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Lydia Cabreras «Schwarze Geschichten aus Kuba»
Federico Garcia Lorca widmete Lydia Cabrera eine seiner berühmten Zigeunerromanzen, die von der «Untreuen Ehefrau». Und in der Tat verbindet manches die «Schwarzen Geschichten» der zwei Jahre jüngeren Kubanerin mit dem Werk des grossen Andalusiers. Vor allem ist es derselbe klassisch-moderne Impetus, der schon Bela Bartók mit dem Edison-Phonographen in die ungarischen Dörfer laufen liess, um die noch lebendigen Reste dessen einzufangen, was ein aus heutiger Sicht kaum weniger klassisch-moderner Geist einst «Volkspoesie» getauft hat. Zwar brachten es Lydia Cabreras Geschichten bisher «nur» zum kubanischen Klassiker. Dafür erging es ihr damit nicht wie Lorca, dem die Publikation der Zigeunerromanzen den spöttischen Vorwurf seiner avantgardistischen Dichterkollegen einbrachte, sich zum Neofolkloristen gewandelt zu haben. Im Gegenteil, Lydia Cabrera, die seit 1927 in Paris lebte, wo sie Malerei studierte und mit Strawinsky, Milhaud, Cocteau und Picasso verkehrte, rief mit ihren Geschichten die Begeisterung ihrer Freunde hervor, und so erschienen sie bezeichnenderweise 1936 zuerst auf französisch.
Surreale Vorzeit
Wer eine Geschichte wie die von «Väterchen Schildkröt und Väterchen Tiger» liest, wird sich leicht vorstellen können, dass ein Surrealist wie Max Ernst seine helle Freude an derartigen Beschreibungen von Zuständen aus märchenhafter Vorzeit gehabt haben muss: «Als die Erde jung war, hatte die Unke noch Haare und wickelte sich die Locken auf Pappzigarren. Alles ging noch ein wenig drunter und drüber, die Fische saugten an den Blüten, und die Vögel bauten ihre Nester auf den Wellenkämmen.» Doch erschöpfen sich die «Schwarzen Geschichten» keineswegs im Surrealen. Was einen ihrer stärksten Reize ausmacht, ist vielmehr die humorvolle Unbekümmertheit, mit der hier Disparatestes nebeneinandergestellt wird. So bietet etwa die Geschichte vom Mambiala-Hügel eine ebenso lustig beginnende wie tragisch endende Version des Märchens vom Tischleindeckdich. Hier treibt es der Knüppel aus dem Sack so weit, dass zuletzt nicht nur sämtliche Autoritäten, sondern auch Frau und Kinder seines Besitzers erschlagen am Boden liegen, worauf dieser sich verzweifelt in einen Brunnen stürzt. Diese Geschichte enthält beispielhaft zwei auffällige Merkmale der «Schwarzen Geschichten»: Einerseits werden immer wieder die Hierarchien aufs schönste ausser Kraft gesetzt; andererseits kippt die Handlung oftmals unvermutet um ins Groteske oder auch abgründig Melancholische.
Frei, und damit in klassischer Weise Märchen, sind die Geschichten hingegen von aller Moral. Dazu so «multikulturell», wie man es sich nur wünschen mag. Nicht nur in ihrem Synkretismus katholischer und von den Sklaven nach Kuba mitgebrachter schwarzafrikanischer religiöser Vorstellungen. Ebenso tauchen allerorten nach Lust und Laune Elemente der karibischen Kolonialwelt auf. Und auch an untreuen Ehefrauen herrscht keinerlei Mangel.
Aus weiblicher Sicht
Was Lydia Cabrera, neben ihrer Herkunft aus grossbürgerlich-liberalem Elternhaus, ausserdem noch mit Lorca verbindet, ist ihr anderer Blick auf die Geschlechterverhältnisse. Ein guter Teil der «Schwarzen Geschichten» fand seine endgültige, so überaus poetische Form, indem Lydia Cabrera die einst von ihrem schwarzen Kindermädchen gehörten Erzählungen in Paris an ihre krank im Bett liegende Lebensgefährtin weitergab, die venezolanische Dichterin Teresa de la Parra. Besonders geschätzt haben wird Teresa Geschichten wie die von «Bregantino Bregantin»: Im Lande Cocozumba ist es unter der Alleinherrschaft des «Grossen Bullen» und nach Ermordung aller übrigen männlichen Wesen so weit gekommen, «dass das männliche Geschlecht auch aus dem täglichen Sprachgebrauch verschwand, sofern nicht vom Bullen die Rede war. So hiess es zum Beispiel, dass man eine Nägelin einschlug, auf einer Herdin kochte und mit einer Säbelin Unkraut schlug.» Da erscheint der titelgebende freundliche Brigant und entthront den Tyrannen: «Aber Bregantino, welch Wunder, hatte keinen weiteren Ehrgeiz. Er dankte ihnen artig und liess sich den Rücken kraulen, ohne sich dabei aufzublasen.»
Nach Teresa de la Parras Tod setzte Lydia Cabrera ihre Beschäftigung mit der «Volkspoesie» fort und wurde darüber zur bedeutendsten «Anthropoetin» ihres Landes. Diesen Ausdruck gebraucht im Nachwort der für seine Geschwätzigkeit gefürchtete Guillermo Cabrera Infante und trifft damit doch einmal die Nägelin auf den Kopf. Die Geburt eines Mondes, von der der deutsche Titel spricht, ist in jedem Falle etwas, was nur alle paar Weltenjahre einmal vorkommt: Was sich so aus dem Stoff von Äonen speist, kann ebensowenig je verstauben wie die Grimmschen Kinder- und Hausmärchen, neben die sich jeder dieses von Susanne Lange vorzüglich übersetzte Buch stellen sollte.
Peter Kultzen
Lydia Cabrera: Die Geburt des Mondes. Schwarze Geschichten aus Kuba. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999. 208 S., Fr 35..
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