Wenn man als Historiker selbst Zeitzeuge und aktiv Handelnder in einer Revolution ist, dann kommt einem schon während der Ereignisse manchmal der Gedanke, daraus vielleicht auch als Fachwissenschaftler etwas zu machen, so wie es Hartmut Zwahr dann z. B. mit
Ende einer Selbstzerstörung auch gelungen ist. Michael Richter setzt dem nun mit dieser auch schon vom bloßen Umfang her monumentalen Zusammenfassung der Geschehnisse eine Krone auf, vor der eigentlich alle Kritiker verstummen sollten. Als selbständiger Titel wurde sogar noch ein Beiheft mit quantitativen Auswertungen veröffentlicht, das klar zeigt, daß die Bevölkerung in Leipzig bei diesen Ereignissen 1989/90 am meisten auf der Straße war.
Als beteiligter Zeitzeuge liest man natürlich zuerst über das nach, was man selbst mit erlebt und mit gestaltet hat um nachzuprüfen, ob es der Verfasser auch sachlich richtig zu Papier gebracht hat. Und da fallen mir doch sofort einige Fehler auf: Die DSU wurde am 20.1.1990 in Leipzig in der "Goldenen Krone" gegründet, wie es Richter in einem von einem Historiker-Kollegen geschriebenen Beitrag zur Geschichte der DSU hätte nachlesen können (diese Publikation befindet sich ja sogar in Richters Literaturverzeichnis). Und nicht in Diestels Privatwohnung, wie das fälschlich in dem Buch von Hans-Dieter Schütt
Peter- Michael Diestel: Rebellion tut gut. Ein Populist teilt aus behauptet und von Richter geglaubt wird. Diese Gründung war auch noch am selben Tag durchs Fernsehen übertragen worden und schon längst nicht mehr konspirativ. Leider hat offensichtlich Richter in seinem Buch nicht die Bildaufzeichnungen über die Tagesnachrichten der ARD, des ZDF, der BBC und anderer Sender - etwa auch über die Leipziger Jedenmontagsdemonstrationen - für sein Buch mit ausgewertet, denn dann wäre ihm dieser grobe Fehler nicht unterlaufen. - Diese Korrektur am sachlichen Inhalt des Buches ist nur ein Beispiel und weitere ließen sich anfügen.
Aber bestimmte Personen und unbequeme Ereignisse werden nun einmal gern vergessen oder falsch dargestellt, das ist z. B. das Schicksal der DSU, die am Ende als Partei zu einer Partei der Verlierer geworden ist. Was wahr ist und stattgefunden hat, bestimmen die Sieger der Geschichte, und das sind in Sachsen diejenigen, die in Dresden im Februar 1990 in die CDU der späteren Landeshauptstadt eingetreten sind, im Herbst höchste Ämter in Stadt und Freistaat übernommen haben und später die Gründung des Instituts im selbigen Dresden beschlossen haben, aus dessen Etat der Verfasser und sein Buch finanziert werden. Sehr, sehr viel bedrucktes Papier zu einem traumhaft niedrigen Preis. Es war auch naheliegend, diese in Dresden wohnhaften Herren zu interviewen und ihre subjektiven Erinnerungen in angemessener Breite in diese gedruckte Denkmalsetzung einfließen zu lassen.
Der Hof hielt sich früher einen eigenen Chronisten. Wessen Brot ich eß, dessen Lied ich sing, sagten die Untertanen dazu. Und gegenüber dem Inhalt eines Buches, das vor 1989 ein Ministerpräsidenten der DDR glaubte empfehlen zu müssen, wäre ich sicher sehr, sehr mißtrauisch gewesen. In einer Demokratie ist das selbstverständlich alles ganz anders: Der sächsische Ministerpräsident persönlich hat bei der Vorstellung des Buches am 13. März 2009 in einer Rede sein Lob über das Buch geschüttet.
Man könnte auch noch über den Unterschied zwischen tatsächlicher und geschriebener Geschichte philosophieren und daß die zweite stets nur der Versuch einer Annäherung an die erste sein kann. Doch ist das Problem nicht neu. Man hofft jedoch, daß man die Abweichungen von den objektiv nachprüfbaren Fakten, die der Rezensent bereits bei den wenigen von ihm genau nachprüfbaren und nachweisbaren Tatsachen gefunden hat, in derselben Größenordnung nicht auf das gesamte Werk extrapolieren muß. Denn an diesem Buch kommt keiner vorbei, der sich mit der Geschichte dieser Ereignisse befassen will.