Metern»), entfaltet er sein ganz besonders Sensorium für kühle Wissenschaftlichkeit und höchste Poesie. Man erhält eine Vorstellung davon, was es emotional bedeuten kann, in Tiefen vorzudringen, wo noch kein Mensch war. Und man realisiert, was passiert, falls die Kapsel, auf der 5 Tonnen Druck pro Quadratzentimeter lasten, auch nur ein haardünnes Leck kriegt: «Ralph . . . versichert uns, dass bei solchem Druck ein nadelfeiner Wasserstrahl einen Körper wie Laser durchschneiden würde. Und wenn ein Verschluss nachgibt und die Kapsel implodiert? Du würdest nur noch ein Klicken hören. Dann würde die Schockwelle dich zu einer Art Fleischbrühe verflüssigen, und die Atmosphäre würde zur Grösse und Temperatur einer weissglühenden Erbse komprimiert.»
GESELLSCHAFT IM AMOKLAUF
Dass auch die Romane eines Autors wie Hamilton-Paterson vom Faktischen leben, überrascht nicht. «Die Geister von Manila» (1994, «Ghosts Of Manila») ist ein Porträt der philippinischen Hauptstadt, die als infernalischer Hexenkessel geschildert wird. Unter den Hauptfiguren ist ein ausgebrannter Soziologe, der das Phänomen des Amoks untersucht. Seiner Auffassung nach laufen nicht nur Individuen, sondern ganze Gesellschaften Amok. Dieser These leistet das Buch ziemlich überzeugend Vorschub. Der Auftakt ist furios, beklemmend. Akribisch und atmosphärisch wuchtig werden die Zerlegung einer Leiche und ihre Präparierung zum Skelett für den Export geschildert. Die Szene spielt am Rande des internationalen Flughafens von Manila, in einem Niemandsland von Abfällen, Holzhütten, Wildwuchs, wo in kerosingeschwängerter Schwüle dröhnend die Flugzeuge abheben. Der Tote, wahrscheinlich ein Kleinkrimineller, wird von unterbezahlten Polizisten, die auch dessen Tötung erledigten, angeliefert.
«Die Geister von Manila» spielt zu Beginn der neunziger Jahre, als die Gesetzlosigkeit auf den Philippinen phantastische Ausmasse annahm, als Mord, Entführungen, Erpressung, Strassenschiessereien, Todesschwadronen, blutige Rivalenkämpfe der Polizeigangs an der Tagesordnung waren und Gefängnisse ihre Insassen auf Zeit für die Verübung von Verbrechen «ausliehen». Diese Seite Manilas wird durch die Figur eines Sensationsreporters veranschaulicht, der eine heikle Gratwanderung zwischen Aufdecken und Verschweigen zu absolvieren hat, um weder der Polizei noch den Verbrechern auf die Füsse zu treten, was rasch einmal lebensgefährlich würde.
METROPOLITANES PANDÄMONIUM
Um dieses metropolitane Pandämonium möglichst reich zu orchestrieren, operiert Hamilton-Paterson mit mehreren Hauptfiguren und alternierenden Handlungslinien. Da ist etwa ein Slum, wo versucht wird, eine Nähkooperative zu organisieren, bis eine Immobilien- und Heroinmafia das Gebiet im Hinblick auf fette Gewinne abfackelt. Da sind auch ein Priester, dem das Elend der Armen näher steht als kirchliche Dogmen, eine britische Archäologin, die den Blick auf Manilas historischen Untergrund öffnet, und ein Polizist, der das Unmögliche versucht: in diesem Morast seine Selbstachtung zu bewahren. Bereits in «Wasserspiele» hat Hamilton-Paterson über Manila geschrieben, gescheit und informiert. In «Die Stadt der Geister» erscheint Manila als ein anderer Ort, immer noch konkret zwar, aber fiktional überhöht, ein Schauplatz, der mit der gleichnamigen Touristendestination wenig gemeinsam hat.
Eine amerikanische Zeitschrift schreibt über Hamilton-Peterson, hier wachse in aller Stille ein grosser Schriftsteller heran. Wer diese Behauptung überprüfen will, greife zu den «Seestücken» und lese die titellose Geschichte, deren Abschnitte als Fortsetzung jedem Kapitel vorangestellt sind. Da begreift ein Schwimmer im offenen Meer allmählich, dass er ertrinken wird. Seine letzten Stunden, Minuten, Sekunden werden geschildert. Nicht als Bewusstseinsstrom aus der Ich-Perspektive, sondern vom Standpunkt eines distanzierten Erzählers, der einerseits kühl und informativ-konkret rapportiert, um dann ins Sterbenmüssen, Nichtsterbenwollen, in Verzweiflung und Hoffnung einzutauchen. Ich erinnere mich nicht, derart packende Seiten über einen bewusst erlebten Tod gelesen zu haben.
«Seestücke» und «Wasserspiele» sind 1995 bzw. 1997 beim Verlag Klett-Cotta erschienen.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.