Erich Fromms wurde im Jahre 1900 als einziger Sohn orthodoxer jüdischer Eltern in Frankfurt geboren. Während seines Studiums machte er die Bekanntschaft mit zwei Autoren, die sein Leben bestimmen sollten: Sigmund Freud und Karl Marx. Im Frankfurter Institut für Sozialforschung leitete er die psychoanalytische Forschung. Von den Nationalsozialisten vertrieben, kehrte er Deutschland den Rücken.
In Die Furcht vor der Freiheit" untersucht Fromm sowohl die Ursachen des Faschismus als auch die Unzulänglichkeiten der modernen Demokratie.
Unterschiede zum Vorbild Freud.
Erich Fromms Interesse galt schon früh den Auswirkungen der Psychoanalyse auf die Gesellschaft. Im Gegensatz zu seinem Lehrer hält er den Menschen primär für ein gesellschaftliches Wesen", welches nicht nur durch seine biologischen Faktoren, sondern auch durch die Kultur bestimmt wird. Den menschlichen Charakter deutet er als Reaktion auf seine Erfahrungen und nicht umgekehrt. Der Gesellschafts-Charakter wird ähnlich dem individuellen Charakter durch die Triebe des Menschen einerseits, aber auch durch das Gesellschaftssystem andererseits bestimmt: Kurz, der Gesellschafts-Charakter internalisiert äußere Notwendigkeiten und spannt auf diese Weise die menschliche Energie für die Aufgaben eines bestimmten ökonomischen und gesellschaftlichen Systems ein". Eltern erziehen ihre Kinder - wenn auch unbewusst - im Geiste des Charakters, den die Gesellschaft repräsentiert.
Der Kampf des Menschen um die Freiheit.
Um frei zu sein, musste der Mensch zunächst gegen die Natur, die Kirche und dann gegen den Staat kämpfen. Diesen Kampf bezeichnet Fromm als die Freiheit ,von' etwas. Die so gewonnene Freiheit gab dem Menschen das Gefühl von Unabhängigkeit, Macht und Stärke. Aber Fromm zeigt auch die dunklen Seiten der Freiheit: Die Freiheit hat ihm (dem Menschen) zwar Unabhängigkeit und Rationalität ermöglicht, aber sie hat ihn isoliert und dabei ängstlich und ohnmächtig gemacht". Denn die Kräfte, die ihn unterdrückten, boten ihm auch Schutz und Geborgenheit.
Wie reagiert der Mensch auf diese Situation?
Wie so oft im Leben gibt es zwei verschiedene Wege: die positive Aufarbeitung und die negative Flucht vor der Angst. Unter den Fluchtmechanismen unterscheidet Fromm zwischen der Flucht ins Autoritäre, der Flucht ins Destruktive und der Flucht ins Konformistische. Die Flucht ins Autoritäre führt in den Sadomasochismus. Ziel des Masochismus ist das individuelle Selbst loszuwerden, sich selbst zu verlieren; oder anders gesagt: die Last der Freiheit loszuwerden". Der sadistische Trieb jedoch möchte Herrschaft über andere ausüben. Der Sadist liebt die Macht und verachtet die Schwäche. Die Grenze zwischen Sadismus und Destruktivität beschreibt Fromm wie folgt: Der destruktive Mensch möchte das Objekt zerstören ... Der Sadist dagegen möchte sein Objekt beherrschen, daher erleidet er einen Verlust, wenn dieses verschwindet". Bei der Wahl des dritten Fluchtwegs hört der einzelne auf, Selbst zu sein: er gleicht sich völlig dem Persönlichkeitsmodell an, das ihm sein Kultur anbietet". Statt eigene Gedanken zu fassen, lässt sich der Mensch von außen vorformulierte Dinge einflößen.
Der Nationalsozialismus.
