Zugegeben, ich ging mit Skepsis an die Lektüre der 10 Gebote. Denn ich habe zu viele Bücher gelesen, die ihre kleinkarierten, verstaubten und praxisfremden Theorien unter der Schirmherrschaft biblischer Grösse unter die Leute bringen wollen. Und als ich auf Seite 22 noch zur Kenntnis nehmen musste, dass jede Ursachenforschung auf den drei Ebenen des Bewusstseins, der Methode und der Technik erfolge müsse, trug dies nicht viel zu einer entspannteren Lesehaltung bei. Doch die Absicht, einen persönlichen Kommentar zur Gedankenwelt anderer zu schreiben, bringt es mit sich, sich auf deren Welt einzulassen - also nicht gleich bei den ersten Widerständen aufzugeben. Diese selbst auferlegte Pflicht führt immer wieder zu Entdeckungen. Eine davon ist Cay von Fournier.
Die zehn Gebote wurden selbstredend nicht zum ersten Mal in der Schreibstube des ehemaligen Arztes und Unternehmers Cay von Fournier verfasst. Aber aus unzähligen Möglichkeiten wählte er die richtigen aus, setzte Schwerpunkte und bringt sie mir durch anschauliche Beispiele näher. Und es ist vor allem die Art ihrer Vermittlung, die mich vom Saulus zum Paulus mutieren liess. Denn da spricht ein Mann der Praxis, der das Leben, seinen Job, seine Kunden und Leser liebt. Wenn Cay von Fournier den Theologen Dietrich Bonhoeffer zitiert, dann sind es auch dessen Werte, die er weitergeben will. Wenn er von Würde und Respekt spricht, dann stellt er bei der Suche nach individuellen Persönlichkeitsmerkmalen eben auch andere Fragen. Wenn sein zehntes Gebot „Lebe in Balance!" heisst, dann kann er locker auf billige Wellness-Tipps verzichten. Und wenn er im vierten Gebot zum Investieren aufruft, dann sind haben seine Anmerkungen zur „Geiz-ist-geil-Manie" spürbare Substanz.
Unter der Flagge der zehn Gebote ein Erfolgsmodell für mittelständische Unternehmen anzubieten, trägt die Gefahr in sich, zum Missionar und Moralprediger zu werden. Aber auch davon ist Cay von Fournier weit entfernt. Immer wieder weist er ausdrücklich darauf hin, dass es verschieden Wege zum Erfolg gibt, dass es auch Glück braucht, dass nach sieben fetten oft sieben magere Jahre kommen, dass Versuch und Irrtum eine gängige Strategie der Natur ist. Dennoch federt der Autor seine Glaubenssätze nicht verbal ab, um mit Beliebigkeit möglichem Liebesentzug zu entgehen. „Sei konsequent!" und „Sei einfach!" gehören schliesslich ebenfalls zu seinen zehn Geboten. Was Cay von Fournier seinen Lesern bietet, ist ein möglicher Ausgangspunkt, von dem es leichter ist, die Gebote „Sei kreativ!", „Stärke deine Stärken!" und „Verbessere dich ständig!" zu befolgen. Dem zweiten Gebot „Biete echten Nutzen!" gehorchend, offeriert er den Lesern bei jedem Gebot Grundsätze, Aufgaben und Werkzeuge an. Und wer als Unternehmer seine Mitarbeiter nach dem Gebot „Führe mit Werten!" behandelt, wird nebst einer tauglichen Strategie auch die Menschen um sich haben, die Konzeptionelles umsetzen können.
Die vielen Beispiele veranschaulichen die Praxistauglichkeit der Gebote, auch wenn unnötigerweise einige darunter sind, die mit mittelständischen Unternehmen nichts am Hut haben. Von den Links zu den zehn Geboten hätte ich mir noch mehr gewünscht, führen sie doch auf Unternehmen, die den Glauben des Autors teilen und dem Leser noch näher bringen. Nicht gestört hat mich jedoch, dass Cay von Fournier sich bei den Literaturangaben auf wenige Autoren beruft, die er besonders neugierigen Lesern zur Lektüre empfiehlt.
Mein Fazit: eine Bibel für kleine und mittelständige Unternehmer, die mit Werten zum Erfolg kommen wollen, die ihnen nachts den Schlaf nicht rauben und tagsüber bei Kunden und Mitarbeitern gute Gefühle auslösen. Und dennoch Gewinne generieren.