carpe.com
Drei schmale Gedichtbände waren es, die den Ruhm des Lyrikers Johannes Bobrowski begründeten:
Sarmatische Zeit (1961),
Schattenland Ströme (1962/63), und
Wetterzeichen (1966/67) versammeln Gedichte eines in der deutschsprachigen Lyrik bis dahin nicht gehörten Tones.
Johannes Bobrowski, geboren 1917 in Tilsit/Ostpreußen, gestorben 1965 in Ostberlin, hat sich in seinen Gedichten und seiner Prosa immer wieder mit der Landschaft seiner Kindheit, dem verlorenen "Sarmatien" auseinandergesetzt. Vielfach reflektieren seine Texte die Schuld Deutschlands und die eigene Mitschuld gegenüber den Völkern des Ostens (Eberhard Haufe). Daneben wagte er den, in der Moderne freilich riskant gewordenen, Versuch einer lyrischen Zwiesprache mit Natur, auf den schon die Titel seiner Gedichtbände verweisen. Dabei ging es ihm freilich nicht nur -- wie oft behauptet -- um die "poetische Landnahme" von Memelland und Litauen, um die Beschwörung und literarische Wiederholung von Mythen, Legenden, alten Liedern. Ebenso sehr sind seine Gedichte Versuche individueller Vergewisserung, zeichnen innere, mitunter beschädigte Landschaften nach. Durch den steten Verweis auf Vergangenes einerseits, das Vielschichtige seiner Sprache (mehr Moll als Dur), die Fragmentierung und Reduzierung des Gesagten und eine außergewöhnliche Bildhaftigkeit andererseits lassen sich Bobrowskis Gedichte als völlig eigenständige Gratwanderung zwischen literarischer Tradition und Moderne lesen.
1987 begannn zeitgleich in Ostberlin und Stuttgart eine auf sechs Bände angelegte Edition der gesammelten erzählenden und lyrischen Arbeiten Bobrowskis. Erst jetzt liegen -- "der zeit- und verlagsgeschichtlichen deutsch-deutschen Problematik der letzten zehn Jahre geschuldet", wie der Herausgeber anmerkt -- die Bände eins, zwei und fünf komplett vor. Sie vereinigen Bobrowskis zu Lebzeiten publizierten Gedichte, die Gedichte aus dem Nachlass und einen umfangreichen Kommentar. --Matthias Kußmann
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Johannes Bobrowski wurde 1917 als Sohn eines Eisenbahnbeamten in Tilsit geboren. Nach dem Abitur in Königsberg studierte er Kunstgeschichte in Berlin, wurde jedoch 1939 einberufen. Im Rußlandfeldzug entstanden seine ersten Gedichte. Erst 1949 kehrte er aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft nach Ostberlin zurück, wo er als Lektor arbeitete, zunächst im Altberliner Verlag Lucie Groszer, ab 1959 im Union Verlag. Seine ersten Gedichte erschienen einzeln ab 1955. 1961 - ein Jahr nach seinem ersten Auftritt in Westdeutschland auf Einladung der Gruppe 47 - folgte der erste Band Sarmatische Zeit. Für das Gedicht "Im Strom" wurde er 1962 mit dem Alma-Johanna-König-Preis ausgezeichnet; im selben Jahr wurde ihm zudem der Preis der Gruppe 47 verliehen. Seit Mitte der sechziger Jahre veröffentlichte er auch Prosa. Bobrowski starb 1965 in Berlin.