Bernard Cornwells Roman „Die Galgenfrist" ist im Original unter dem verräterischen Titel „Gallows Thief", wörtlich übersetzt Galgendieb, erschienen. Als Galgendieb entpuppt sich der Protagonist Rider Sandman, ein Kriegsheld der Waterloo - Schlacht, der nach seiner Heimkehr feststellen muß, dass sein Vater sich wegen des Verlusts des Familienvermögens, der finanziellen Schädigung etlicher Investoren und des damit einhergegangenen sozialen Abstiegs umgebracht hat. So findet sich Sandman nach dem Verkauf seines Offizierspatents arbeitslos in einer Unterkunft in der Londoner Drury Lane mit äußerst zweifelhaftem Ruf wieder und trauert um seine Verlobte, die auf Druck der ehrgeizigen Mutter die Verlobung mit ihm lösen musste.
Geblieben sind Rider Sandman seine Cricket-Fähigkeiten und einige wenige einflussreiche Freunde - was aber natürlich nicht zum Leben reicht. Rider erhält den Regierungsauftrag die Petition der Mutter eines jungen Malers, der wegen Mordes verurteilt worden ist und in Kürze gehängt werden soll, als Inspektor zu überprüfen und nimmt diesen aus Geldmangel an. Schnell hat Rider Zweifel an der Schuld des Verurteilten und der zunächst einfach scheinende Auftrag wird zum Wettlauf gegen die Zeit, bei dem er von Berrigan einem Sergeant aus der Waterloo-Schlacht, Sally Hood, Malermodell und Schauspielerin (Statistin), seinem Freund Lord Alexander und seiner Ex-Verlobten Eleanor unterstützt wird. Rider Sandman gerät im Laufe der Untersuchungen schnell unter die Oberfläche des von der einflussreichen Oberschicht geschaffenen verkrusteten Systems, das, koste es, was es wolle, auf den Erhalt von vorhandenen Privilegien ausgerichtet ist.
Der Schriftsteller-Routinier Cornwell versteht es, das London des 19. Jahrhunderts mit all seinen sozialen Konflikten und Abgründen so aufleben zu lassen, dass die Handlung unterstützt wird, d.h. der historische Rahmen nicht dominiert. So wird die juristische Situation im England des 19. Jahrhunderts zum Treiber für eine spannende Kriminalgeschichte. Die tragenden Charaktere sind niemals eindimensional, sondern haben alle, einschließlich Rider, ihre Ecken und Kanten. Rider z. B. ist stolz, ehrenhaft und gerecht, aber mit einer gehörigen Portion Jähzorn belastet; sein Freund Lord Alexander ist ein herrlich schrulliger Charakter.
Bernard Cornwell verarbeitet in seinem Roman Meinungen und Argumente von Befürwortern und Gegnern der Todesstrafe, die ihre besondere Eindinglichkeit durch den Prolog erreichen. Cornwell eröffnet "Die Galgenfrist" mit der detaillierten Schilderung einer öffentlichen Hinrichtung im London des Jahres 1817 in all ihrer Brutalität, lässt uns erschaudern vor den Geschäftemachern, die Hinrichtungen zum Volksfest machen und konfrontiert uns mit der Gier der Schaulustigen.
Die Handlung wird stringent mit stetig steigendem Spannungsbogen und ohne Längen fortgeführt. Mag sein, dass die Auflösung der Kriminalgeschichte wenig spektakulär ist, Glanzpunkt des Romans ist aber ohnehin die sprachlich flüssige Entwicklung und Ausgestaltung der Charaktere in ihrer Zeit.
Wer bereits Romane von Bernard Cornwell kennt, sollte wissen, dass „Die Galgenfrist" insofern ein für den Autor ungewöhnlicher Roman ist, da keine Schlachten, Belagerungen etc. geschildert werden; es handelt sich um eine reine Kriminalgeschichte. M. E. kommt „Die Galgenfrist" nicht an Cornwells Artus-Trilogie heran, allerdings hätte die auch einen sechsten Amazon-Stern verdient! Dennoch ist „Die Galgenfrist" ein sehr empfehlenswertes Lesevergnügen. Rider, Sally und Berrigan geben ein so interessantes Gespann ab, dass ich mir einen weiteren Roman mit diesem Trio wünschen würde.
Cornwell lässt seine Fans nicht hängen.