Die vom Wiener Kardinal und Erzbischof Christoph Schönborn im September 2009 in Ars gehaltenen Priesterexerzitien waren neben den großen römischen Treffen wohl das zentrale spirituelle Ereignis im von Papst Benedikt ausgerufenen Priesterjahr 2009/2010. Sie wurden noch vor dem Ausbruch der Missbrauchkrise im deutschen Sprachraum gehalten und die Vortragstexte wurden nun - nach der französischen Erstpublikation schon 2009 - mit verständlicher Verzögerung zur Fastenzeit 2011 vom Herder Verlag herausgegeben. So kann nachträglich noch einmal die Urintention des Priesterjahres erspürt werden.
Nach dem offiziellen Text einer Videobotschaft Papst Benedikts XVI. zu den Exerzitien im Ort des hl. Johannes Maria Vianney, des Patrons aller Pfarrer, geht Kardinal Schönborn mit vielen sehr persönlichen Einschüben in leicht verständlicher und überzeugender Weise theologischen, spirituellen und praktischen Fragen des Priesterdienstes nach. Leitschnur sind ihm dabei der "Katechismus der Katholischen Kirche", an dem er selbst entscheidend mitwirkte, Texte des hl. Pfarrers von Ars ("das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu"), der hl. Thérèse von Lisieux und der hl. Sr. Faustyna von Krakau, die vertiefend ausgelegt werden. Auch auf seinen akademischen Lehrer Papst Benedikt nimmt Schönborn öfter konkreten Bezug.
In einem ersten Kapitel behandelt der Wiener Erzbischof nach einem Gottesbezug (KKK 1) die grundlegende priesterliche Berufung, die sich von der der Laien "dem Wesen und nicht dem Grade nach"(LG 10,2) unterscheidet. Damit ist sie kein Selbstzweck, sondern "Mittel zum Zweck". Priester sind für die Laien, nicht für sich selbst da. Dann werden "Quellen der Barmherzigkeit" in der Schule Jesu und im Bußsakrament als "Tribunal der Barmherzigkeit" (Sr. Faustyna) aufgezeigt. Zwei weitere Kapitel widmen sich dem "Gebet als geistlichem Kampf" und der für jeden Priester der Kirche zentralen Rolle der Eucharistie als "Quelle der Freude und des Lebens". Unter "Predigt und Mission" geht Schönborn auf die Evangelisierung Jugendlicher ein und beantwortet lebensnah Fragen zum Exorzismus und seiner Praxis und zur Haltung der Kirche gegenüber wiederverheiratet Geschiedenen. Der Schlussvortrag nennt sich "Maria und die Priester" und stellt die jungfräuliche Mutter Jesu als Glaubende und als Frau der Seelsorge heraus. Das in erster Linie an Priester gerichtete Buch ist auch Laien zu empfehlen, um die eigentlichen Dimensionen des katholischen Priestertums auch im Blick auf den Versöhnungsdienst der Beichte wieder neu und lebhaft wahrzunehmen. Wie in kaum einem anderen seiner Bücher kommt der Wiener Kardinal durch diese Exerzitienvorträge selbst als Seelsorger und Mensch den Lesern persönlich näher.