Obwohl 'Die Gefährtin des Lichts' zeitlich nur zehn Jahre nach 'Die Erbin der Welt' angesiedelt ist, erzählt N.K. Jemisin nicht die Geschichte der beiden Figuren Nahadoth und Yeine weiter, sondern konzentriert sich dieses Mal auf eine gänzlich neue: Oree Shoth. Wie bei Yeine hat ein Schicksalsschlag sie in die Hauptstadt geführt und genau wie sie muss sich auch Oree mit einem waschechten Gott herumschlagen.
Aber wer nun erwartet, dass sich die Geschichte einfach wiederholt, der liegt total daneben. Denn außer dieser Grundkonstellation haben die Protagonisten wenig gemein und obgleich zwischen den beiden Geschichten nur wenige Jahre vergangen sind, so hat sich die Welt doch grundlegend verändert. Was mir auch noch ziemlich gut gefallen hat, ist die Tatsache, dass man meiner Meinung nach 'Die Erbin der Welt' nicht gelesen haben muss ' obwohl es wirklich bedauerlich wäre, diesen wunderbaren Roman zu verpassen ', um 'Die Gefährtin des Lichts' zu verstehen. Der zweite Roman bietet eine in sich geschlossene Geschichte, die sich natürlich an einigen Stellen auf den ersten Band ' im Speziellen auf die Mythologie ' bezieht. Doch auch ohne deren Kenntnis kann das Buch gelesen und in vollen Zügen genossen werden. Es bleiben keine Lücken, die das Verständnis der Geschichte beeinflussen würden.
Wie schon Band eins glänzt auch 'Die Gefährtin des Lichts' wieder mit einem herausragenden Stil. Die Autorin hat konsequent an ihrer Erzählweise festgehalten und bringt uns die Geschichte aus der Sicht der Protagonistin näher. Dies geschieht wie schon beim Vorgänger auf eine sprunghafte, einzigartige Weise, die den Leser in den Bann der Geschehnisse zieht. Dabei ist mir der Einstieg dank meines Vorwissens aus Teil eins nicht schwer gefallen. Die beiden haben, wie bereits angesprochen, nicht wirklich viel miteinander gemeinsam, was diesem sprunghaften Erzählstil eine ganz neue Facette gibt. Dabei gelingt es der Autorin fast schon mühelos, den Leser ins Geschehen hineinzuziehen, und bereits nach den ersten paar Zeilen war ich schon wieder mittendrin in der Geschichte.
Besonders gelungen fand ich dabei den Wandel, den ich als Leser durchlebt habe: Zu Beginn des Buches hatte ich einen klaren Wissensvorteil gegenüber der Protagonistin Oree, die von den Veränderungen in der Hierarchie der Götter noch nicht so wahnsinnig viel wusste, weil die Mächtigen diesen Umstand nach Kräften verschleiert haben. Nicht selten musste ich über ihre Blauäugigkeit im Bezug auf die Identität ihres schweigsamen Hausgastes schmunzeln, war mir doch schon nach seinem ersten Auftritt klar, um wen es sich handeln musste.
Doch nach und nach habe ich meinen Vorteil eingebüßt und wurde mit neuen Details überrascht, die teilweise im Widerspruch zu dem zu stehen schienen, was ich aus Band eins bereits kannte.
Aber wieder einmal habe ich die Genialität hinter diesem Schachzug der Autorin im ersten Augenblick unterschätzt. Durch diesen Widerspruch hat die Autorin die Vorzüge ihrer Erzählperspektive perfekt für sich genutzt und so einen neuen Blickwinkel auf Bekanntes ermöglicht. Denn eigentlich ist es ja selbstverständlich, dass Oree, die eine gänzlich andere Vorgeschichte als Yeine hat, den Geschehnissen und Göttern nicht mit der gleichen Haltung begegnen kann und wird. Es war zwar etwas ungewohnt, Nahadoth aus diesem eher negativ angehauchten Blickwinkel betrachtet zu sehen, aber als ich mich eingehender mit der Person Oree beschäftigt habe, da fügten sich auch ihre ' nicht ganz unbegründeten ' Vorurteile nahtlos in die Geschichte, ohne einen wirklichen Widerspruch übrig zu lassen.
