Inzwischen kann jedem von uns jederzeit dasselbe widerfahren wie der Erica Bain des Films - ihr wurde in wenigen Minuten fast alles genommen: der Geliebte, das Gefühl relativer Sicherheit, das Selbstbewusstsein, die Lebensfreude, die Gesundheit und - zumindest in dem aufwühlenden Film "The Brave One", den der irische Filmemacher Neil Jordan 2007 inzenierte, "nur" fast - das Leben.
Das ist leider längst kein US-Problem mehr - über 100.000 Fälle "schwerer und gefährlicher Körperverletzung" jährlich in Deutschland sprechen eine beredte Sprache - und auch bei uns landet nur jeder zehnte junge Gewalttäter hinter Gittern. Vorgeschützt werden soziale Ambitionen, tatsächlich aber wird der Schutz der Bevölkerung vor Wiederholungstätern den Verwaltungen schlicht zu teuer.
Das ist besonders tragisch und zynisch, weil 4 von 5 Gewalttaten durch Wiederholungstäter begangen wären, die eigentlich - bei normalem Strafmaß - eingesessen hätten. Der Staat spart also auf Kosten der Opfer.
Doch zum Film. Jodie Foster, beim Dreh 2007 spurenlose 45 Jahre alt, spielt die junge, sensible und gefühlvolle Radiomoderatorin Erica Bain. An ihrem Beispiel zeigt der Film in einem sauber konstruierten Lehrstück, wie eskalierende Traumata in einem ganz normalen, friedlichen Menschen sukzessive eine Persönlichkeitsveränderung bewirken. Erica Bain wird dreimal in verschiedenen Situtationen lebensbedrohlich von Gewalttätern angegriffen:
Beim ersten Mal gerät sie in einen unfassbaren Albtraum, als sie mit ihrem Verlobten abends den Hund im Central Park ausführt: Drei bis unter den Scheitel vollgedröhnte "junge Erwachsene", unzählige Male wegen Gewalttaten vor Gericht gestanden, aber nie nachhaltig weggesperrt, gönnen sich mal wieder ihr Lieblingsritual: Menschen in gnadenloser Unmenschlichkeit lustvoll zu verníchten.
Nach unfassbaren Qualen wird Erica, körperlich angeblich instandgesetzt, aber seelisch ein Wrack, aus der Klinik entlassen. Doch sie besteht nur noch aus Angst, wagt es nicht einmal, das Haus zu verlassen. Die Polizei tut, "was sie kann" - natürlich, warum sollte sie sich auch verausgaben, schließlich lassen die Gerichte ja doch jede(n) wieder laufen. Doch bei Erica sitzt die Angst bei jedem Schritt im Nacken, Albträume wechseln sich ab mit schmerzhaften Erinnerungen an ihre vernichtete Liebe. Sie besorgt sich eine Automatik. Doch auch mit der scheinbaren Sicherheit einer Waffe wird sie nicht mehr die, die sie mal war: "Es ist erstaunlich, zu erkennen, dass eine Fremde in dir steckt", wird sie später in ihrer Radioshow bekennen.
Der zweite Fall ereignet sich beim Einkauf. In einem Supermarkt gerät Erica wieder zufällig in ein Inferno brutaler Gewalt. Ein wütender Exgatte schießt seine frühere Frau und Mutter seiner Kinder brutal nieder, weil er kein Besuchsrecht erhielt. Manche Migranten pflegen ihr eigenes Recht. Er bemerkt Erica und will auch die lästige Zeugin erledigen. Er jagt sie durch den Laden. Doch Erika gelingt es, zuerst zu schießen - sie zittert so sehr, dass durch das Regal hindurch auf kürzeste Distanz erst der dritte Schuss trifft.
"Wenn dich die Angst ergreift, erkennst du, dass sie schon immer da gewesen ist". Durch die traumatischen Erlebnisse ist sie praktisch berufsunfähig - dennoch gibt ihr die Sendeleiterin Carol (Mary Steenburgen) eine Chance, und siehe da - das Radio-Publikum suhlt natürlich gerne in Gewalt und schätzt Ericas "Beichtstuhlsendungen".
Doch die dritte Katastrophe naht bereits: Ein weiterer Horror wartet in der U-Bahn auf Erica. Zwei schwarze Brutalos halten ihr ein Kampfmesser an den Hals und fragen einfühlsam: "Bläst du mir einen zu Radiohead? Schon mal von nem Messer gefíckt worden?" Dieses Mal trifft Erica sofort. Doch obwohl sie objektiv nicht die mindeste Wahl hatte, macht sie sich hinterher doch noch traumtänzerische Vorwürfe: "Hätte es nicht gereicht, wenn ich die Pistole gezeigt hätte?"
Bald danach trifft sie Detektiv Mercer wieder - am sogenannten "Tatort". Für die Polizei sind ja auch dann alle Täter "Opfer", wenn jemand sein Leben verteidigt hat. Erica bittet ihn um ein Interview.
Beim Interview vertraut er ihr sein "Trauma" an: Mr. Murrow. Ein Wirtschaftsgangster, der - die Gattin mitgerechnet - mindestens vier Menschen auf brutalste Weise umgebracht hat. Nun fürchtet er demnächst die Stieftochter des Gangsters genauso vorzufinden: mit Sekundenkleber am Tisch fixiert und mit Schnellzement im Rachen. "Und Sie können nichts tun?", fragt Erica. "Nichts Legales jedenfalls", antwortet Mercer spontan. Und doch weigert er sich immer noch, "dieses Ars*hloch da" und den Schützen aus der U-Bahn differenziert zu sehen: "Beide haben gemordet". In professioneller Verdrängung erwägt er nicht einmal eine mögliche Notwehrsituation.
