Es ist gar kein Sachbuch. Es ist etwas anderes. Es ist eine Lektüre, in die der Leser eintaucht, um sich nach einigen Kapiteln in einer fernen und bewegenden Welt wiederzufinden. Milda Drücke berichtet in diesem autobiographischen Werk von ihrer Entdeckung und dem Leben mit den Seenomaden - einem nahezu archaisch anmutenden Volk, das einen großen Teil seines Lebens auf dem Wasser verbringt. Sie beschreibt, wie sie als gestandene Frau aus der westlichen Zivilisation dieser fremden und ursprünglichen Kultur begegnet. Manchmal ist das komisch. Oft anrührend. Immer aber bewegend. Das Buch hat ein mitreißendes Tempo, bei dem die Stimme der Autorin ebenso warm wie glasklar durch die Geschichten dringt. Sie beobachtet präzise. So verschwindet der Leser bald zwischen Mangroven und nimmt Platz in schwimmenden Wohnzimmern. Die Seenomaden, auch Bajos genannt, gelten in Indonesien als nicht existent. Kein Mensch redet über dieses Volk, und erst Recht würde niemand in den umliegenden Regionen mit den Wassermenschen nahen Kontakt aufnehmen. So ist schon die Reise zu den Bajos abenteuerlich. Aber das größte Erstaunen steckt - wie so oft - im ganz alltäglichen Leben. Viele Monate hat die Autorin bei den Seenomaden verbracht. So werden Lebensformen spürbar, die wir zwischen Schreibtisch und Supermarkt kaum noch als „natürlich" wahrnehmen können. Ich persönlich habe diese Lektüre sehr genossen. Nicht zuletzt, weil sie auch den Blick für das Wesentliche schärft. Einen Fehler möchte ich trotzdem nennen: Das Buch hat zwei Deckel und wenn Sie beim zweiten angekommen sind, ist es zu Ende.