Ein "Die ...in"- Titel und eine als Mann verkleidete Frau, da denkt man gleich an einen seichten Historienroman voller Klischees. Weit gefehlt!
Es handelt sich bei "Die Gehilfin" um einen ausgesprochen anspruchsvollen Roman, der sowohl ein besonders faszinierendes Kapitel Medizingeschichte (die bahnbrechenden Entdeckungen und Errungenschaften im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges) beleuchtet als auch das Bild einer "verknöcherten" Gesellschaft zeichnet, in der besonders helle Köpfe aufgrund des falschen Geschlechts und der falschen Herkunft scheitern müssen. Die Hauptfigur Henriette Mahlow ist fiktiv, ihre Erlebnisse an der Charité sind jedoch faktengetreu: sie begegnet Rudolf Virchow, dem Begründer der Zellularpathologie, Robert Koch, dem Begründer der Bakteriologie sowie Paul Ehrlich, den man mit der Entwicklung der Serumtherapie und Chemotherapie assoziiert und Emil (von) Behring, dem die Welt das Diphterie- und Tetanus-Antitoxin verdankt. Bis auf Rudolf Virchow erhielten alle diese Herren den Nobelpreis.
Das Schicksal der begabten und an medizinischer Forschung höchst interessierten Henriette, der immer nur der Status einer "Gehilfin" zugestanden wird, ist sehr bedrückend. Erst im beginnenden 20 Jahrhundert, als es für Henriette zu spät ist, zeichnet sich für die Frauen ein gesellschaftlicher Wandel zum Besseren ab, Henriettes Tochter Anna kann Medizin studieren und das erreichen, was ihrer Mutter verwehrt blieb.
Die Thematik dieses sowohl medizinhistorischen als auch feministischen Romans ist äußerst fesselnd, leider pflegt der Autor jedoch einen höchst eigenwilligen Erzählstil, der die Lektüre extrem mühsam macht. Er macht Gedankensprünge, denen man kaum folgen kann, verliert sich in Abschweifungen, wo man den chronologischen Fortgang erhofft und veranstaltet Zeitsprünge, die nur eine ungefähre Orientierung erlauben, wenn man die glücklicherweise vorhandene Chronik im Anhang nutzt. Anhand der dort aufgeführten Entdeckungen kann der Leser ungefähr den Verlauf der Zeit zwischen den Kapiteln abschätzen.
Ich habe nicht die oben angegebene Ausgabe gelesen, sondern eine Ausgabe, die im Rahmen einer zwölfbändigen Reihe "Erzählte Wissenschaft" von der ZEIT herausgegeben wurde. Diese Ausgabe (ISBN 978-3-938899-53-3)enthält im Anhang neben der Chronik auch noch ein ausführliches Nachwort "Roman und Realität" der ZEIT-Autorin Claudia Wüstenhagen.
Fazit
Mit der Bewertung tue ich mich sehr schwer: Vom Inhaltlichen und der vermittelten Atmosphäre würde ich dem Buch 4,5 Sterne geben (es hätten für mich noch mehr medizinische Details sein dürfen), vom Sprachstil kann ich nur 1 Stern geben.
Man sollte schon ein ausgeprägtes medizinhistorisches Interesse mitbringen, um sich durch den sprachlichen Dschungel dieses Romans zu kämpfen.