Ein Buch mit einer nie aussetzenden Dichtigkeit der Themen
und Einfälle in fünfundsiebzig Statements, Reflexionen
und Reden.
Meine Lieblingsgeschichte geht so, dass er seinen Vater einmal
fragt in welcher Krankenkasse der eigentlich sei und zu seiner
Verblüffung erfährt dass der keine hätte. Die Begründung war, dass
Vater Wagenbach ' natürlich' ausgetreten ist, als die Kassen sich im
Dritten Reich plötzlich weigerten, Rechnungen von jüdischen Ärzten
zu bezahlen. Und Wagenbachs hatten eben wie viele tausende andere auch,
einen jüdischen Arzt.
Und als er seinen Vater fragte, warum er nach dem Krieg nicht wieder eingetreten
sei:
' wurde er ein wenig genant und beschied mich mit der Auskunft:
'War mir zu blöd'.
Und dann kommt der wunderbare Satz:
'Mein Vater hatte irgendeine Schraube, die ihm das lockere Funktionieren
unmöglich machte'.
Es ist ein Kompendium der Zeit- und Literaturgeschichte.
Früh schon reist er auf Kafkas Spuren nach Prag und an die Orte wo
Kafkas Eltern herkamen und schafft es auf abenteuerliche Weise an Dokumente
wie die aus dessen Zeit in der Arbeiter-Unfall-Versicherung heranzukommen.
Einmal reist er nach Israel zu Max Brod und dessen Sekretärin Esther Hoffe.
Brod gibt ihm abends verstohlen immer etwas zum Abschreiben mit und ermahnt
ihn es am nächsten Tag ja so zurückzugeben, dass Esther Hoffe es nicht bemerkt.
Ein anderer Freund stellt ihn seiner Familie mit den Worten vor:
'Hier seht Ihr jetzt einen richtigen Arier'.
Die sechzehn Jahre alte Nichte fixierte ihn scharf und sagte:
'Sieht genauso aus wie a Jud' '.
Viele Reden, darunter die Begräbnisrede für Ulrike Meinhof sind versammelt.
Nachdem sechs andere abgesagt hatten, wurde Wagenbach am Tag zuvor darum
gebeten..
Und er ist im Zusammenhang mit der Erschießung Benno Ohnesorgs und noch eines
anderen Studenten durch Berliner Polizeibeamte der einzige der bestraft wurde.
Er hatte das umgangssprachlich als 'Mord' bezeichnet.
Nicht die Täter, sondern der Kritiker wurde bestraft.
Es gibt den zunächst nicht verständlichen Satz :
'Stammheim war ohne Auschwitz nicht möglich'.
Die verblüffende, bauingenieurmäßige, Auflösung steht im Buch.
Wie es zuging, wenn Erich Fried ein Manuskript abgeschickt hatte, erfährt
man auch. Gestrichene Stellen wurden mit Leukoplast überklebt und, noch ehe
es im Verlag eingetroffen war, trudelten schon telegrafische und telefonische
Korrekturen ein.
Das Wagenbach-Verlagssignet ist von Günter Bruno Fuchs, der ist beerdigt
auf dem Friedhof am Berliner Columbiadamm mit einem Findling als Grabstein,
der seine Körperformen nachzeichnet. Wagenbach beschreibt ihn so:
'Fuchs war dick, freundlich, begabt, das führte zu Irrtümern, denn manchen,
die freundliche Menschen für dumm halten, hörte Fuchs eine Weile lang zu
und sagte dann mit Bärenstimme, wohlartikuliert mit unverkennbarem berliner
lispeln:
'Mein Herr, Sie sind ein hervorragender Idiotenkaiser'.