Was für ein seltsames Buch! Da wird im ersten Kapitel die Leiche der Hauptperson in einem Pferdestall seziert, der überwiegende Teil des Buches ist im Präsens geschrieben, und auch am Ende sind nicht alle Rätsel gelöst...
Erzählt wird die Geschichte des James Dyer, der nicht nur schmerzunempfindlich, sondern auch völlig gefühlskalt im England des 18. Jahrhunderts zur Welt kommt. Der Stoff ist faszinierend, und Miller schildert ein detailreiches, realistisch anmutendes Europa der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Was ein wenig befremdlich anmutet ist die Sprache... da ist zum einen die Gegenwartsform, über die man irgendwann einfach anfängt, hinwegzulesen, weil man sie nicht gewohnt ist; da sind einige Passagen, die sich nicht so recht in den Erzählstil einfinden... wen interessiert es, ob der unter Verstopfung leidende Reverend, dessen Stuhlgang seitenlang beschrieben wird, "blechern in die emaillene Schüssel furzt"??? So genau wollte ich es eigentlich gar nicht wissen. Ebenso frage ich mich, warum der Autor in nun wirklich jedem (auch ansonsten gestelzten) Kontext das männliche Genital als "Schwanz" bezeichnen muss -- sonst sind ihm doch auch immer Synonyme für jedwede Bedeutungsnuance eingefallen.
Sobald man sich allerdings daran gewöhnt hat, nach dem ersten der insgesamt acht Teile des Buches, sieht die Geschichte einen jedoch unweigerlich in ihren Bann. Zu viele Rätsel stellen sich, zu neugierig ist man auf die Antwort, zu emotional wird die Handlung. Mir ist es richtig schwer gefallen, in der zweiten Hälfte des Buches auch nur kleine Lesepausen einzulegen. Und allzu bald hatte ich mich dann auch schon durch die knapp 400 Seiten gearbeitet.
Ich will nicht sagen, dass das Ende des Romans unbefriedigend ist -- es bleiben eben nur einige Dinge ungesagt, ein paar Fragen unbeantwortet. Was dann ganz gut tut ist, das erste Kapitel nochmal zu lesen -- zwar fällt dann wieder auf, dass es nicht mit dem Rest des Buches aus einem Guss zu sein scheint; aber einige Sachen ergeben dann mehr Sinn. Was danach noch offen bleibt, hinterlässt einen nicht mehr unbefriedigt, sondern mit genug Stoff zum Nachdenken.