Erica aber hatte sich durch ihre Erfahrungen vom hilflosen zum wehrhaften Opfer entwickelt. Sie hat sich verändert. Sie hat gelernt, dass sie nicht zum Opfer werden muss, wenn sie sich wirksam verteidigt.
Nun vollzieht sie die Entwicklung noch einen entscheidenden Schritt weiter, nämlich vom Selbstschutz zur Rettung anderer. In dieser Mission sucht sie auch neuen Halt für ihr zerstörtes Leben: "Dieses Wesen, diese Fremde ist alles, was du jetzt noch bist." Sie durchstreift nachts die Stadt. "Ich finde Orte und Dinge, von denen ich nicht mal gewusst habe, dass sie existieren." Doch sie agiert nicht unbemerkt; bei Detektiv Mercer keimt bereits ein Verdacht. Bald triften mit unwiderstehlicher Kraft die Wege Mercers und Erica Bains auf den Punkt zusammen, wo sich die Mörder von Ericas Verlobten aufhalten...
Jodie Foster gelingt es in einer Brillanz und einer klassischen Konsequenz, die an Brecht oder Böll erinnert, die Entwicklung der Erica Bain vom hilflosen Opfer bis zur Rächerin, "die Gott spielt", absolut logisch und glaubwürdig aufzuzeigen. Wie auch der Zuschauer wird ihr Gegenpart, der Detektiv, der lange seine Wertvollstellung auf Vorschriften und Wegsehen aufgebaut hat, durch die Logik der Ereignisse geradezu gezwungen, die Realität zur Kenntnis zu nehmen. Den Höhepunkt der Dialektik bildet die bitterbös-sarkastische Frage Ericas an Mercer, als sie einem vielfachen Mörder gegenüberstehen:
"Und was wollen sie tun, Mercer? Wollen sie ihn verhaften?"
Beiden ist natürlich bewusst, dass eine Verhaftung nichts ändern wird, dass der Kette von Opfer eines Maniac lediglich eine neue Reihe von Opfern folgen wird. Vor allem aber: dass man selbst Schuld auf sich lädt, wenn man dem ein Ende hätte machen können.
Dialektik bestimmt auch den inneren Umgang Ericas mit ihrem Trauma, ihrer Notwehr, ihrer Selbstjustiz. Grandios gelang die Umsetzung der Meinungsvielfalt über die Radiomoderation, bei welcher Anrufer das Spektrum der Meinungen darstellten, unter welchen Erica keine fand, der sie sich anschließen mochte.
Dass eine Frau, die sich wehrt, und das auch noch erfolgreich, von einem Teil des Publikums erbittert angegriffen wird, während unbeanstandet zuhauf durchgeknallte Rambos in mehr oder weniger miesen Streifen ganze Ortsteile samt Bewohnern in Trümmer legen, ist charakteristisch für die immer noch verbreitet atavistischen Rollenvorstellungen einer zurückgebliebenen Mehrheit - eine merkwürdige Einfärbung der Sichtweise, die offenbar maßgeblich davon abhängt, ob eine Frau oder ein Mann Gewalt anwendet, ob das aus Rache oder aus Notwehr geschieht, ob angemessen kühl oder im Stile eines rot sehenden Stiers gehandelt wird.
Auf die absolut nachvollziehbare Entwicklung der Erica wurde oben hingewiesen. Alle drei oben geschilderten Fälle waren geradezu musterhafte Notwehrsituationen. Allerdings neigt unsere Gesellschaft mehr und mehr dazu, Opfer, die sich wehren, als "Spaßverderber" hinzustellen.
Möge es jeden, der das auch so sieht, beim nächsten Mal bitte selbst erwischen! Denn herausragende Schuld an der untragbaren Situation auf den Straßen trägt ja gerade der angeblich sozial motivierte Tätersympathisanten-Hintergrund von den Gerichten bis zu den Medien - überwiegend wohl Menschen, die sich abseits des Geschehens mit Limousinen zwischen "Gated Areas", bewachten Nobelvierteln und "Sicherheitszonen" bewegen; Sozial-Snobs, die sich selbst ungefährdet sehen und denen daher die Sorgen und Ängste normaler Menschen auf der Straße am tiefen Rücken vorbeigehen.
Endlich sieht man auch mal einen Film über das Thema Gewalt, dessen Abschluss nicht enttäuscht, sondern befriedigt, weil er mutig genug ist, die angesichts eines völlig desinteressierten und hilflosen Staats einzig bleibende Alternative aufzuzeigen. Denn dem "Staat" und seinen nur noch an Selbstbedienung interessierten "Dienern" muss endlich nachdrücklich die Frage vorgehalten werden, womit er seinen Anspruch auf ein "Gewaltmonopol" eigentlich überhaupt noch begründen will? Denn es gelingt ihm ja offenbar nicht einmal mehr, ein Mindestmaß an Sicherheit für seine Bürger zu gewährleisten. Im Gegenteil - er nimmt eine Unzahl von Opfern billigend in Kauf, wie eingangs dargelegt wurde. Das betraf Erica Bain ebenso wie Katharina Blum. Das gilt vor allem aber auch für jeden von uns.
Im ungeschnittenen Original 122 Minuten, Format 2.
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