Der Faschismus hatte nicht nur ökonomische Gründe. Aber was konnte die atavistischen Kräfte der Menschen wecken, von deren Existenz so Fromm wir nichts wussten oder von denen wir zumindest annahmen, sie seine schon lange ausgestorben". Die Kleinbürgerschicht, die sich aus Rechtsanwälten, Soldaten, Krämern usw. zusammensetzte, wurde von Inflation und Depression, dem Zusammenbruch der Monarchie und dem Verfall ihrer gesellschaftlichen Stellung schwer getroffen. Dem Gefühl von Ohmacht und Bedeutungslosigkeit folgte die Flucht ins Autoritäre. Diese psychologischen Bedingungen waren nicht die ,Ursache' des Nazismus. Sie waren nur die menschliche Basis, ohne die er sich nicht hätte entwickeln können", erläutert Fromm. Er vor dem Krieg auch die Triebstruktur deutscher Arbeiter und Angestellten untersucht und festgestellt, dass sie trotz des Sieges 1918 dem aufkeimenden Faschismus keinen Widerstand entgegensetzten würden, da sie durch Rückschläge demotiviert waren.
Die moderne Demokratie.
Moderne Demokratie und Kapitalismus bieten keinen Schutz vor Isolation und Angst. Im Gegenteil, ältere Menschen, Kinder, Kranke, sie alle werden von der Gesellschaft nur zu bereitwillig in die Einsamkeit verbannt. Arbeiter und Angestellte kennen das Gefühl der Angst um den Arbeitsplatz; auch gut dotierte Manager und Politiker fühlen sich zuweilen einsam. Der moderne Mensch flüchtet in den Konformismus und gibt sein selbst auf. Beispiel Werbung: der Einzelmensch lässt sich von der Masse lenken. Wir sind zu Konformisten geworden, die in der Illusion leben Individuen mit eigenem Willen zu sein." Fromm fällt in seiner neuen Heimat Amerika auf, dass bereits die Kinder zum Lächeln erzogen werden. Dies geschieht jedoch nicht aus Philanthropie, sondern um in den Augen der Anderen als liebenswürdig zu gelten. In unserer Gesellschaft hält man ganz allgemein nicht viel von Gefühl", kritisiert Fromm.
Fromm sucht nach den Gründen dieser Entwicklung und spannt den Bogen von der modernen Demokratie bis zur Reformation. Durch die Reformation wurde das mittelalterliche ständische Gesellschaftssystem für die städtischen Mittel- und Unterschichten sowie für die Bauern brüchig. Luther, der zeitlebens ein ambivalentes Verhältnis gegenüber der Autorität aufwies, bezeichnet den Menschen als von Grund auf schlecht; nur der Glaube kann zur Erlösung führen. Calvins Menschenbild ist ebenfalls pessimistisch. Er glaubte an die Vorbestimmung des Menschen und nahm ihm nicht nur sein Schicksal aus der Hand, sondern teile die Bevölkerung auch in gut und böse ein. Dazu Fromm: Der einzelne war sich selbst überlassen; alles hing nur mehr von seinen eigenen Anstrengungen ab, nicht von der Sicherheit seines traditionellen Standes ... Das Kapital ,hatte aufgehört, Diener zu sein, und war zum Herrn geworden'". Luther und Calvin hatten die Grundlage für den Kapitalismus geschaffen. Der Einzelne arbeitete nicht mehr unter äußerem Zwang, sondern gehorchte einer inneren Überzeugung.
Obwohl sich der weitaus größte Teil des Buches mit der negativen ,Freiheit von etwas' befasst, erläutert Fromm auch, wie man ein glückliches Leben führen kann. Wenn es uns gelingt zu einer positiven ,Freiheit zu etwas' zu gelangen, können wir dem Leben ein Ziel geben. Die positive Freiheit besteht im spontanen Tätigsein des gesamten integrierten Persönlichkeit", schreibt Fromm. Unter gesamter integrierter Persönlichkeit versteht er die Balance zwischen emotionalen und intellektuellen Bereichen, zwischen der Vernunft und der Natur. Das Leben ist für ein tätiges und schöpferisches Individuum" sinnvoll.
Fazit: Auch nach über sechzig Jahren ist Werk Fromms beachtens- und lesenswert.