F. habe ich in vieler Hinsicht als sehr zeitgebunden empfunden, mnachmal
erreicht er, z.B. in der Schlusspassage, eine gewisse Erhabenheit: Da sitzt
Temple Drake, das Girlie aus besserem Haus. Nach ihrer unsäglichen
Eskapade mit dem kriminellen Hurenmilieu hat ihr Papi sie nach Paris
gebracht. Sie sitzt in den Luxembourg Gardens, letzter Satz: "Sie schloss
die Puderdose, und mit den Augen unter ihrem eleganten neuen Hut schien sie
den Wellen der Musik zu folgen, sich aufzulösen in die ersterbenden
Klänge, hin über den Teich und den Halbkreis von Bäumen gegenüber, wo
in düsteren Abständen die toten Königinnen sannen, ruhevoll aus
geflecktem Marmelstein, und hinauf in den Himmel, der hingestreckt lag und
besiegt in der Umarmung der Jahreszeit des Regens und des Todes."
2 Handlungsstränge: 1.) Temple gerät mit einem versoffenen Beau (Zeit der
Prohibition) in eine abgelegene Schnapsbrennerhöhle, bewohnt von Popeye,
einem degenerierten Killer und Freak, Goodwin und seiner Lebensgefährtin
und Tommy, einem gutmütigen Schwarzen. Im Mittelpunkt steht Temples
wahnsinnige Angst, den Kerlen (es sind noch mehr anwesend) sexuell
ausgeliefert zu sein, tatsächlich wird sie, wie sich am Schluss in dder
Gerichtsverhandlung herausstellt, mit einem Maiskolben defloriert,
höchstwahrscheinlich von Popeye, der fischigen Kanaille, der zum Sexualakt
selbst unfähig ist. Popeye verschleppt sie in ein Hurenhaus und geilt sich
daran auf, Temple beim Sexualakt mit einem anderen Kerl (Red) zu
beobachten, den er gleich darauf auch umlegen lässt. 2.Strang: Tommy, der
Schwarze, der Temple beistehen wollte, wurde ermordet, als Täter kommt nur
Goodwin in Frage, der in Haft genommen wird. Ihm folgt treulich seine Frau,
die dem Schuft schon ein Leben lang zu Diensten war und sich jetzt noch mit
einem kranken Baby abquält. Zwischen ihr und Benbow entwickelt sich etwas
wie Freundschaft. Benbow, Rechtsanwalt, war eine Woche vor den Ereignissen
selbst in die Schnapshöhle geraten, er ist von Goodwins Unschuld
überzeugt und will den beiden selbst- und kostenlos helfen. Dieses
Engagement ist gleichzeitig so etwas wie ein Befreiungsversuch Benbows -
gegen die spießige, selbstgerechte Gesellschaft (Mississipi), symbolisiert
und repräsentiert durch seine Schwester, die sich mit dem Establishment
(Staatsanwalt) liieren will.
Benbows Engagement wird zunichte gemacht durch das Establishment, das sich
vorher einig geworden ist, in Goodwin den Täter zu haben. Als Hauptzeugin
der Seite tritt Temple auf, die bezeugt, dass Goodwin auch in der
Kornkammer war, was stimmt. Was sie verschweigt, ist, dass Popeye die
scheußlichen Dinge mit ihr angestellt hat und wahrscheinlich Tommy gekillt
hatte. Gleich nach der Verurteilung wrd Goodwins Gefängnis angezündet und
er kommt im Feuer um.
Am Schluss kehrt der gebrochene Benbow zu seiner ungeliebten Frau Belle
zurück. Das vorletzte Kapitel stellt Popeyes Kindheit dar, die seine
Entwicklung zum Killer verdeutlicht. Er hat einen Polizisten umgebracht und
lässt sich gleichgültig zum Tod verurteilen. Die letzten Worte, wie
gesagt, gehören Temple, die wieder im sicheren gesellschaftlichen Hafen
angelangt ist.
F.s Gesellschaft besteht fast nur aus Heuchlern, Schurken, Freaks -
Menschen, die getrieben werden und die sich treiben lassen. Lediglich in
Benbow haben wir eine Person, die sich zu emazipieren versucht. Er und die
Frau sind die einzigen Menschen, die Güte repräsentieren. Deswegen der
Titel des Buches?
Der Stil ist schwer gewöhnungsbedürftig. Entsprechend F.s düsterer
Weltsicht werden die Erlebnisse gern aus der personalen Erzählperspektive
geschildert, und zwar ohne Rücksicht auf Verständlichkeit - besonders
krass Temples wahnsinnigen Ängste bei den Männern, ihre Fluchtversuche,
Ängste vor Ratten... In späteren Passagen wird das Geschehen noch einmal
im Zusammenhang erläutert, z.B. im Gespräch zwischen beteiligten
Personen, so dass der Leser die Zusammenhänge herstellen kann.
Nichtsdestwoweniger ein recht mühsamer Leseprozess. Ferner neigt F. zur
Karikatur (z.B. die bessere Gesellschaft: die Puffmutter im Gespräch mit
ihren Freundinnen nach der Leichenfeier von Red) und zur Groteske. Seine
Beschreibungen wirken oft statisch und gelinde gesagt, schwer
nachvollziehbar. Insgesamt muss man mit seiner düsteren Weltsicht
einverstanden sein, um den pathetischen, oft gewollt poetischen Stil gut zu
finden. Er zieht einen mehr in eine Atmosphäre hinein, als überzeitlich
triftige Erkenntnisse über Menschen zu vermitteln, die Nähe zum Stereotyp
ist gegeben. Nur Benbow konnte mich näher interessieren, er schien mir
auch am meisten von Faulkner selbst zu repräsentieren. Saigon, 25.1.2007