Die Charaktere überzeugen wieder einmal durch ihre Vielschichtigkeit und Individualität. Oree, die Protagonistin, ist eine magiebegabte Frau, die sich trotz Handicap tapfer durch das Leben in der Hauptstadt schlägt. Dabei finde ich es wunderbar gelungen, wie die Protagonistin ihren Mangel an Sehvermögen kompensiert und ihre Umwelt in Gerüchen sieht. Auch wenn sie malt, assoziiert sie mit Farben einen bestimmten Geschmack oder einen speziellen Geruch. Die Autorin hat auf ganzer Linie hervorragend gearbeitet, denn sie hat das Wesen ihrer Protagonistin so in Worte verpackt, dass auch ich als sehender Leser ein Gespür dafür bekommen habe, wie es sein muss, ohne Augenlicht zu leben. Lediglich gegen Ende geht dieses Überzeugende etwas verloren, da Oree vor allem auf den letzten Seiten eher den Anschein erweckt, als könne sie auf einmal sehen ' was nicht der Fall ist. Ein winziger kleiner Wermutstropfen, der aber aufgrund der ansonsten hervorragend konzipierten Charaktere kaum ins Gewicht fällt.
An Itempas, dem gestürzten Gott des Lichts, habe ich mir am Anfang etwas die Zähne ausgebissen, weil ich seine Art zu Beginn kein bisschen mochte. Das lag vermutlich daran, dass meine Sympathien aus Band eins ganz klar auf Nahadoth gepolt waren und darum hat es eine Weile gedauert, bis ich mich für seinen Charakter erwärmen konnte. Aber mit der Zeit hat man durch Oree auch Itempas Version der Geschehnisse erzählt bekommen. Und mit jedem Stück, das er an Erfahrung und Menschlichkeit gereift ist, wurde er mir auch sympathischer. Ich könnte nicht mehr sagen, welcher der beiden meiner Meinung nach der bessere Charakter ist.
Generell war die Gefühlswelt der Charaktere eine Achterbahnfahrt erster Güte, auch wenn ich klar sagen muss, dass die schmerzhaften und traurigen Empfindungen überwogen haben und der Geschichte so eine gewisse düstere Dramatik gegeben haben, die einen schon ziemlich früh ahnen ließ, dass noch einige unheilvolle Überraschungen auf den hinteren Seiten lauern.
Bei der Mythologie gab es zwar wenig Neues, dafür wurden aus 'Die Erbin der Welt' bereits bekannte Aspekte vertieft oder aus einem anderen Blickwinkel dargestellt. Das hat erheblich dazu beigetragen, der Geschichte an und für sich noch mehr Tiefe zu geben. Der Weltenbaum als neues Wallfahrtsziel zum Beispiel. Oder die vielen kleinen Sekten und religiösen Gruppen, die auf der Ebene der Mythologie ganz deutlich den Bruch widerspiegeln, der im Begriff ist, die Herrschaftsverhältnisse im Königreich der Hunderttausend zu verändern.
Das überraschendste am ganzen Buch ' von der Tatsache mal abgesehen, dass mir Itempas so sympathisch geworden ist ' war aber das Ende. Ich musste auf den letzten Seiten wirklich ein paar Tränlein verdrücken, weil ich mit dieser Entwicklung nun wirklich keine Minute lang gerechnet habe.
Fazit
Mit 'Die Gefährtin des Lichts' hat N.K. Jemisin einen mehr als würdigen Nachfolger in ihrer Reihe 'Das Erbe der Götter' geschaffen, der dem hervorragenden ersten Band in nichts nachsteht, ihn an Dramatik und Tiefe sogar fast noch zu übertreffen vermag. Eine stilistisch hochwertige und gefühlvoll tiefgründig angelegte Story, die mit ihrer Komplexität für Spannung bis zur letzten Seite sorgt, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren. Großes Kino im Buchformat!